Dagegensein, Durchhalten & Weitereiern
Von der Abbey Road zu den Streets of Minneapolis, mit Ausflügen ins Salzkammergut, nach Göteborg und Liberia: Eine Songauswahl aus dem ersten Jahresquartal – unter Mitwirkung von u.a. Arctic Monkeys, Bruce Springsteen, Sibylle Kefer, James Blake und José González.

Da braut sich was zusammen: "A perfect Storm", das Song-Cover des schwedischen Sängers & Gitarristen José González (City Slang)
Erfreuliche Musik aus unerfreulichem Anlass: So kann man die Anfang des Jahres erschienene Compilation „War Child Help (2)“ wohl am ehesten konzise zusammenfassen. 520 Millionen Kinder sind weltweit von Kriegsereignissen betroffen – und werden von der weltweiten Organisation War Child karitativ unterstützt. Nach einem ersten „Help“-Album mit Weltstars (u.a. Paul McCartney, Paul Weller, Radiohead & Oasis), das 1995 rund 1,2 Mio Pfund einspielte, ist Ende Jänner 2026 eine zweite Platte erschienen, die an einem einzigen (November-)Tag in den legendären Abbey-Road-Studios von zahlreichen aktuellen Popgrößen (u.a. Beth Gibbons, Big Thief, Damon Albarn, Depeche Mode, Pulp & Olivia Rodrigo) eingespielt wurde.
Eröffnet wird das Album von einem wunderschönen Song der Arctic Monkeys, ihrem ersten neuen seit vier Jahren, wobei „Opening Nights“ auf eine Songidee zurückgeht, die die britische Band seit Jahren mit sich herumschleppt, aber erst nun – aus Anlass der Einladung zum Care-Event – fertiggestellt hat. Alex Turner singt – mitunter gleich mehrstimmig – über politische Slogans und „supercomputer crusades“, und das trotz trister Themenlage so verführerisch einnehmend, wie man ihn schon lange nicht mehr gehört hat.
Widerstand & Solidarität
Von einer Art Krieg im eigenen Land kündet Bruce Springsteen, der politisch verlässlichste US-Rockstar, der es sich – trotz aller Drohungen & Schmähungen der Trump-Administration – nicht nehmen ließ, Mitte Jänner gegen den irrsinnigen Feldzug der ICE-Truppen in Minneapolis lautstark protestierend anzusingen, weshalb „Streets Of Minneapolis“ in keiner Songsammlung dieses ersten Jahresquartals fehlen darf, ungeachtet aller popmusikalischen Qualitätskriterien. Leckerbissen ist der Song keiner, aber das wäre bei diesem Eskalationsanlass wohl auch ein falsches Signal (gewesen) – und so heiligt der Zweck (Aufmerksamkeit, Widerstand & Solidarität) hier wirklich jegliche Mittel.
Dialektal verspielte Bissigkeit
Ein politisches Signal ganz anderer Art – musikalisch wie textlich raffiniert & gefinkelt – liefert die österreichische, aus dem Salzkammergut stammende Sängerin & Musikerin Sibylle Kefer mit dem Lied „komfortzone“. Dieses entstammt zwar bereits dem Jahr 2024, ist aber eine Art Zentralsong ihres heuer, Ende Jänner erschienenen Albums „ma wü vü“ – und in seinen Kernaussagen sowieso von zeitloser Gültigkeit: „es betrifft uns olle/ won ma so weitaeian / es betrifft uns olle/ monche späda monche gleia/ es betrifft uns olle/ göd wird koa kriterium/ es wird uns betroffm hobm/ im worst case im präteritum…“
Bedenklichkeit und aufrüttelnde Parole(n) zur Klimakrise kommen hier in dialektal verspielter Bissigkeit so augenzwinkernd kritisch daher, dass man sich auf buchstäblich ansprechendem Niveau zum Nachdenken wie Mitschunkeln angeregt fühlen darf.
Kefer selbst dazu: „Ein Lied über das gemeinsame Ganze. Unser wo und ein bisschen auch unser wie, dort wo. Das, was uns alle betrifft.“ Na eben.
Gerittene Selbstermächtigung
Einem Dauerärgernis anderer Art, männlichem Dominanzverhalten mit verwilderter Übergriffigkeit (zumal im Popbusiness), widmet die aus Bochum stammende Singer/Songwriterin Philine Sonny ihren Song „Gatekeeper“, der – als erste Single – aus ihrem heurigen Debütalbum „Virgin Lake“ selbst so eine Art demonstrative Türsteher-Funktion hat. „We’re classified, patronized / Disrespected, pressurized / You’re a fucking know-it-all“, heißt es in forciertem Tempo angriffig & direkt, bis sich der Song zu einem stolzen Selbstermächtigungs-Mantra aufschwingt, das man so leicht nicht mehr aus Ohr & Kopf bekommt: „Sonny is a rider“. Hier wird Wut auf ansprechend kreative Weise kanalisiert (& geritten) – ein Vermögen, das die Musikerin, die auch leisere Töne und nachdenklichere Passagen im Repertoire hat, zu einem der größeren Zukunftsversprechen aus deutschen Landen macht.
„Rock unter Anführungszeichen“
Bereits 20 Jahre hat das Projekt Get Well Soon des deutschen Sängers, Songschreibers und Multiinstrumentalisten Konstantin Gropper auf dem Buckel, der sich mit der Single „OK“ nach längerer Ruhepause wieder zurückmeldet, einer – dem verheißungsvollen Band(projekt)-Namen entsprechend – kräftigen Durchhalteparole: Trotz aller Miseren ist das Leben irgendwie OK. Der Song ist es allemal: Er nimmt rasch Fahrt auf & kommt mit großem (Nach-)Hall druckvoll zur Geltung. Und er verweist auf das kommende Album, „Minus The Magic“, das laut Selbstauskunft ein „,Rock Album’ unter Anführungszeichen“ werden wird, was immer das heißen mag. Die tönende Vorwegnahme heißt jedenfalls schon mal was.
Dreidimensionaler Chorus
Das neue Album von James Blake, „Trying Times“ (das erste in Eigenregie, nach seinem Abgang von Universal und seiner Rückkehr nach London), gibt es bereits – und es ist eine feine Wundertüte, zwischen gewohnt repetitiven Sounds mit Hang zur Selbstparodie und bisher eher blake-ungewohnten Pop-Momenten (in denen er mitunter fast schon wie Prince klingt). Eine höchst gelungene Mischung aus alledem ist der Song „Make Something Up“, der sich nach anfänglich gehauchter Klangmalerei zu einem dreidimensionalen Chorus entfaltet, der zu den schönsten Refrains dieses noch jungen Pop-Jahres gehört.
Rätselhafter Pop-Missionar
Wer hätte gedacht, dass von den einst hymnisch gepriesenen & verehrten Vokalartisten Fleet Foxes ausgerechnet der damals vergleichsweise unauffällige Drummer Josh Tillman unter anderem Namen zum großen vitalen Überlebenden einer musikalisch rasch versunkenen Ära würde. Als Father John Misty ist er mittlerweile zu einer fast überlebensgroßen Figur im US-Pop avanciert, einem john-steinbek-haften Narrator & Troubadour mit ausladenden Gesten und manch spinnerter Attitüde. Zu Beginn des Jahres ist der mitunter rätselhafte Pop-Missionar mit der Single „The Old Law“ vorstellig geworden, die er live bereits seit 2024 als „God’s Trash“ performt, und welche die berüchtigte Fehde zwischen den Rappern Kendrick Lamar und Drake zum parodistischen Thema hat.
Nun ist daraus ein großer, dick ausstaffierter Indie-Pop-Song geworden, bei dessen kunstvoller (Studio-)Verfertigung in L. A. der prog-erprobte Musiker & Arrangeur Jonathan Wilson seine Finger mit im Spiel hatte. „Year Zero in the Summertime“ heißt es mittendrin, zu einschneidenden Gitarren, nebst allerlei beatleshaften Mehrschichtharmonien. Dicker & schmackhafter ist heuer, egal ob Winter- oder Sommerzeit, noch nicht aufgetragen worden.
Veränderung bei gleichbleibender Stimmlage
Auch US-Sänger Bill Callahan verwandelt sich – oder hat es zumindest vor. „I don’t wanna be the man that I am anymore…“, heißt es in dem Song „The Man I’m Supposed To Be”, der Leadsingle von Callahans neuem, Ende Februar erschienenen Album „My Days of 58”. Im Juni wird der Barde 59 – und überlegt schon mal, wohin die weitere Lebensreise gehen soll. Erste Auskunftsperson dürfte die Lebensdame sein, denn die Fortsetzung des Satzes lautet: „… I want the man you see to be the man you adore“. Und seine größte Ängste seien nicht, dass er sterbe (dann wäre das ganze Veränderungsvorhaben ja auch umsonst), sondern: „My biggest fear is that I’ll stop trying/ To be the man I am supposed to be…“ Na dann gutes Gelingen!
Was sich so gar nicht verändert (hat), ist die Stimmlage – Callahan grummelt & brummelt in seinem tiefen Bariton sonor dahin wie eh & je (und auf den sieben Alben zuvor) – und auch die Musik unterliegt keinerlei Erneuerungsprozess: Sie schreitet mit sparsamen Mitteln – in diesem Falle (ab etwa der Hälfte) rockig wie nur selten – in gut ausgetretenen Pfaden dahin.
Desertblues aus Nordeuropa
Auch sofort erkennbar, praktisch vom ersten Ton weg, ist stets der schwedische Singer/Songwriter José González (seine Eltern sind von Argentinien nach Skandinavien ausgewandert). Und es ist nicht nur die – vergleichsweise hohe – Stimme, die den Wiedererkennungswert ausmacht, sondern auch seine Art des Gitarrenspiels: ein virtuoses Fingerpicking, das einen Sound generiert, der ansonsten denkbar weit enfernt vom hohen europäischen Norden angesiedelt ist: nämlich als Desertblues in den Wüsten Nordafrikas. So auch hier in „A Perfect Storm“, einem Stück aus González’ jüngst, nämlich Ende März erschienenem Album „Against the Dying of the Light“, hier live aus- & aufgeführt in einem Platten- & T-Shirt-Laden in Göteborg.
Der Cat Stevens Afrikas
Aus einem anderen Teil (und Land) Afrikas, nämlich aus Liberia, stammt der Musiker und Singer/Songwriter Mon Rovîa (sich in nur kleiner syntaktischer Abweichung nach der Hauptstadt seines Landes, Monrovia, benennend), der seine harten Lebenserfahrungen (nämlich der Existenz eines Kindersoldaten im Bürgerkriegsland nur dank der Hilfe von Missionaren knapp entronnen zu sein) in butterweiche Melodien hüllt. Das war schon bisher auf einigen EP’s so – und vollendet sich nun auf seinem Albumdebüt, „Bloodline“, dessen Titeltrack das exemplarisch zum Ausdruck bringt – und den jungen Mann, dessen Mission „Heilung durch Musik“ ist, als eine Art von schwarzem Cat Stevens präsentiert.
Und noch zehn Songs
Und weil zehn Songs nicht genug sind (es waren drei gehaltvolle Pop-Monate, was nicht jedes Jahr zwangsläufig so ist), seien hier noch zehn weitere empfohlen, die – im Rahmen ausführlicher (Alben-)Besprechungen – allesamt bereits auf unserer Plattform vorgestellt wurden, weshalb hier eine Auflistung (samt Links zu den Artikeln) genügen soll. Schwer empfehlenswert sind also auch (noch):
Die Sterne (D): Es war nur ein Traum
Lylit (A): Let Go
A.S. Fanning (IRL): Romance
Monsterheart (A): Melody Maker
Mitski (US): Lightening
Charli XCX (US): Out Of Myself
Harry Styles (US): Coming Up Roses
Lande Hekt (UK): Lucky Now
Voodoo Jürgens (A): Vaschwindn
Hen Oggled (UK): End Of The Rhythm

Da braut sich was zusammen: "A perfect Storm", das Song-Cover des schwedischen Sängers & Gitarristen José González (City Slang)



