Erhebet die Herzen
Ein neues, aufwendig produziertes, weitgehend von Überraschungen freies Album mit dem Titel „Prizefighter“ haben Mumford & Sons unter der Regie von Aaron Dessner gemacht.

Mumford & Sons: Prizefighter (Island)
Es ist kein besonderer Hofstaat zu machen mit der Feststellung, dass Coldplay unangefochten die Elite popmusikalischer Uncoolness repräsentieren. Warum das so ist, ist selten wirklich schlüssig aufgedröselt worden – festzuhalten bleibt indes, wie souverän und offensichtlich unbeeindruckt von allen Schmähungen sich die Band mit ihrem weltumarmenden Pathos-Pop-Rock nach wie vor behauptet, Tonträger verkauft und riesige Stadien füllt, während ehemalige Mitbewerber & Zeitgenossen wie Keane, Travis oder Starsailor längst den Ring verlassen haben.
Mumford & Sons sind ursprünglich, wiewohl viel stärker im Folk geerdet (und mehr nach Americana als ihrer Heimat West-London klingend), wegen ihrer Inbrunst und Gefühligkeit auch oft mit Coldplay verglichen worden. Und auch sie behaupten sich, was ihre Publikumswirksamkeit angeht, bis heute unangefochten.
Indessen hat sich das anfangs vier-, nunmehr dreiköpfige, aber zuallermeist von vielen helfenden Händen unterstützte Ensemble um Sänger und Songschreiber Marcus Mumford, der die Söhne nur des ironischen Effekts familiärer Gediegenheit wegen im Namen führt, unauffällig von dieser Spielwiese weggeschlichen.
Zunächst war die Band, wiewohl weltweit erfolgreich, im angloamerikanischen Raum von einflussreichen Meinungsmachern ziemlich abgewatscht worden: Das Branchen-Portal Pitchfork gab ihrem LP-Debüt „Sigh No More“, dem es, sinngemäß zusammengefasst, Seichtheit und das Vorgaukeln nicht wirklich vorhandener Authentizität vorwarf, eine vernichtende Wertung von 2.1 aus zehn möglichen Punkten.
Ein virales Video führte vor, wie oft allein auf den ersten beiden M&S-LPs das Wort „heart“ vorkam, nämlich 65mal.
Interessanterweise sind jedoch bei Pitchfork die Aktien von Mumford & Sons im Laufe der Jahre gestiegen.

Bandleader Marcus Mumford (© Universal Music)
Ihrer tendenziell düsteren, musikalisch mit wuchtigen Streichern und dezenten Dosen Electronica zugespitzten LP „Delta“ von 2018 gewährte das vielerorts als eine Art Zentralorgan popkultureller Relevanz erachtete Online-Magazin erstmals eine überdurchschnittliche Wertung (5.8).
Für Marcus Mumfords erstaunliches, raues Solo-Album „Self-Titled“ (2022) gab´s 6.0; der neue, sechste Mumford & Sons-Longplayer kommt mit 5.9 Punkten auch nicht übel weg.
Nicht einmal ein Jahr nach der weitgehend zurückgenommenen und mit vergleichsweise bescheidenem Personalaufwand entstandenen LP „Rushmere“ veröffentlicht, greift „Prizefighter“ wieder auf bewährte Stilmittel zurück – und in die Vollen, was Gast-Prominenz betrifft.
Viele Gast-Stars in Dessners Studio
Der scheinbar omnipräsente Aaron Dessner, Gitarrist der Alternative-Rock-Band The National und Aufnahmeleiter bei mehreren Platten von Taylor Swift, stellte sein Studio zur Verfügung, hat gemeinsam mit der Band produziert und ist Co-Autor sämtlicher 14 Songs.
Justin Vernon (Bon Iver) machte sich ebenfalls als Co-Autor zweier Stücke und Backgroundsänger im Titelsong nützlich. Auch die vielseitige Singer-Songwriterin Brandi Carlisle schrieb einen Song mit, nämlich „Rubber Band Man“, dem wiederum der irische Folk-Soul-Sänger Hozier seine imposante Stimme leiht; Country-Star Chris Stapleton leistet seinen Whiskey-heiseren Vokalbeitrag im Opener „Here“, während die Sängerinnen Gigi Perez und Gracie Abrams „Icarus“ bzw. „Badlands“ bereichern.
Obwohl sich die Frage stellt, ob Dramaturgie, Inhalte und Mumfords eindringlicher Gesang die zahlreichen Gaststimmen wirklich benötigen, ist das Album das, was sprichwörtlich als runde Sache bezeichnet wird.
Die Musik ist klar grundiert, bewegt sich in einem Tempobereich von langsam bis mittelschnell auf folkigem Grund, ist stellenweise nicht unhübsch mit Streichern wattiert, zeigt beizeiten aber auch Kante durch ruppige Gitarren und/oder exaltierte Gesangsparts.
Die Texte sind so, wie man sie von jemandem, der sich schon fünf LPs lang als emotional-widerständiger Charakter inszeniert hat, halt zu erwarten sind. Von „running“ und „running together“ ist da die Rede; dass man keinen Frieden finden könne, auf einem schmalen Grat gehe, dass man – im Song „Icarus“ natürlich – der Sonne zu nahe gekommen sei, und die Herzen kommen natürlich neuerlich nicht zu kurz.
Weil das den ungerecht einseitigen Eindruck hervorrufen könnte, hier würden etwa nur alte Klischees aufgewärmt, müssen auch ein paar genuine Killerzeilen dagegengehalten werden: „Dying to raise the dead“ etwa, „Had nothing and gave it all away“, „I end where you begin“, oder, ein Dialogfetzen: „,Is this all there is?‘ / What do you mean, is this not enough for you?“.
Mit dem Titel „Prizefighter“ ist übrigens nicht ein Akteur aus dem Verbands-Profiboxen gemeint, sondern einer, der sich – oft in der Hoffnung, für höhere Aufgaben entdeckt zu werden – in den (selten gewordenen) Boxbuden auf Jahrmärkten verdingt. Der Titelsong ergeht sich in Erinnerungen an eine vergangene Liebe, aber auch an vergangenen Erfolg. Eine Art patschertes Leben, das sich da offenbart.

Mumford & Sons: Prizefighter (Island)
Die Musik ist klar grundiert, bewegt sich auf folkigem Grund, zeigt hin und wieder aber auch Kante.



