Jenseitig kann auch was Gutes bedeuten
In indischem Sound-Design und unterstützt von einer Unzahl lebender und bereits verstorbener Künstler/innen setzt sich Damon Albarn auf dem neuen Gorillaz-Album „The Mountain“ mit dem Tod auseinander.

Gorillaz: The Mountain (Kong)
Manchmal lohnt ein Blick zurück zu den Anfängen. Einfach um eine Entwicklung aus der Distanz zu überblicken; zu sehen, ob sie zu den ursprünglich gewollten Zielen oder ganz woanders hingeführt hat.
Als Ende der 1990er Damon Albarn, damals „nur“ als Frontmann der Brit-Pop/Rock-Band Blur bekannt, mit seinem Wohnungsgenossen, dem Graphiker James Hewlett, Gorillaz als hybrides, nach außen durch Comic-Figuren repräsentiertes, musikalisch von ihm mit vielen wechselnden Mitstreitern realisiertes Projekt startete, wurde es vornehmlich als satirisches Statement zum aktuellen Zustand der Pop-Musik verstanden: Als ätzende Reaktion auf die Masse an austauschbaren, gesichts- und substanzlosen Acts, die das damals noch maßgebliche MTV dominierte; insbesondere auf die Flut an Casting-Bands, die gerade den Markt überschwemmte.
Was dabei gerne übersehen wird: So wie Masken unter bestimmten Voraussetzungen eine befreiende Wirkung zugeschrieben wird, gab die Anonymität des Außenauftritts Albarn, der als „2D“ als einziger Akteur im sonst fiktiven Band-Line-up eine reale Funktion erfüllte, auch die Möglichkeit, sich in verschiedene Richtungen zu entfalten und das dadurch entfachte Kritik- und Irritations-Potential zu neutralisieren.
Es war so, wie er es 2001 dem Magazin „Q“ erläutert hatte: Es mochte problematisch wirken, wenn er als weißer Engländer Damon Albarn Reggae sang. Es war kaum ein Problem, wenn er als 2D Reggae sang.
Wie man heute weiß, entwickelte sich der schnucklige Teenie-Schwarm Albarn durch den kreativen Befreiungsschlag mit Gorillaz zu einem scheinbar nie ermüdenden Groß-Künstler und musikalischen Tausendfüßler, der mit Blur besser denn je war, auch mit dem formidablen Art-Pop-Quartett The Good, the Bad & the Queen gebührende Anerkennung fand und als Solist vor furchteinflößenden Formaten wie der Oper nicht zurückschreckte.
Musikalisches Laboratorium
Gorillaz aber ist sein erfolgreichstes Projekt wie auch musikalisches Laboratorium geblieben. Mit diesem verband er Pop nicht nur mit HipHop, TripHop, Dub und anderen elektronischen Formen, sondern auch mit Musik aus anderen Erdteilen, insbesondere aus Afrika und dem Nahen Osten.
Das Konzept funktionierte von Anfang an; von ihrem 2001 veröffentlichten, unbetitelten Debütalbum verkauften Gorillaz mehr als 7 Millionen und ihren Level an Breitenwirksamkeit haben sie bis heute gehalten.
Für Damon Albarn gibt es natürlich längt keine Trennwand mehr zwischen ihm und der öffentlichen Wahrnehmung – die Kunstfigur 2D ist nur mehr eine leere, wenn auch dekorative Hülle: Albarn ist Gorillaz, und für alles, was damit musikalisch zu tun hat, muss der demnächst 58jährige schon selbst den ergrauenden Kopf hinhalten. Was nichts ausmacht, weil das Projekt allseits wohlgelitten ist.

Damon Albarns angestammte Band Blur feierte 2023 ein Comback (© Reuben Bastienne-Lewis / Parlophne)
Das einzige, was nach geschätzt über 40 Millionen verkaufter Tonträger (inklusive digitaler Äquivalente), aufwendigen, mit vielköpfigem real-menschlichem Personal realisierten Tourneen und vielen Preisen wie dem Grammy mit leicht kritischem Unterton festgestellt werden muss, ist, dass Gorillaz in ihrer universalen Beliebtheit so etwas wie ein Konsens-Act – also ein Act, der ungefähr alle Geschmacksfraktionen anzusprechen vermag – geworden sind.
Dass sie Stars wie Snoop Dogg, Bad Bunny, Stevie Nicks, Kevin Parker, Robert Smith, De La Soul, Lou Reed, Bobby Womack, Mos Def, Beck, St. Vincent, Tina Weymouth, Dennis Hopper, Grace Jones oder Elton John, um nur die bekanntesten neben vielen weiteren etwas weniger namhaften, aber substanziell ebenso bedeutenden Musiker/innen zu nennen, zur Zusammenarbeit gewinnen konnten, untermauert diese Aussage nur.
Und das Solide, Gekonnte, aber auch Unaufregende und weitgehend Vorhersehbare, das dem Faktor „Konsens-Act“ immanent innewohnt, hat ihre letzte LP „Cracker Island“ (2023) auch tatsächlich schon leicht angekränkelt.
Die neue, neunte Gorillaz-LP „The Mountain“ gibt indes nicht den geringsten Anlass zu Beschwerden dieser Art.
Familiäre Todesfälle und ein Indien-Trip
So gut wie alle (reguären) Gorillaz-LPs haben eine Art thematischen Fokus. Manche mehr wie die umweltbesorgten „Demon Days“ und „Plastic Beach“, manche weniger oder weniger klar umrissen wie „Cracker Island“.
„The Mountain“ hat eine doppelte Rahmung, die durch zwei Faktoren ausgelöst worden ist: Innerhalb von zehn Tagen starben sowohl Hewletts als auch Albarns Vater. Ein Indien-Trip, der ursprünglich zur kreativen „Regeneration“ angesetzt worden war, nahm unter diesen Vorzeichen eine veränderte Bedeutung an.
Damit entstand ein Album, das sich inhaltlich vor allem mit dem Tod und seiner Bewältigung auseinandersetzt, sich musikalisch stark auf indische bzw. orientalische Kollaborateure stützt und im übrigen auf viele Vokal-Beiträge verstorbener Künstler zurückgreift, mit denen Albarn schon bei früheren Gorillaz-Platten zusammengearbeitet hat.
Dazu gehören der Schauspieler Dennis Hopper, Soul-Legende Bobby Womack; Tony Allen, der nigerianische Pionier des Afrobeat und soundprägende Schlagzeuger bei The Good, the Bad & the Queen; die Rapper Proof, Tugroy von De La Soul und nicht zuletzt der auch diesem Fach zuzurechnende Mark E. Smith, der 2018 von dieser Welt gegangene Geiferer von The Fall.

Anoushka Shankar leistet wichtige Beiträge für „The Mountain“ (© Harald Krichel/Wikipedia)
Lebendigen Leibs haben der Rapper Yasiin Bey, früher bekannt als Mos Def, Black Thought von der HipHop-Combo The Roots, die US-Sängerinnen Jalen Ngonda und Kara Jackson, die Glam-Veteranen Sparks, Joe Talbot von der britischen Post-Punk-Band Idles, Super Furry Animals-Vokalist Gruff Rhys, Ex-Clash- und Ex-The Good, the Bad & the Queen-Bassist Paul Simonon, der syrische Sänger Omar Souleyman, der argentinische Rapper Trueno, aus Indien die Sängerinnen Asha Puthli und Asha Bhosle, der Flötist Ajay Prasanna, die Brüder Amaan Ali Bangash und Ayaan Ali Bangash an der Sarod (Zupflaute) und – auf sechs Tracks – Ravi Shankars Tochter Anoushka Shankar an der Sitar sowie als Albarns Produktionshilfen James Ford, Samuel Eggleton, Bizarrap und der nigerianische Drummer Remi Kabaka jr. das Album bereichert.
Wie die Aufzählung aus sich heraus indiziert, werden auf „The Mountain“ nicht verträglich bemessene Häppchen Ethno und schonend limitierte Dosen westlicher Street Reality wohlfeil verabreicht, sondern wird richtig in die Vollen gelangt.
Schlicht und ergreifend
Was er zu sagen hat, formuliert Albarn schlicht und ergreifend. „The hardest thing / Is to say goodbye to someone you love / That ist the hardest thing“, steigt der Sänger in ein zwei Songs („Hardest Thing“ und „Orange County“) umspannendes Abschieds-Szenario ein – in der fast unbeholfen anmutenden Schmucklosigkeit der Wortwohl lakonisch klarmachend, dass vor dem finalen Drama andere Dinge zählen als die Raffinesse des Ausdrucks. Die übernimmt vielmehr die beschwingt im Fahrwasser des Klassikers „On Melancholy Hill“ dahingleitende Musik.
Schlichtweg schaurig ist dagegen, wie der Rapper Proof in seiner (2001 aufgenommenen) Einlage in „The Manifesto“ seinen eigenen gewaltsamen Tod bei einem Feuergefecht in einem Club in Detroit im April 2006 zu antizipieren scheint.
Nicht in allen der 15 Songs geht es notabene um Tod, Transformation und Wiedergeburt. Der passenderweise mit den Sparks aufgenommenen Electro-Pop-Feger „The Happy Dictator“, dessen Titel keine weitere Erklärung nötig macht, gehört zu den politischen Stücken, die seit ewig und drei Tagen Bestandteil von Albarns Repertoire sind; das mit einem seltsam hymnischen Refrain ausgestattete „The Plastic Guru“ erzählt von einer unliebsamen Begegnung mit einem profilierungssüchtigen „Heilsbringer“.
Erwähnt werden muss noch, dass Damon Albarn zwischen den distinguierten Performances seiner Gäste immer wieder sein Talent für besonders schöne Melodie-Einlagen einzusetzen weiß. Und dass er sich im vertrackten „Casablanca“ sogar den komplexen Strukturen seines „schwierigstes“ Werks, nämlich der Oper „Dr Dee“, annähert. Und damit besonders beeindruckt.

Gorillaz: The Mountain (Kong)
Anfangs wurde Gorillaz als satirisches Statement verstanden. Heute ist es das erfolgreichste Projekt des musikalischen Tausendfüßlers Albarn.



