Originalität aus der Wüste
Imarhan, das Quintett aus Algerien, fügt dem klassischen Desert Blues auf dem neuen Album „Essam“ einige „westliche“ Elemente hinzu.

Söhne der Wüste - und des Desert Blues: Imarhan (© Marie Planeille)
Tamascheq heißt die Sprache der Tuareg, die, über mehrere Staaten (Marokko, Algerien, Mali, Niger, Mauretanien) verteilt, die Sahararegion ihre Heimat nennen und vielfach seit Jahrzehnten für einen eigenen Staat „Westsahara“ kämpfen (zur Zeit mit wenig Aussicht auf Erfolg). Tamascheq ist inzwischen aber auch eine der wichtigen Sprachen dessen, was man hierzulande immer noch gerne mit dem reichlich vagen Etikett „Weltmusik“ belegt. Die spezifische Tuareg-Spielart nennt sich Desert Blues (Assouf heißt dieser Blues der Wüste auf Tamascheq), und schon diese Bezeichnung zeigt, dass in dieser Musik die unterschiedlichsten Einflüsse zusammenfinden. Die Reihe der auch in Europa bekannteren Bands, die sich diesem Genre verschrieben haben, ist jedenfalls inzwischen erstaunlich lang: Tinariwen, Tamikrest, Terakaft, Tartit.
Das Mitte der Nullerjahre gegründete Quintett Imarhan sticht hier schon allein dadurch hervor, dass der Bandname nicht mit einem T beginnt. Immerhin ist es in Tamanrasset im Süden Algeriens beheimatet (wo es sogar ein eigenes Studio hat), und Bandgründer Iyad Moussa Ben Abderahmane, genannt Sadam, ist Cousin des Tinariwen-Bassisten Eyadou Ag Leche. Tinariwen – die schon 1982 gegründet wurden, aber erst 2000 ihre erste CD veröffentlichten – sind noch immer eine Art Urquell dieses Wüstenblues, eine Art Beatles oder Nirvana, also stilbildendes Vorbild und zugleich das Muster, von dem es sich zu emanzipieren gilt. Und dieses innovative Element ist bei Imarhan (was übrigens auf Deutsch „Die, die mir am Herzen liegen“ bedeutet) besonders auffällig.
Dezente Elektronik & Akustik
Die Besetzung ist eher klassisch (drei Gitarren, Bass und Perkussion), und auch die Kernelemente des Desert Blues sind unüberhörbar: mehrstimmiger Wechselgesang, stark repetitive Songstrukturen, verzerrte, treibende E-Gitarren. Zugleich fügen sich mal mehr, mal weniger markant andere Merkmale in die Alben ein: dezent elektronische Elemente (vor allem das Sampling der Percussionparts), eine stärkere Basslastigkeit und deutlich mehr Songs, die statt auf lärmende E-Gitarren auf akustische Klänge setzen.

Gehören zu den innovativsten Bands des Desert Blues: Imarhan © Marie Planeille
Diese Originalität ist eigentlich kein Wunder, wenn man bedenkt, mit welchen „westlichen“ Musikern Imarhan bevorzugt zusammenarbeiten: mit Damon Albarn (der hier als Gast bei „Derhan N’Oulhine“ mit dabei ist), mit dem Waliser Gruff Rhys (der mit den Super Furry Animals, aber auch solo immer wieder Alben in walisischer Sprache veröffentlicht) oder mit Kurt Vile (in dessen Vorprogramm Imarhan zeitweise zu hören waren).

Imarhan: Essam (City Slang)
Das Ergebnis: Auch „Essam“, das inzwischen vierte Album der Band (wie immer beim deutschen Label City Slang erschienen), ist höchst abwechslungsreich geraten. Die zehn Songs sind teils meditativ-versponnen (wie der Opener „Ahitmanin“), teils wuchtig (großartig: „Tellalt“), begeistern mit interessanten, tranceartigen Rhythmen („Azaman Amoutay“, „Tinfoussen“) oder vielstimmigem Chorgesang („Okcheur“).
Zugegeben: Die Flughöhe des wirklich grandiosen Vorgängeralbums, „Aboogi“ (2022), wird nicht ganz erreicht. Trotzdem zählen Imarhan definitiv zu den hörenswertesten und innovativsten Bands des Desert Blues – dieser Musikrichtung, die den Sound der Wüste auf so wunderbare Weise mit der Melancholie des Blues und der Kraft des Rock vereint.

Söhne der Wüste - und des Desert Blues: Imarhan (© Marie Planeille)
Die Kernelemente des Desert Blues sind bei Imarhan unüberhörbar: mehrstimmiger Wechselgesang, repetitive Songstrukturen, verzerrte, treibende E-Gitarren.



