Eins werden mit den Schatten in uns
Eindringlich, ohne aufdringlich zu sein: „We Are Together Again“, das neue Album des US-Sängers Bonnie „Prince“ Billy.

Bonnie „Prince“ Billy: We Are Together Again (Domino)
Gefühlt ist es das fünfzigste Album von Will Oldham (Menschen, die genau gezählt haben, behaupten, es sei das 33.). Hatte er zu Beginn seiner musikalischen Karriere Anfang der 1990er Jahre noch als Palace Brothers, Palace Musik oder einfach nur Palace veröffentlicht, dann kurz unter seinem echten Namen, so hat er sich seit einem Vierteljahrhundert als Bonnie „Prince“ Billy in die erste Reihe dessen gespielt, was grob als Americana firmiert.
Angeblich standen für dieses Pseudonym ein schottischer Möchtegernkönig namens Bonnie Prince Charlie, Billy the Kid und Nat King Cole Pate. Aber sicher sollte man da nicht sein, und sicher ist auch nie, was einen als treuen Freund dieses Americana-Helden mit jeder neuen Platte erwartet. Mal bekommt man Country geliefert (wie zuletzt auf „Purple Bird“), mal eher klassischen Singer-Songwriter-Folk (zuletzt auf „Keeping Secrets Will Destroy You“), etwas rockigere Töne liefert er in Kooperation mit Matt Sweeney, dann sind wieder schottisch angehauchte Klänge zu vernehmen (auf den Alben mit den Trembling Bells).
Oft aber sind die Alben dieses Unikums schlicht keinem Genre wirklich zuzuordnen. Da macht einer, was er will und wonach ihm der Sinn steht, fern aller Marketing- oder Zielgruppenerwägungen. Kunst halt. Die ist nicht immer groß, dafür nie gefällig und garantiert kompromisslos.
Fest steht allerdings auch: Auf so ziemlich jedem BPB-Album gibt es mindestens drei, vier oder fünf Songs, die es verdient hätten, ins Great American Songbook aufgenommen zu werden. Nicht anders verhält es sich auf „We Are Together Again“. Um die Perlen gleich zu nennen: „Why Is the Lion?“, „They Keep Trying to Find You“, „Life Is Scary Horses“, „The Children are Sick“ und „Bride of the Lion“. Das Besondere diesmal ist, dass Oldham seinen American Folk mit Streichern, Laute und Flötenklängen anreichert (nie zu opulent) und ansonsten sehr stark auf mehrstimmigen (vor allem weiblichen) Gesang setzt.

Seltsamer, aber höchst produktiver Kauz: Will Oldham aka Bonnie „Prince“ Billy (c) Terry Way
Großartig klingt das im abschließenden wuchtigen „Bride of the Lion“, das zudem als einziger Song auf eine elektrisch verstärkte Gitarre setzt – ein Highlight im reichen Liederschatz des Prinzen. Dazwischen plätschert das Album so dahin, ohne dass irgendetwas nachhaltig in Erinnerung bleibt, und so landet man beim mehrmaligen Durchhören immer wieder bei den erwähnten Perlen, die vielleicht auch deshalb so gut sind, weil sie musikalisch und textlich hart an verschiedenen Abgründen entlangbalancieren: der Löwe, von dem keiner weiß, warum er sich immer noch draußen herumtreibt, das Ich, das weder auf die Türklingel noch aufs Läuten der Telefons reagiert, die ängstlichen Pferde oder die abschließende weibliche Reprise des Löwen-Openers.
In diesen Songs gelingt das, was Oldham an einer Stelle so besingt: Es geht darum, eins zu werden mit den Schatten in uns, den Dämonen und Ungeheuern, die uns plagen. Daraus, so lässt sich sagen, entsteht ganz große Kunst: eindringlich, ohne aufdringlich zu sein.

Bonnie „Prince“ Billy: We Are Together Again (Domino)
Auf so ziemlich jedem Album von Bonnie "Prince" Billy gibt es mindestens drei, vier oder fünf Songs, die es verdient hätten, ins Great American Songbook aufge- nommen zu werden.



