Echos einer frühen Weltreisenden
Auf „In Her Footsteps“ vertont der Wiener Jazzpianist Martin Listabarth mit seinem Trio Reiseeindrücke der Autorin Ida Pfeifer, die im 19. Jahrhundert alleine den Globus umrundete.

Das Martin Listabarth Trio (mit dem Pianisten in der Mitte, Drummer Sebastian Simsa l., Bassist Gidi Kalchhauser r.). ©Julia Wesely
Meine Liebe zu Jazz-Piano-Trios verdankt sich einem Zufall. Als Redakteur der einstigen „Wiener Zeitung(s)“-Beilage „extra“ und ihrer „music“-Seite (aus der – einmal mehr sei daran erinnert – diese Plattform vor zwei Jahren hervorgegangen ist) wurde ich von Plattenlabels regelmäßig auch mit Jazz-CDs bemustert. Ich reichte diese in der Regel an den für uns tätigen Jazz-Kollegen (Christoph Irrgeher) weiter. Zwei Exemplare, die dieser bereits hatte oder nicht wollte (das weiß ich nicht mehr so genau), behielt ich, um sie einem Tiroler (Jazz-)Freund auszuhändigen. Bevor ich das tat, hörte ich in diese beiden Alben einmal hinein, und zwar in „Juniper“ von Britta Virves (& ihrem Trio) und „Layers Of Life“ des Emil Brandquist Trios (beide 2022 erschienen).
Melancholie & Witz
Selten hat mich Musik auf Anhieb derart gefangen genommen. Ich wurde in die da wie dort melodisch perlenden Pianoläufe, die raffinierte Rhythmik und mit allerlei Soundgimmicks erweiterten Klangräume (vor allem bei Brandquist) förmlich hineingezogen & erst nach mehreren (Hör-)Durchgängen wieder ausgespuckt, in emotional veränderter, geklärter und aufgeklarter Weise. Das hat mich – als diesem Genre gegenüber bis dato weitgehenden Ignoranten – überrascht und auch berührt. Und so blieb ich dran – nicht nur an diesen beiden schwedischen Formationen (wobei Britta Virves gebürtige Estin ist, aber in Stockholm lebt) und ihren weiteren Releases (im Vorjahr haben beide neue Alben herausgebracht), sondern auch an vergleichbaren Künstlern, wie etwa dem Israeli Avishai Cohen (der in seinem Piano-Trio freilich Bass spielt), dem Armenier Tigran Hamasyan oder dem deutschen Nils Kugelmann Trio.

Martin Listabarth Trio: In Her Footsteps (o-tone music)
Und so kam ich auch zu Martin Listabarth. Der 1991 in Wien geborene Pianist passt in diese Reihe in jeder Hin- & Hörsicht perfekt hinein. Nach zwei Solo-Alben („Short Stories“, 2019, „Dedicated“, 2022) ist er seit 2023 auch im Trio-Format unterwegs. Auf das in jenem Jahr veröffentliche Album „Postcards“ wurde ich wiederum durch eine Besprechung des Kollegen Irrgeher aufmerksam, dessen einstiges „extra“-Lob nunmehr in den Liner Notes des neuesten Albums, „In Her Footsteps“, Erwähnung findet, wenn es darin heißt, dass die hochemotionale Musik – „mal melancholisch, mal spannungsgeladen und dann wieder witzig, gespickt mit harmonischen und rhythmischen Finessen“, an die „quirlig-kantablen Linien Stefano Bollanis“ erinnert (also noch einer aus der Verwandtschaftsreihe).
Listabarth, der kürzlich in der „Ö1-Jazznacht“ zu Gast war und dort erzählte, dass er bereits mit fünf Jahren Klavier zu spielen begonnen hat – und das in buchstäblich spielerischer, soll heißen: experimentierfreudiger Weise, verknüpft seine Kompositionen gerne mit teils realen, teils fiktiven Personen (wie etwa Agatha Christie’s Meisterdetektiv Hercule Poirot) oder mit Ländern und Städten. Waren es bei „Postcards“ musikalisch verdichtete und erweiterte Reiseeindrücke etwa aus Madrid, Istanbul oder vom Pariser (Promi-)Friedhof Père Lachaise, sind es auf „In Her Footsteps“ nunmehr vertonte Impressionen der Wienerin Ida Pfeiffer (1797-1858), die im 19. Jahrhundert zweimal alleine auf Weltreise war und in damals unorthodoxer Weise den Globus umrundete.
Eine zusammenhängende Erzählung
„Dieses Album ist etwas ganz Besonderes für mich“, schreibt Martin Listabarth in einem Blog auf seiner Homepage: „Zum ersten Mal entfaltet sich darin eine zusammenhängende Erzählung. Jede Komposition steht für ein eigenes Kapitel, das musikalisch und inhaltlich mit den anderen verbunden ist und gemeinsam das Leben und die Reisen von Ida Pfeiffer nachzeichnet. (…) Ihre Reiseberichte haben mich tief bewegt. In ihrer Geschichte steckt so viel Universelles: frühe Träume, Rückschläge, Widerstandskraft und der Mut, Grenzen zu überschreiten.“
All das lässt sich nun in den neun Stücken – performt von Martin Listabarth (Klavier), Gidi Kalchhauser (Bass) und Sebastian Simsa (Schlagzeug) – atmosphärisch, quasi in mentalen Obertönen, nachhören, wobei etwa „Echoes In The Dust“ eine surreale nächtliche Wüstenreise imaginiert, bei „der der Mond den Weg erhellt und wandernde Schatten die Fantasie beflügeln“. Das muss man nicht unbedingt, kann man aber den feinziselierten Klaviertönen, Basszupfern und Perkussionsklopfern entnehmen, wobei man bei dieser Art von Musik die Fantasie auch gänzlich frei, bar jeglichen Skripts, beflügeln lassen kann.
Man absolviert dann, vom exakten Timing, virtuosen Tastenläufen und rhythmischem Tempo – den drei bestimmenden T’s dieses Trios – ein- & mitgenommen, (Kopf-)Reisen ganz eigener Art.

Das Listabarth Trio bei einem Auftritt im Wiener Odeon zu Beginn des Jahres. © Schmickl
Daher stimmt es schon, wenn es im Album-Pressetext über Martin Listabarth, der für den Österreichischen Jazzpreis 2025 in der Kategorie „Best Newcomer“ nominiert ist, heißt, dass er ein exzellenter Geschichtenerzähler sei, „dessen Musik genau dort beginnt, wo Worte nicht mehr ausreichen.“
Daher ersparen wir uns weitere – und verweisen nur noch auf das kommende Release-Konzert des Martin Listabarth Trios am Samstag, 21. März, im Wiener Muth.
Am 21. August erfolgt ein weiterer Wiener Live-Auftritt im Theater am Spittelberg.

Das Martin Listabarth Trio (mit dem Pianisten in der Mitte, Drummer Sebastian Simsa l., Bassist Gidi Kalchhauser r.). ©Julia Wesely
Man absolviert, vom exakten Timing, virtuosen Tastenläufen und rhythmischem Tempo – den drei bestimmenden T’s dieses Trios – ein- & mitgenommen, (Kopf-)Reisen ganz eigener Art.



