Vorgeprescht

Auf seinem vierten Album „Gschnas" greift Voodoo Jürgens mit maßgeblicher Unterstützung seiner Band Ansa Panier in die Vollen, um ein üppiges, vielseitiges und, ja, im Endeffekt weltumarmendes Werk zu liefern.

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26. März 2026

Voodoo Jürgens: Gschnas (Lotterlabel)

Voodoo Jürgens ist vorgeprescht. Und wie es Vorpreschen so an sich hat, hat er dabei einiges hinter sich gelassen: Ein Karriere-Profil, das er noch länger komfortabel beackern hätte können; imagestarke Inkarnationen als Strizzi-Darsteller, kontemporärer Dialekt-Liedermacher, Protagonist des neuen Wienerlieds.

Mit seiner vierten LP „Gschnas“ ist der Mann, der dem Vernehmen nach nicht allzugern seinen bürgerlichen Namen David Öllerer in Medien hört und liest, ungefähr dort angelangt, wo Nick Cave mit „Wild God“ hingekommen ist: Beim großen, üppigen Opus, dem weltumarmenden Gestus.
Nicht wirklich opus magnum – denn das würde es überproportional vom bisher Veröffentlichten abheben, wozu kein Grund besteht -, aber der beherzte, zielsichere Griff in die Vollen. „Wundertüte“ darf gesagt werden.

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Vorangegangen sind „Gschnas“ Voodoo Jürgens´ Debüt als Film(haupt)darsteller in Adrian Goigingers Filmkomödie „Rickerl“ (2024), das mit dem Österreichischen Filmpreis (männliche Hauptrolle) honoriert worden ist, und Ausstellungen seiner Acrylbilder, die (wie das eigenhändig gefertigte Cover von „Gschnas“) im Großen und Ganzen das, was er als Sänger transportiert, auf Leinen übertragen: Realsatirische Studien aus den Spelunken und Tschocherln, aus den Milieus der Trankler, Spieler und Spinner, die selten was auf die Reihe kriegen.

Erwähnt werden muss in diesem Zusammenhang aber auch eine Arbeit, die – ein wenig vergleichbar der Bedeutung, die z.B. die zahlreichen zwischen die LPs gestreuten Maxi-Single- und EP-Veröffentlichungen für Zach Condons Projekt Beirut haben – im Œuvre des Voodoo Jürgens zwar gewiss keinen großen Stellenwert einnimmt, als Spielwiese für Experimente aber sehr wohl Einfluss auf seine weitere Wegrichtung hatte: Im Soundtrack zu „Sargnagel, der Film“ (2021) versucht sich der Musiker etwa am Jazz, der dann wohldosiert und stimmig in die nächste LP „Wie die Nocht noch jung wor“ (2022) eingesickert ist und auf „Gschnas“ das eigenwillige „Somnabulen“ akzentuiert.

Offene Arme, offenes Herz

„Gschnas“ als „weltumarmend“ zu bezeichnen, wie oben geschehen, bedarf einer Erläuterung, zumal die Mehrzahl der Inhalte in eine eher düstere Richtung geht.

Weltumarmend: Voodoo Jürgens (© Susanne Hassler-Smith)

Es ist die furchtlose Bereitschaft zur musikalischen Erweiterung, die an offene Arme und ein offenes Herz denken lässt. Im mächtig und sogar ein wenig feierlich wirkenden, dabei eigentlich recht einfach mit Orgel und ausgelassenen Hintergundstimmen arrangierten Titelsong wird denn auch tatsächlich jubiliert: Spaß soll man haben, gefeiert soll werden; kurz: „Olle soin was davon haum“.

Dass die Musik zum Gelingen eines ehrgeizigen Projekts wie „Gschnas“ unabdingbar alle Freiheiten zur Entfaltung beansprucht, verstärkt zwingend die Präsenz und Kompetenzen der als Ansa Panier bekannten Begleitband und äußert sich auch formal darin, dass David Schweighart, Bernd Lichtscheidl, Martin Dvoran, Matthias Frey und Alexander Kranabetter hier als Ko-Komponisten verzeichnet sind.

Ein versierter Produzent schadet auch nicht. Und bei „Gschnas“ führte Wolfgang Lehmann das Kommando über die Regler.
Was er zuletzt erfolgreich mit Naked Lunchs „Lights And A Slight Taste Of Death“ schaffte, nämlich bei aller Opulenz doch ein klares, transparentes, spannungsreiches Klangbild zu schaffen, gelingt ihm hier nachgerade in Vollendung.

Anders als früher kam diesmal bei der Kreation der Stücke zuerst die Musik und dann erst das Wort. Das hatte gewisse Auswirkungen auf die Inhalte – nicht aber dergestalt, dass sich nun überhaupt keine vertrauten Topics mehr darin wiederfänden.
Der „Taxitänzer“ zum Beispiel ist typisches Voodoo-Personal: Einer, der bei Tanzveranstaltungen mit Vorstadt-Casanova-Schmäh – „auf geschmeidig / locker flockig / so rennt des bei mia o“ – Frauen zum Tanzen zu animieren versucht. Ein klein wenig sympathisch – eine für Jürgens charakteristische Ambivalenz in der Figurenzeichnung – wird der Taxitänzer sogar, als er behauptet, er mache das nicht nur als „Hockn“, sondern Tanzen mache ihm wirklich Freude.

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In keinster Weise vertrauenserweckend ist dagegen der Vermieter, der einem Paar eine desolate Wohnung anzudrehen versucht, in der, wie ein Blutfleck im Teppich vermuten lässt, einmal ein Verbrechen passiert sein könnte („Guade Stubn“).

Existenzialistisches Grübeln und Schlaflosigkeit

Allmähliche Entfremdung ist angesagt im eröffnenden „Langsam wirst ma fremd“, einem dieser im Kern balladesken, dabei aber nicht unflotten, lakonisch interpretierten Stücke wie „Tulln“, das sich auf dem Debütalbum „Ansa Woar“ (2016) noch wie ein Kontrastprogramm zu den prägnanten Sketches und Mini-Hörspielen ausnahm, auf lange Sicht aber als eine Art Prototyp für den besonders schönen Voodoo-Jürgens-Song darstellt.

Um die verpassten Karrierechancen eines Saxophonisten, der – nicht ausgesprochen, aber vermutlich aus Trägheit – sogar ein Angebot Frank Zappas in den Wind geschlagen hat, geht es im herzerweichenden „Da Dings“, das einen Folk-artigen Song mit einer Belcanto-Gesangsmelodie, ironisch widerhallenden Hintergrund-Chören und flächiger Orgel mit leichtem Soul-Touch vermischt.

Mehrmals kommt dieses „Gschnas“ ins existenzialistische Grübeln. Träume vom Verschwinden auf Nimmerwiedersehen werden da geäußert, der Zustand der Welt wird – ohne die geringste Dosis Bedenk-oh-Mensch-Pathos – in Augenschein genommen.

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Metaphorisch eindrucksvoll übermittelt Öllerer über einem insistenten Rock-Groove das Thema Frontenstellung in „De an und de aundan“; noch imposanter aber gerät das Hinterfragen von Lebenspositionen, vermittelt über einen (großteils) langsamen, hypnotischen, von Trauerbläsern und rollendem Synthie getragenen Blues: „Da Zweifl wird zum Parasit / und i zum Wirt der erm ollas gibt“.

Der finale Teil der Platte gehört offensichtlich der Schlaflosigkeit. Während „Somnabulen“ nur wenig Text hat und eine mögliche psychische Dissoziation vielmehr über einen jazzigen Ausbruch andeutet, kommt es im getragenen „Ka Ruah“ noch zu einem versöhnlichen Abschluss: „Du findst heit Nocht ka Ruah, na / mit Surgn bist bedocht / und du merkst, dass langsam / a Liad auf deine Lippn wochst“.
Das Lied vom gequälten Künstler, der seiner Qual letztendlich kreativen Gewinn abzuringen weiß.

Live (ohne Listung ausverkaufter Termine):

07.04.2026 – Treibhaus, Innsbruck
08.04.2026 – Treibhaus, Innsbruck
09.04.2026 – Spielboden, Dornbirn
10.04.2026 – Rockhouse, Salzburg
11.04.2026 – Kino Ebensee
16.04.2026 – Posthof, Linz
17.04.2026 – Forum Kloster, Gleisdorf
18.04.2026 – Fritz Club, Klagenfurt
30.04.2026 – Festspielhaus, St. Pölten
05.06.2026 – KiK Ried Open Air
13.06.2026 – Kuz, Mattersburg
14.08.2026 – Donaubühne Tulln
24.09.2026 – Arena Open Air, Wien

Voodoo Jürgens: Gschnas (Lotterlabel)

Dass die Musik zum Gelingen dieser Platte unabdingbar alle Freiheiten zur Entfaltung beansprucht, verstärkt zwingend die Präsenz der als Ansa Panier bekannten Begleitband.