Keine Spur von Altersmilde
US-Rock-Ikone Kim Gordon hat sich auf ihrem dritten Solo-Album „Play Me“ sowohl ihre musikalische Experimentierfreude als auch ihre gedankliche Renitenz erhalten.

Kim Gordon: Play Me (Matador Records / Beggars)
Bei Rock-Ikonen ist die entscheidende Frage: Sind sie in ihrem Legenden-Status erstarrt und haben künstlerisch nichts mehr zu erzählen, oder brennt in ihnen noch ein Feuer, um auch im höheren Alter noch künstlerische Glanztaten folgen zu lassen? Die mittlerweile 72-jährige Kim Gordon beantwortet diese Frage mit ihrem dritten und bisher gelungensten Solo-Album auf überzeugende Art und Weise. Sie präsentiert sich auf „Play Me“ in Hochform und lässt keine Spur von Altersmilde erkennen. Das Album überzeugt mit inhaltlicher Relevanz, intellektueller Schärfe und teils sperrig-minimalistischen, teils rhythmusbetont-repetitiven Sounds und ist definitiv kein Soundtrack zum Entspannen. Produziert wurde das Album von Justin Raisen (Sky Ferreira, Yves Tumor, Charli XCX).
Mit der Band Sonic Youth (neben ihr als Bassistin noch mit Thurston Moore, Lee Ranaldo und Steve Shelley) und den Alben „Sister“, „Daydream Nation“, „Goo“ und „The Eternal“ hatte Kim Gordon Rockgeschichte geschrieben. Und sie hat sich über all die Jahrzehnte ihres künstlerischen Schaffens seither ihre musikalische Experimentierfreude und geistige Renitenz erhalten.
Knappe Appelle & radikale Parolen
Sie richtet ihren Blick nunmehr gezielt auf die insgesamt wenig erfreuliche Gegenwart und nimmt in ihren Songs den Abbau demokratischer Errungenschaften, die Auswüchse des Spätkapitalismus, korrupte Eliten, einfältige Influencer, Spotify-Playlisten, amoralische Tech-Milliardäre und nicht zuletzt auch die Trump-Regierung verbal aufs Korn. Sie tut das, indem sie Sprache verdichtet, verfremdet und komprimiert – ihre Songtexte gleichen aneinandergereihten Appellen und Parolen, die die angesprochenen Themen knapp, radikal und kompromisslos auf den Punkt bringen.
Mit provokanten und plakativen Sätzen wie „I like it when you talk dirty tech to me (yeah,yeah,yeah)”, „You wanna go to mars, and then what?” oder „Are you my white collar service worker?” kritisiert sie nicht nur aktuelle (gesellschafts-)politische Entwicklungen, sondern beklagt auch die Vergänglichkeit alles Schönen. Ihr Gesang ist auch nicht schön – sie grummelt schlecht gelaunt, keift zornig, rapt aggressiv –, aber ausdrucksstark und passt perfekt zu den zumeist zwischen zwei und drei Minuten gehaltenen Songs.
Den Sound bestimmen Trap-, Hip Hop- und Electro-Beats, fragmentierte Samples, Industrial und vermehrt auch Krautrock-Klänge, neben den bekannten Noise- und No-Wave-Rocksounds, die daran erinnern, dass Kim Gordon einst Bassistin bei Sonic Youth war. „Play Me“ ist aber letztlich Kim Gordon pur – ein ungeschliffen-raues und experimentierfreudig-sperriges Selbstporträt einer unverwechselbaren Musikerin.
Anspieltipps: Das titelgebende „Play Me“, „Nail Biter“, „Square Jaw“, „Bye Bye 25”, „Dirty Tech”, „No Hands” und „Not Today”.

Kim Gordon: Play Me (Matador Records / Beggars)
„Play Me“ ist Kim Gordon pur – ein ungeschliffen-raues und experimentier- freudig-sperriges Selbstporträt einer unverwechselbaren Musikerin.



