Ein blaues Wunder für Herbert Kickl

Der Literat Gerhard Ruiss schrieb ein Libretto über den Möchtegern-Volkskanzler, der Musiker, Komponist und Autor Christopher Just vertonte es mit ausschließlichem Einsatz von KI.

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18. Jänner 2026

Gerhard Ruiss & Christopher Just: Das blaue Familenalbum (Monkeymusic)

Eine geraume Zeit ist Künstliche Intelligenz bereits ein Reizthema der Kultur- und Unterhaltungsbranche. Gerhard Ruiss, Literat und seit Jahrzehnten Geschäftsführer der Schriftsteller-Interessensvertretung IG Autorinnen Autoren, wird nicht müde, vor der KI als Werkzeug für kreativen Ideenklau und Macht- und Vermögensvermehrung ohnedies schon gigantischer US-amerikanischer Tech-Konzerne zu warnen.

Mit gleicher Dringlichkeit schlägt Ruiss gegen das Demokratiegefährdungspotential populistischer Rechtsaußen-Politik Alarm.

Den Themen, die ihm im Magen und auf der Zunge liegen und die er schon hinlänglich in Presseterminen und Diskussionsveranstaltungen erörtert hat, hat er nun in musikalischer Form Ausdruck gegeben.

Das Werk, das dabei herausgekommen ist, existiert vorderhand einmal als Tonträger, kann aber ohne weiteres auch als Revue oder Hörspiel funktionieren.
Es ist eine Konzeptplatte mit dem Titel „Das blaue Familienalbum“, für das Ruiss – musikalisch u.a. schon als Vortragender von Gstanzln, Interpret alter Schlager und Spezialist für das Schaffen des Sängers und Dichters Oswald von Wolkenstein vorstellig geworden – die Texte geschrieben hat und das sich um den freiheitlichen Führer und Möchtegern-Volkskanzler Herbert Kickl dreht.

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Ein Projekt von Kollege zu Kollege gewissermaßen, denn Kickl war ja seinerseits der Autor der Rap-Stücke, mit denen vor einer gefühlten Ewigkeit der damalige FPÖ-Primus H.C. Strache noch um eine coole Fassade rang (was heute kein Rechtspopulist mehr tut).

Die musikalische Umsetzung des Librettos besorgte der Wiener Musiker, DJ und Autor Christopher Just. Das Besondere daran: Er brauchte dazu keine Menschen.
Aus Stimmproben generierte er per künstlicher Intelligenz eine Frauen- und eine Männerstimme und einen Chor. Die Instrumentierung, ob lauten Rock-Gitarren oder Orchestern nachempfunden, wurde gänzlich synthetisch hergestellt.

Ein Projekt also, das gestriges Gedankengut auf neuestem technologischen Standard vermittelt.

Aus vielerlei Perspektiven erzählt

Substanziell mutet „Das blaue Familienalbum“ am ehesten wie ein Musical an. Vor zwei Jahrzehnten gab´s einmal was Ähnliches über Udo Proksch in einer Aufführung (und einem später veröffentlichtem Live-Mitschnitt) im Rabenhof – allerdings mit echten Musikern und Sänger/innen.

Komponist und Arrangeur Christopher Just (© Raphael Just)

Mit diesem teilt „Das blaue Familienalbum“ auch ein kleines Problem: Es wirkt teilweise zu kabarettisch angelegt.
Die Folge ist eine diesfalls eher unglückliche Äquidistanz zum Hörer wie auch zum Erkenntnisgegenstand. Man wird nicht zum Mit(er)leben bzw. Speiben animiert, sondern ist, manchmal ziemlich angestrengt, mit dem Dechiffrieren von Bildern, Ereignissen, möglichen Rollenspielen etc. beschäftigt.

Es erleichtert den Zugang zur Geschichte nicht unbedingt, dass die insgesamt 21 Episoden aus verschiedenen Perspektiven ins Visier genommen werden: Aus der Sicht des Protagonisten, von Berufskollegen, Fans wie auch distanzierten Beobachtern und fallweise sogar Kommentatoren.
Als Revue könnte sich solche Vielseitigkeit/-schichtigkeit gut machen, als reine Tonkonserve ist das bisweilen schwierig zu erschließen.

Erfreulich ist dagegen die breit angelegte, themengerecht populistische musikalische Umsetzung zwischen bisweilen fast kontemplativer Ballade, Bierzelt-kompatiblem Rock und Disco. Zudem hat Just der Gefahr, die KI könne die Musik zu steril klingen lassen, klug vorgebeugt, indem er den Gesang mit kleinen Unzulänglichkeiten, wie sie echten Vokalist/innen eben passieren, infiltrierte.
Dass übrigens manche Cloud-Rap-artige Vokalpassagen in der Anmutung einige Ähnlichkeit mit dem lakonischen Vortrag der famosen Klit Clique haben, ist eine besondere Ironie der Geschichte.

Und dann macht dieses Projekt natürlich auch enorm Spaß. Sicher mehr Spaß jedenfalls als sich mit schlauen Postings auf den sogenannten sozialen Medien über Kickl und seine Gefolgschaft zu echauffieren.

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Dazu kommt noch etwas. Ein Nachrichtenmedium dürfte, obwohl es eigentlich nichts anderes ist als das sprichwörtliche Dinge-beim Namen-nennen, so nicht formulieren:
Wutbürger, Zornbürger, Hassbürger machen sich Luft / den Tobbürger, Brüllbürger, Ragebürger, Außersichbürger dabei / jeder rast, schnaubt stampft / versammelt zum großen Geschrei.“
Ein künstlich-künstlerisches Projekt darf das. Und es ist befreiend und gut so.
Ebenso gut, wie sich Zeilen wie „Kickl stichelt schon, Kickl stachelt gleich“ machen.

Was aus den – siehe oben – nicht leicht zu entschlüsselnden Inhalten abzuleiten ist, so scheinen sie sich letztlich oft um die Mühsal des Populisten zu drehen, den Laden auch ordentlich in Schwung zu halten.
Vielleicht hat es Herbert Kickl ja gar nicht so besonders lustig.
Ganz sicher wird er „Das Blaue Familienalbum“ nicht lustig finden. Rechtspopulisten finden es nie lustig, wenn sie kreativ verarscht werden.

Gerhard Ruiss & Christopher Just: Das blaue Familenalbum (Monkeymusic)

Gestriges Gedankengut auf neuestem technologischen Standard vermittelt - symbolhaft für das Werken und Wirken der Künstlichen Intelligenz.