Gemeinsames Schimpfen und Nörgeln

Mit „The Demise Of Planet X” haben die britischen Sleaford Mods ihr musikalisch bisher komplexestes Album veröffentlicht – und sich eine Reihe von illustren Gästen dazu eingeladen.

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20. Jänner 2026

Sleaford Mods: The Demise Of Planet X (Rough Trade / Beggars)

Seit 2007 treiben die Sleaford Mods als Säulenheilige der englischen Arbeiterklasse und des am Rand der Verwahrlosung agierenden Vorstadt-Prekariats ihr musikalisches Unwesen. Mit ihrer wirkungsvollen Verknüpfung von Electro-Punk und Hip Hop schufen sie einen unverkennbaren Trademark-Sound, der das Klang-Fundament für den wütend-sozialkritischen Spoken-Word-Rant abgab.

Bis 2012 sorgte Simon Parfrement mit Drumcomputer, Laptop, Samples und Loops für die einfachen, rohen Beats und wirkungsvollen Basslinien, zu denen Jason Williamson Gift und Galle spuckte und mit kataloghaften Litaneien gegen gesellschaftliche Entwicklungen, maßlosen Konsumismus, den Zustand des britischen Sozialstaats und die Beschissenheit der Welt agitierte. Ab 2012 übernahm Andrew Fearn die Rolle als Soundbastler an den Drumcomputern, Laptops und Elektronikreglern.

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„The Demise Of Planet X“ heißt das neue Album des Duos aus Nottingham – es ist, man glaubt es kaum, bereits das dreizehnte –, und textlich bleibt alles beim Alten: Jason Williamson schimpft weiter wie ein Rohrspatz über den Zustand Englands und der Welt; der Themenfundus wurde etwas aktualisiert und mit Lamentos über Donald Trump, Fake News, Social Media-Auswüchse, Instastory Doomscrolling und Influencer-Peinlichkeiten erweitert. Gesellschaftliche Schieflagen, soziale Ungleichheit und der Zorn auf das (politische) Establishment sind also weiterhin die Inspirationsquellen für geifernde Wortkaskaden, die sich zu wüsten Stoßgebeten und wütenden Anklagen multiplizieren.

Erweiterung der musikalischen Palette

Manche Kritiker meinten in der jüngeren Vergangenheit, das Duo wäre über die vielen Jahre etwas müde geworden, die Parolen und Slogans hätten sich ebenso abgenützt wie die bekannten Tonarten. Das aktuelle Album beweist indes, dass dieser Vorwurf ins Leere läuft. Der Sound ist vielfältiger und die Produktion komplexer geworden – Northern Soul, Ska, Reggae und Funk sind neue musikalische Facetten, die für mehr Variation sorgen – und das in den Rants verhandelte Material ist relevant und dringlich.

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Überdies schimpft, nörgelt und flucht Jason Williamson nicht mehr alleine, sondern hat sich eine illustre Gästeschar ins Aufnahmestudio eingeladen. Darunter befinden sich u.a. das Birmingham-Duo Big Special, das mit dem Nottingham-Duo für Call & Response sorgt, die wunderbare Sue Tompkins von Life Without Buildings, die „No Touch“ mit ihrer Präsenz veredelt, Rapper Snowy, der auf „Kill List“ mit agitierendem Gesang Akzente setzt, und Aldous Harding, die auf „Elitest G.O.A.T.“ für mehr als einen Hauch Pop-Appeal sorgt.

Auf diese Weise wird das dreizehnte Album der Sleaford Mods trotz all der wütenden Tiraden und „fucking rants“ zu einem musikalischen Plädoyer für Verbundenheit und Gemeinschaft und präsentiert sich als früher Anwärter für die Bestenlisten am Ende des Jahres.

Sleaford Mods: The Demise Of Planet X (Rough Trade / Beggars)