Tanzend die Welt umarmen

Von viel verzichtbarem Mediengetöse angekündigt, zeigt Harry Styles‘ viertes Album „Kiss All The Time. Disco, Occasionally.“ durchaus austarierte Tendenzen Richtung Dancefloor und Electro-Pop.

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10. März 2026

Harry Styles: Kiss All The Time. Disco, Occasionally.(Columbia)

Früher einmal, wo nichts besser war und nur die Dummheiten andere, ihren heutigen Nachfolgern oft diametral entgegengesetze Richtungen einschlugen, wurde erfolgreichen Pop-Acts gerne einmal mit einer gewissen Reserve begegnet. Tom Petty etwa hat wegen eben seiner Breitenwirkung gerade in unseren Landen nicht immer die Anerkennung gekriegt, die ihm gebührt hätte. Auch sein guter Kumpel Jeff Lynne ist bisweilen leichtfertig als Hit-Dodl und nicht als genialer Songschreiber (ab)gewertet worden.

Heute dagegen wird uns gehirnwäscheartig die Gleichsetzung von Marktgröße und künstlerischer Relevanz vorexerziert. Und wie ein ausgehungertes Raubtier-Rudel stürzen wir uns auf alles, was uns als groß verkauft wird.
Was ist es? Angst, „den Anschluss zu verpassen“?
Anschluss an was? Den musikalischen Zeitgeist? Wichtige pophistorische, womöglich soziokulturelle Entwicklungen? Die universale Verbrüderung der Coolen gar?

Muss ich also Bruno Mars gut finden, weil „The Romantic“ eben bei Billboard auf Platz 1 eingestiegen ist?
(Antwort: Nein, ich langweile mich bei diesem seichten Geplätscher zu Tode – Romantik hin, gleicher Vorname her. Und kein Trend-Apologet wird es mir schönreden/-schreiben können.)

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Nun ist Harry Styles vergleichsweise eine bis eineinhalb Klassen höher anzusiedeln. Aber das hysterische Gedöns um sein neues Album „Kiss All The Time. Disco, Occasionally.“ beleidigt ebenfalls alles, was diese Welt noch an Augenmaß übergelassen haben mag.

„Together, together…“

Gebetsmühlenartig ist es uns schon Monate vor der Veröffentlichung der Platte eingehämmert worden: Dass Harry Styles jetzt in Berlin lebt. Dass es ihn in die Clubs und Discos ziehe. Dass sich das auf dem Album niederschlage. Dass er nun sich an Kraftwerk und LCD Soundsystem orientierte (immerhin ist der Text von „American Girls“ ähnlich dämlich wie der von LCD Soundsystems „Drunk Girls“).

Und dass er heuer auf Residency Tour geht, sprich: nur wenige Orte öfter bespielt. Wien ist nicht darunter, seine Wahlheimat Berlin übrigens auch nicht; Amsterdam (10 Auftritte zwischen 16. Mai und 5. Juni) wird die geographisch nächste Stadt sein. Die Karten sind extrem teuer.
Ich glaube, man kann etwas kreieren, das nicht jede Nacht reisen muss“, „erklärt“ Harry Styles nicht ohne egozentrische Originalität die abgezockte Big-Business-Strategie in einem Interview, das schon vor der Tour um die Welt gegangen ist. „Das alles erlaubt mir auch, in meinem Leben zu bleiben, während ich es mache. Und ich glaube, dass es mir erlaubt, mich besser um mich selbst zu kümmern, was mich wiederum besser macht.“

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Das Motto der Tour heißt übrigen „Together, together“. Das ist bei Styles so ein Standardterminus wie bei einem auf Outlaw machenden Interpreten eine Phrase wie „On the run“ oder „On the edge“.
We belong together“ heißt es denn auch im wohltemperierten, House-beeinflussten Electro-Pop-Song „Aperture“, der Styles neuen Longplayer einleitet.

Ansonsten sind da in den Texten ein paar Versuche in Sarkasmus, weil Beziehungen heutzutage so kompliziert sind, ein paar ganz sachte Reflexionen der eigenen Star-Existenz, aber der Großteil ist ungefähr von dieser Güteklasse: „Holding, holding out / Hoping you will love me now“. „Does all of this seem to be bringing us closer?“. „I wanna take up all your time“. „You just need a litte love“. „I know what you like, I know what you’ll really like“.

Harry Styles ist kein genialer Wortschmied; das verbal bei weitem Raffinierteste am neuen Album ist der Titel mit seinen praktischen Tipps zur Lebensgestaltung zu zweit (siehe wieder „together“): Küssen – immer. Disco – gelegentlich.

Autorität als Sänger und Songschreiber

Als Sänger und Songschreiber ist Styles allerdings die sprichwörtliche Klasse für sich: Bei allem technologischen Aufwand behält er in der Produktion seiner bewährten Partner und Co-Autoren Thomas Hull (Kid Harpoon) und Tyler Johnson immer seine natürliche Autorität und wird nie zu deren Passagier. Nicht einmal harsche Verfremdungen seiner Faserschmeichler-Stimme im seriell-elektronisch angelegten, aber von einer akustischen Gitarre durchbrochenen „Ready, Steady, Go!“ können ihm etwas anhaben.

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Erkennbar sind die Dancefloor- und Disco-Einflüsse, die Synthi-Bässe, Drum-Computer und der eine oder andere Seitenblick auf Industrial-Sounds nicht als Modernismen um der Modernität willen eingesetzt, sondern als – bisweilen kontrapunktische und größerenteils durchaus interessante – Bereicherungen von Styles‘ hymnischem Weltumarmungs-Pop. Da sich dazwischen und/oder darum herum auch akustische und elektrische Gitarren schlängeln, echte Drums die Dynamik akzentuieren und sich Streicher ausbreiten, bleibt auch ein organischer Appeal erhalten.

Außerdem hat Styles keineswegs ganz vom Schwelgen abgelassen: Das von Streicherwänden und -arpeggios durchzogene „Coming Up Roses“ etwa, das einzige Stück, das er allein geschrieben hat, suhlt sich in feierlichem Pathos.
Von der Eleganz der Schlichtheit lebt dagegen „Paint By Numbers“, während das abschließende, zügig-wendige „Carla´s Song“ mit besonderer melodischer Grandezza glänzt.

Grosso modo also eine durchaus gelungene Übung, dieses vierte Album. Wenn man einfach einmal die ganze Begleitmusik vergisst.

 

 

Harry Styles: Kiss All The Time. Disco, Occasionally.(Columbia)

Bei aller technologischen „Aufrüstung" hat Styles keineswegs vom großen Schwelgen abgelassen.