Was in der kalten Jahreszeit gut war

Gewohnt viel Exzellenz hat Österreichs Spätherbst- und Winter-Produktion anzubieten. Teil 1: Melancholische Stimmungsbilder aus Favoriten, hybride Elektronik, junge Singer/Songwriter-Kunst, Drama-Pop, tolle Chöre.

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1. April 2026

Die famose Anja Om (Mitte) und ihr ebenso famoser Chor (© Reithofer Media)

Wie unvermeidlich üblich, hat sich, während wir händeringend den interantionalen Aufregern (und Nieten) der Saison nachgejagt sind, jede Menge erstklassige Musik aus Österreich angesammelt, die, wie ebenfalls üblich, in Schüben hier vorgestellt wird. Diese erste Auswahl, der in Kürze weitere folgen werden, umfasst, jahresübergreifend, die heimische Produktion aus der kalten Jahreszeit.

Nachdem er an Reglern und Mischpult schon etliche namhafte Größen wie Wanda, Granada, Lil Julez oder Kahlenberg unterstützt hat, stellt sich Patrick Vanek als Kurpark nun selbst in die Auslage.
Und man merkt seiner Musik, die noch die Frische eines Newcomers, aber die Zielsicherheit und Kompetenz einer bereits eingearbeiteten Kraft vermittelt, an, dass hier jemand am Werk ist, der weiß, wie´s geht und was er will.

Ende letzten Jahren hat Kurpark ein großartiges Album mit dem Titel „Favoriten“ (Problembär Records) herausgebracht. Dieser Titel ist, weil er kurz und prägnant auf einen gemeinhin als nicht wirklich attraktiv geltenden Lebensraum hinweist, auf nachgerade geniale Weise programmatisch für das Werk. Das ist Musik, die sich aus den Fahrwasser britischer Weltuntergangsästheten der New Wave-Ära wie The Cure, Joy Division oder The Comsat Angels freigeschwommen hat: Schwirrende Gitarrenläufe fräsen sich in Begleitung von Synthies durch diszipliniert-monotone Rhythmusstrukturen und verbünden sich mit Vaneks sonor-melancholischer Stimme zu kühler Eleganz.

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Den Texten, in denen sich auch der teilweise bereits suburbane Charakter des zehnten Bezirks und eine gewisse architektonische wie auch emotionale Tristesse spiegeln, eignet eine Illusionslose Klarsichtigkeit, die man düster finden kann, aber – in ihrem gelassenen Hinnehmen des Gegebenen – nicht muss: „Steig ein, wir fahr’n in meine Welt / Zwischen Autobahn, Brücken und Zelt / Diese Stadt wird größer, wie sie’s immer tut / Man sieht dem Bеton hier beim Wachsen zu“ heißt es im Titelsong „Favoriten“.

Earl Mobley, im bürgerlichen Leben Konstantin Heidler, war u.a. Gitarrist des eleganten, Kurpark stilistisch übrigens nicht völlig unähnlichen Quintetts VAGUE. Als Solist zieht es ihn in eine deutlich elektronischere Richtung.
Seine Single „Money & Time“ (Borkum Riff Records) vermischt verschiedene vertraute Elemente zu einem spannenden Stil-Bastard: Die Gesangsmelodie klingt an die Pet Shop Boys an, zumal Mobleys Stimme der Neil Tennants ziemlich ähnelt; der frenetische Dance-Beat erinnert (u.a.) an die Primal Scream von „Swastica Eyes“ , während zwischendurch eingestreute Dissonanzen und Breaks dem Ganzen auch noch einen quasi-avantgardistischen – im elektronischen Kontext gern: futuristischen – Einschlag geben.

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Die 24jährige, aus der Steiermark stammende Songwriterin Johanna Gußmagg, die als künstlerisches Alias den Namen Jo The Man The Music angenommen hat, weiß um die Nichtigkeit überzogener Ansprüche wie den, das Rad neu erfinden zu wollen. Es reicht schon, die eigenen Reviere sorgfältig zu kultivieren: Singer/Songwriter-Sehnsuchts-Pop, der eine zarte Stimme, hübsche Melodien und bisweilen empfindsame, aber auch in die Offensive gehende Texte mit Rock-Gitarren, Vogelgezwitscher oder einer Klarinette kombiniert.
Anfang dieses Jahres hat die Sängerin und Gitarristin die EP „Soft Skin“ (Ink Music) veröffentlicht. Schon letztes Jahr hat Jo The Man The Music mit dem beschwingten „Skinny Dipping“ einen kleineren Indie-Hit gelandet; erwachendes Selbstbewusstsein führt nun die aktuelle Single „Shoulders“ vor: „I grew up, you just grew older / Fuck those manly big strong shoulders / I just lean onto my own for now“.

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Die Story ist einfach zu gut, um sie unerzählt zu lassen, und obendrein ist sie angeblich auch wahr. Die Spanierin Patricia Narbón, die in Wien Mode studiert hat, und der iranischstämmige Schlagzeuger Paul Majdzadeh-Ameli haben sich via Dating-App kennengelernt. Weil auch Narbón eine musikalische Ausbildung (als Pianistin) hat, entstanden Ambitionen und mündeten schließlich in ein gemeinsames Projekt mit dem Namen Atzur.

Gemeinsam schauen sie in die Zukunft: Atzur (@ Tim Cavadini)

Aber erst nachdem die beiden ihre Lektionen mit Business-Haien („gute“ Ratschläge, Umkrempelungsversuche, Abzocke, das volle Programm) hinter sich gebracht hatten, konnte Atzur richtig durchstarten: Schnell erwarb sich das Duo eine Reputation als Live-Attraktion, und sein im Februar veröffentlichtes (zweites) Album „Humble“ (The Holy Cow Records) geizt nun wahrlich nicht mit großen Gesten: Drama-Pop, ohne Orchester zu orchestralem Pathos aufgedonnert, mit arienhaften, an Meat Loaf und Queen zur Zeit von „A Night At The Opera“ erinnernden englisch-spanischsprachigen Gesangsarrangements und Inhalten, die um Selbstbehauptung gegen eine von Widerständen, falschen Fuffzigern und Vorurteilen geprägte Umwelt ringen. Recht schön bringen etwa der LP-Opener „A Gentle Kind Of Ruthlessness“ und der Titeltrack „Humble“ diesen Kampf um einen guten Platz in einem Haifischbecken zum Ausdruck.

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So wie Jo The Man The Music ist Anja Obermayer in der Steiermark geboren und lebt in Wien. Sie hat u.a. mit den Landsleuten Conchita Wurst und Granada gearbeitet, ist Bandmitglied bei Lylit und agiert im Duo mit dem Trompeter Mario Rom. Ziemlich früher (2014-17) war sie Mitglied einer Grazer Theatergruppe mit dem schönen Namen Musicact.

Seit Jahren macht Obermayer als Anja Om ausgefallene, famose Popmusik, die – mindestens! – die selbe Akklamation verdienen würde wie jene von OSKA, es aber aus irgendwelchen widrigen Gründen nicht geschafft hat.
Neben ihren solistischen Aktivitäten betreibt Obermayer auch einen Chor; Anja Om Plus nennt sich das Projekt, das vor kurzem ein tolle LP, „Tiny Little Boat“ (Selftape Records) veröffentlicht hat (Besprechung folgt).

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Vorangegangen ist ihr der Song „You Do You“, der aufgekratzte Stimmen zu nicht mehr als Schlagwerk-Begleitung aquarellartig in- und auseinanderfließen lässt.

Auch der Schmusechor lässt wieder vielstimmig von sich hören, wenn auch etwas gedämpfter und nachdenklicher als gewohnt: Mit seiner neuen Single (Ink Music) stellt er, basierend auf einem Hit des französischen Künstlers Lucky Love, Vorstellungen von „Masculinity“ zur Disposition. Unter dem Taktstock von Verena Giesinger nimmt die Adaption eine vielschichtige, beseelte, fast spirituelle Anmutung an.
Zu Ostern gibt der Schmusechor übrigens am Volkstheater die „Schmusepassion“ mit Werken queerer Künstler/innen. Für 4. (Sa.) und 5. April (So.) sind noch Karten zu haben.

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