Milben im kosmischen Staub

Eine „Supergroup“ aus österreichischen Punk-Veteranen hat sich unter dem Namen Post formiert und ein launiges Album mit dem Titel „Go Boomer Go!“ veröffentlicht.

Von
11. April 2026

Post: Go Boomer Go! (Voller Sound)

Das wirkt zunächst nur museal: Wütende Inhalte machen sich, als wäre 1976, in 3-Akkorde-Punk-Rock Luft – geradeaus oder, wie manche Zeitgenossen sowas gern nennen, schnörkellos; ohne irgendeinen Twist, der dem Ganzen textlich oder musikalisch einen Hintersinn gibt.

Charme hat das ja – aber brauchen wir das wirklich jetzt, 2026?

Was hier unter dem Namen Post agiert, ist eine Art Supergroup des österreichischen Punk: Rainer Krispel, bekannt (u.a.) durch die Linzer Formationen Seven Sioux und Schwester, am Mikro, Christian Unger von einer weiteren Linzer Band-Legende, Willi Warma, am Schlagzeug, Tom Niesner, vom Waschzettel des Labels Voller Sound neckisch gebrandet als „Bassist des Vertrauens so gut wie aller Größen des Austropop“, und Robert Wolf, der Kopf der mit Pionier-Meriten geadelten Formation Chuzpe, als Gitarrist. „Go Boomer Go!“ heißt ihr eben veröffentlichter Longplayer.

Oberflächlich betrachtet steht vieles bei Projekt und Platte im Zeichen Wolfs: Der erste Song „Räudige Post“ weckt Assoziationen zum Spitznamen „Räudig“, den sich Robert Wolf als Sänger, Gitarrist und Texter von Chuzpe anfangs umhängte, und auch der Bandname „Post“ ist stark mit Wolf konnotiert, hat dieser doch beim staatlichen Zustelldienst gleichen Namens bis zu seiner regulären Pensionierung (2018) gearbeitet.

For privacy reasons YouTube needs your permission to be loaded. For more details, please see our Datenschutzerklärung.

Vorteilhaft fürs Image war dieser Brotberuf übrigens nicht. „Chuzpe hatte immer ein schwieriges Standing – auch wegen mir als ,dem Postler‘“, erzählte mir Wolf im April 2019 in einem Interview  für die „Wiener Zeitung“. „Bilgeri war ,der Rockprofessor‘, ebenso Stefan Weber. Falco war ,der Hölzel-Hansi‘. Man hat immer geschaut, dass man die Leute klein macht: ,Der Danzer-Schurli‘, ,der Ambros-Wolferl‘.

Abwechselnd Dialekt und Hochdeutsch

Allen Signalen zum Trotz ist Robert Wolf bei Post (dieser Post jedenfalls) eher unter seinen Möglichkeiten repräsentiert. Denn er, der mit Chuzpe schon Ende der 1970er-Jahre die Limitationen des Genres Punk überwunden, mit einer gelungenen Coverversion von Joy Divisions „Love Will Tear Us Apart“ und eigenen Kreationen wie „Zu klug für diese Welt“ und dem Album „1000 Takte Tanz“ (1982) der New Wave in Österreich maßgeblich auf die Beine geholfen hat und auch als Solist nicht die Neugier auf neue Einflüsse (vor allem durch elektronische Musik) verloren hat, ist hier beschränkt auf – immerhin schneidige – Gitarren-Riffs, ein paar Sound-Effekte und vereinzelte, nicht immer übertrieben inspirierte Soli. Hervorragend zur Geltung kommt dafür Tom Niesner mit seinem druckvollen, gerade bei instrumentaler Minimalausstattung (wie hier) so enorm wichtigem Bass.

Post (v.l.): Robert Wolf, Tom Niesner, Christian Unger, Rainer Krispel (© Post)

Die Rampe gehört indes eindeutig dem zwei, drei Generationen jüngeren Rainer Krispel, der auch – so suggerieren das Gefühl und der Vergleich mit seinen bisherigen deutschsprachigen Projekten – hauptverantwortlich für die (abwechselnd im Dialekt und auf Hochdeutsch vorgetragenen) Texte scheint.

Diese freilich – ihre Wahrheit, ihre Schärfe, ihre Relevanz, bisweilen auch ihr Witz – geben der Platte dort, wo sie auf besonders zugespitzte Dynamiken treffen, einige hochklassige Momente: „Im kosmischen Staub sind wir maximal Milben / In der Sprache des Alls sind wir nicht einmal Silben“, heißt es in „Alles ist besser als wir“, das von einem dringlichen Bass angetrieben und gleich zu Beginn von einer wilden Distortion-Gitarre durchkreuzt wird.

Besonders schön ist, dass die Inhalte durchaus die eigene Hinfälligkeit, sogar potentielle Lächerlichkeit mitreflektieren – ohne diese Lächerlichkeit auf Standpunkte, die man sein Leben lang eingenommen hat, Dinge, für die man eingetreten ist, die einen geprägt haben, zu übertragen.
Amoi no nächtelang durch d‘ Stodt ziagn / Amoi no Guns Of Brixton hern / Ohne Würde sei, peinlich owa frei / Kurz: Amoi no so richtig deppert sei“, davon träumt ein Altersheim-Insasse im Titelsong „Go Boomer Go!“.

For privacy reasons YouTube needs your permission to be loaded. For more details, please see our Datenschutzerklärung.

Ewige Ärgernisse wie die Anmaßungen und die nimmersatte Gier der Reichen, schlimme Zeiterscheinungen wie Verschwörungs-Anhänger und Auszucker der Deklassierten und eher allgemein-existenzielle Erfahrungen wie das Davongleiten unerfüllter Träume werden umstandslos auf die Hörner genommen und ungeschönt in den Äther geschleudert – da hat ein Titel wie „Räudige Post“ und die damit bezeichnete Art der Botschaftsvermittliung schon seine Richtigkeit.
Und Stück für Stück renkt sich anfängliche Irritation ein und lässt das große Bild erkennen. Kein schönes Bild, aber ein anschaulich gezeichnetes. Und das ist just auch der archaischen musikalischen Form geschuldet.
Und damit ist auch die eingängliche Frage, ob wir das jetzt, 2026, brauchen, hinlänglich beantwortet.

Post: Go Boomer Go! (Voller Sound)

Titel wie „Räudige Post" passen durchaus stimmig zu der Art, wie die Inhalte vermittelt werden.