Mit spitzer Zunge und schrägem Blickwinkel
Trotz manch bitterer inhaltlicher Note(n) musikalisch das reine & helle Vergnügen: „Hope and Fury“, das neue Album des englischen Sängers & Pianisten Joe Jackson.

Joe Jackson: Hope and Fury (EarMusic/Edel)
Es war ein unvergesslicher Auftritt, als Joe Jackson 1983 bei der schon damals legendären TV-Konzertserie „Rockpalast“ in der Essener Grugahalle vorne an die Bühnenrampe trat, einen Blick in die davor versammelte Menge warf und ins Mikro sagte: „Never seen so much drunken Germans!“
Sprach’s, drehte sich um – und legte los, mit diesem treibenden Shuffle aus Ska, Pop und Swing, für den der britische Sänger und Pianist bereits zu jener Zeit, nach vier erfolgreichen Alben, bekannt & berühmt war.
Frech, forsch und feist ist der mittlerweile 71-Jährige bis zum heutigen Tage geblieben. Und auch an seiner musikalischen Mixtur hat sich, nach Ausflügen ins leicht Überambitionierte (wie etwa mit der Jazzrock-Oper „Symphony No. 1“, 1999), nicht allzu viel verändert: sie ist so klassisch wie zeitlos gut. Und auch betrunkene Deutsche (von seinen Landsleuten mal ganz zu schweigen) wird er in der Zwischenzeit genügend weitere gesehen haben.
Gleich im ersten Song seines gerade neu erschienenen Albums „Hope and Fury“, „Welcome To Burning-by-Sea“ (am Plattencover piktoral passend umgesetzt), gibt es eine Aufzählung von Getränken, die in einer halb-fiktiven englischen Provinzstadt feilgeboten werden, um ihr einen Touch von Welthaftigkeit zu verleihen (der dann freilich in öden Shoppingmalls verkümmert): „Red Bull, champagne, lager and coke (…)/ Hampshire wine, Yorkshire tea/ Single malt, Mickey D“, gibt’s da – aber auch: „We got the sand, we got the sea/ We got fish and chip’s with an apostrophe“.
Raffinierter Lyriker & famoser Songwriter
Joe Jackson, 1954 als David Ian Jackson in der Kleinstadt Burton upon Trent geboren und in Portsmouth aufgewachsen, ist – als Arbeiterkind mit (musik)akademischer Ausbildung – ein so pointierter wie raffinierter Lyriker, und ein handwerklich famoser Songschreiber. Sein Blick auf vorwiegend englische Lebensverhältnisse ist – trotz vieler Lebensjahre in New York und Berlin – stets unverfänglich kritisch, aber in genuin eigenständiger Diktion gehalten (geblieben).

Promille-Späher einst & -genießer heute: Joe Jackson (c) Frank Veronsky
Auch das neue Album, das so frisch und unverbraucht klingt wie das mittlerweile zum Klassiker avancierte „Night and Day“ (1982), enthält ein ganzes Kaleidoskop an derlei ironisch bis sarkastisch erweiterten (und verschärften) Blickwinkeln. Wie etwa in „The Face“, einem Song über das Auseinanderklaffen von sozialem Anspruch & trister Realität: „I’m the guy at the desk by the door/ You won’t see me upstairs with the boss/ I’m not one of the left behind/ But you could say I’m one of the left out and lost…“
Dieser Song, den der Autor des deutschen „Rolling Stone“ (der Jackson für die aktuelle April-Ausgabe zu einem ausführlichen Gespräch traf – und dem ansonsten wenig Auskunftsfreudigen erstaunlich viele Infos & Sager entlockte) für einen „Zwitter aus Sting und Genesis“ hält, erinnert den Autor dieser Zeilen mit seinen kunstvoll gedrechselten Duetten von Klavier und Gitarren an einen anderen englischen (Rock-)Traditionalisten: nämlich an Ian Anderson und dessen Jethro-Tull-Tändeleien.
Typische Stop-and-go-Songs
Welch feines Pop-Händchen der Mann mit der spitzen Zunge und dem markanten Kopf, der ein wenig aussieht wie eine ins Reale übertragene Cartoon-Version von Hergés Tintin (oder Erich Kästners Detektiv Emil), hat, zeigt sich in keinem (neuen) Song so exemplarisch wie in „Fabulous People“, der gleich eingangs von einem pianistischen Arpeggio angetrieben wird, das jenem von „Steppin’ Out“ ähnelt, Jackson’s wohl berühmtestem Song (aus 1982), wie der Brite u.a. in einem (Erklär-)Video zum neuen Album selbst ausführt. Und der Refrain – „Can I be one of the fabulous people/ Always fun and never scared/ I tried beeing myself, but no one cared“ – ist trotz bitterer inhaltlicher Note(n) harmonisch das reine & helle Vergnügen.
„After All This Time“ ist ein weiterer typischer Jackson-Song, mit einprägsamem Chorus und glockenhellen Pianoläufen, am Bass begleitet von all-time-Companion Graham Maby. Diese Art von Stop-and-go-Songs erinnert an ähnlich agierende (& musizierende) Altvordere wie Graham Parker oder Nick Lowe, und, ja, auch an Elvis Costello, mit dem Jackson aber gar nicht so gerne verglichen werden will. Das – so verrät er im „Rolling Stone“ – will er viel lieber mit dem einstigen Mastermind von XTC, Andy Partridge, oder mit Ron Mael von den Sparks (dem kauzigen Mann mit dem Oberlippenbärtchen, einem ähnlich auftretenden – und aussehenden – Exzentriker).
80-Städte-Tournee mit Wien-Stopp
„See You In September“ heißt die letzte der neun Nummern auf „Hope and Fury“, ein musicalhafter, leicht überladener und überarrangierter Song (wie sie JJ meist auch irgendwo im Gepäck hat). Der Titel stimmt für Wien-Fans des reise- und auftrittslustigen Briten nicht ganz, denn hierher kommt Jackson im Rahmen (s)einer wahrlich ausgedehnten 80-Städtetour (die im Mai in Nordamerika beginnt) erst im November, und zwar am 16. 11., ins St. Marxer Globe Theater. Unwahrscheinlich, dass dem Promille-Späher dort eine Horde an übermäßig Trinkfreudigen auffallen wird. Aber was weiß man schon.
Weil namentlich einfach naheliegend, hängen wir hier – als kleine Coda (vielleicht auch weil der letzte JJ-Song nicht ganz so befriedigend ausfällt) – noch einen Hinweis auf die niederländisch-britische Songwriterin Tessa Rose Jackson und ihr heuer im Jänner erschienenes Album „The Lighthouse“ (Tiny Tiger Rec.) an, dessen feine, unaufgeregte Machart – einer Mischung aus Indie-Folk und Smooth-Soul-Singalong – zwar weniger temperamentvoll (und selbstgewiss) ausfällt, aber handwerklich durchaus an jene von Namensvetter Joe heranreicht, wovon der Song „The Bricks That Make The Building“ zeugt. Prost.

Joe Jackson: Hope and Fury (EarMusic/Edel)
Frech, forsch und feist ist der 71-Jährige bis zum heutigen Tage geblieben. Und auch an seiner musikalischen Mixtur hat sich nicht viel verändert: sie ist so klassisch wie zeitlos gut (geblieben).



