Geschlossene Räume

Düstere, surreale Geschichten erzählt die kalifornsische Post-Metal-Band Bosse-de-Nage auf ihrem energetischen sechsten Album „Hidden Fires Burn Hottest".

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27. März 2026

Bosse-de-Nage: Hidden Fires Burn Hottest (The Flenser)

„‚Ha ha‘, sagte er auf Französisch und hatte nichts hinzuzufügen.“
Er ist der Pavian namens Bosse-de-Nage, eine Figur in dem Roman „Gestes et opinions du docteur Faustroll, pataphysicien“ von Alfred Jarry. Der Roman gilt als grundlegendes Dokument eben jener ‘Pataphysik, die sich als Erweiterung bzw. Überwindung zur Metaphysik verstand. Eine ‘pataphysische Unternehmung wäre etwa die Berechnung der Oberfläche Gottes, ein ‘pataphysischer Satz wäre: „Du hast keinen Bruder und er mag Käse“. (Georges Perec zugeschrieben).
Selbst bis hin zu den Beatles sollte die ‘Pataphysik ihre Spuren hinterlassen. „Joan was quizzical, studied pataphysical Science in the home“, heißt es gleich zu Beginn des von Paul McCartney stammenden Songs „Maxwell’s Silver Hammer“ vom Album „Abbey Road“.

Auch wenn ein Pavian mit eingeschränktem menschlichem Sprachvermögen als Namenspate für die aus Kalifornien stammende Post-Metal Band Bosse-de-Nage fungierte, so ist diese in Persona des Sängers und Texters Bryan Manning bei weitem elaborierter. Die Lyrics des neuen, mittlerweile sechsten Albums „Hidden Fires Burn Hottest“ erzählen surreale Geschichten oder streifen kurze Momente, hierin Franz Kafkas „Betrachtung“ nicht ganz unähnlich.

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Es geht in ihnen um Schwellen, Begegnungen und Beklemmungen. Hatte sich auf „All Fours“ (2015) Wiederholung noch in Musik manifestiert, so folgt diese seit „Further Still“ (2018) mehr dem Rausch der Worte, die sich in nahezu refrainloser Gedichtform präsentieren.

Produziert wurde das Album von Jack Shirley (Deafheaven, Oathbreaker) und gemixt von Richard Chowenhill von der Band Agriculture. Anders als beim Vorgänger wird dem Sprechgesang gegenüber dem Screamoanteil wieder mehr Raum gegeben. Nuanciert wird auch ruhigeren Momenten Platz eingeräumt. Albtraumhaft wird es etwa in „No Such Place“: „The room that I speak of/Has no days and its hours are concealed/There is neither an entrance nor an exit”.
Überhaupt dominieren geschlossene Räume und Orte, die durch ihre Hermetik und Undurchdringlichkeit wie nasser Beton haften bleiben („Underwater“). Mag an der einen oder anderen Stelle auch dunkler Humor aufblitzen, so ist „Hidden Fires Burn Hottest“ doch ein zutiefst pessimistisches Album, dessen Labyrinthe instabile mentale Zustände ebenso widerspiegeln wie den Irrsinn der so genannten realen Welt.

Bosse-de-Nage (© Bobby Cochran)

Acht Jahre haben sich Bosse-de-Nage für ihr neues Album Zeit gelassen. Bewährt energetisch harmonieren die stets etwas gequält klingende Gitarre von Michael Smith-Brenden mit den durchdringenden Drums von Harry Cantwell und dem treibenden Bass von Drew Bonel, in deren Sound die Stimme Mannings mäandert.

In Jarrys Roman stirbt der Pavian, um an anderer Stelle wiederzukehren. Er wird als Geist beschrieben, der nur in der Imagination existiert und deshalb nicht wirklich sterben kann. In „Mementos“, beinahe ein Liebessong, durchlebt der Protagonist eine Trennung. Er beschreibt, wie er seine Hand abtrennt: „This I remove at the wrist and place upon her breast/The other extremities follow, all of thеm, for each one/Belongеd to her”. Nach ein paar Jahren indes wird alles nachgewachsen sein. „I will emerge and give myself to somebody/New”. Das Nachwachsen der Gliedmaßen nicht als Metapher einer Überwindung oder als Wiederkehr des Gleichen, sondern als pataphysischer Neubeginn.

 

Bosse-de-Nage: Hidden Fires Burn Hottest (The Flenser)