Schwere Übung – mit Bravour bewältigt
Nach einem so aufsehenerregenden LP-Debüt wie „Was für ein Glück“ gleicht das zweite Album einem Himmelfahrtskommando. Endless Wellness meistern es mit „Domino Days“ grandios.

Endless Wellness: Domino Days (Buback)
„Ich war wie der faulste Fluss / ein Geier, prädestiniert, von Böden zu essen / nein, warte, ich nehme das zurück / ich war eher wie ein Ozean, der in Spitals-Korridoren steckengeblieben ist“.
Das sind Zeilen aus der Feder des hochgeschätzten kanadischen Indie-Songwriters Dan Bejar, den man von den einst famosen New Pornographers kennt, der Spezialisten aber auch – und eigentlich besonders – mit seiner eigenen Band Destroyer begeistert.
Sie stammen aus dem Song „Crimson Tide“ von der LP „Have We Met“ und sind hier eigenmächtig ins Deutsche übersetzt*, um vorzuführen, wie absurd** die Texte von großen Songschreibern aus dem angloamerikanischen Raum bisweilen anmuten.
Hiesige Musik-Journalisten pflegen sich solche Übungen aus Gründen vorgeblicher Authentizität oder womöglich aus Angst, sich zu blamieren, gerne zu ersparen.
Was bleibt, ist ein latentes Unbehagen. Geht man Scharlatanen oder Scherzkeksen auf den Leim, indem man blanken Unsinn (nicht dass das auf obiges Beispiel wirklich zuträfe) als geniale Rätselhaftigkeit, als Vieldeutigkeit, beliebigen Kauderwelsch als „lose Assoziationsketten“, „nebelhafte Metaphern“ oder allowas verbrämt?
Und eine wesentliche Frage dabei ist: Würden wir sowas eigentlich auf Deutsch tolerieren?
Die Antwort ist: Im Prinzip nein, In ausgesuchten Fällen aber ja!
„Domino Days“, die neue LP von Endless Wellness, ist einer dieser ausgesuchten Fälle.
„Du gehst grad, wenn´s schön wird / Um den Karpfenteich spazier’n / Und wenn du Glück hast / Siehst du Waschbären oder ein weniger niedliches Tier“, heißt es da.
Oder: „Du willst dich erinnern an einen Hügel mit Wolke / aber die Waschbären werden sich häuten und ihre Augen trüb wie Molke“.
Oder: „Sie haben Früchte aus der Sonne / die so süß sind wie die Hasen / die beim Hopsen durchs Gehege / Blick in einen Garten haben.“
Oder: „Sie haben Zeit gespart und dürfen / sie am Wochenende schlürfen“.
Gewiss ist unterschwellig ein Hintersinn hinter solchen Absurditäten zu erahnen. Denn die Texte, für die Bassistin Milena Klien und Sänger/Gitarrist Philipp Auer, der sich bei der ersten Endless Wellness-LP „Was für ein Glück“ noch ziemlich einsam als kreatives Zentrum der Band präsentierte, nun größtenteils gemeinsam zeichnen, lassen eine unbändige Lust am Verdrehen von Floskeln erkennen: „Nicht sicher ist das Ei ohne Schale“, „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist Messer“, „Die Festung feiern wo sie fällt“, „Wo ein Wille, da ein Privatweg“ etwa sind solche Paraphrasen auf Floskeln, in denen (nämlich den Paraphrasen) nicht selten raffinierte politische Anspielungen zu dechiffrieren sind.
Trotzdem lassen sich die Inhalte maximal im groben Rahmen erfassen. Man erkennt, dass man es mit einem Werk zu tun hat, das offensiv etwas einfordert: Nämlich das Mindeste – das Recht auf ein lebenswertes Leben.
Und das ist, sowohl als künstlerische Handlung wie als Thema, nicht genau nichts.
Austarierter, vielfältiger
Nach einem derartig gloriosen Debüt, wie es 2024 „Was für ein Glück“ war, kommt die zweite Platte immer einem Himmelfahrtskommando gleich. Endless Wellness meistern die Übung mit Bravour, und untermauern damit für die folgenden Jahre und Jahrzehnte ihren Führungsanspruch in der Kunst des sophistischen deutschsprachigen Indie-Rock.
Den Zusatz „Österreichischer Provenienz“ darf man sich dabei übrigens getrost sparen, denn weit weg von Weltklasse-Bands wie International Music oder Isolation Berlin sind Endless Wellness bei Gott und ihrer kreativen Intelligenz nicht.

Endless Wellness: Gitarristin und Keyboarderin Adele Ischia, Schlagzeuger Patrick „Pata“ Huter, Bassistin und Sängerin Milena Klien. Nur der Primus inter pares, Sänger/Gitarrist Phlipp Auer, wollte partpout nur halb ins Bild (© Luca Celine).
Verglichen mit „Was für ein Glück“, wo harter Rock, Schnelligkeit und Power-Pop-Appeal mit Weltmüdigkeit, Zeitlupentempo und ein paar Dosen Kunst-Impressionismus spannungsreich aufeinanderprallten, wirkt die Musik auf „Domino Days“ etwas austarierter und breiter, mit mehr und verträglicherer Vielfalt angelegt.
Nicht dass es an ausgefallenen Klangerzeugern fehlen würde: Ein von einer Katze „gespieltes“ (man könnte richtiger sagen: bestiegenes) Klavier zählt dazu, Samples einer Zahnbürste, einer Taube und „anderem Gefieder“ (Promo-Text) sowie eines Hasen und schließlich auch eine Blockflöte, ein Vibraphon, eine Mandoline, Streicher und ein Mellotron ergänzen bzw. interpunktieren das Gitarre(n)-Bass-Schlagzeug-Keyboards-Line-up.
An bestimmten Punkten wird aber ordentlich zugespitzt: So verbündet sich in „Nur das Beste“, „Nie mehr sicher“ und der Single „So allein sollen wir nie wieder sein“ Auers frenetischer Gesang mit dröhnenden Gitarren und fetten Synthies zu satten Rock-Hämmern, die keinerlei Alibis via kunstgewerblicher Kniffe oder ähnlichem notwendig haben, um Eindruck zu machen.
Der heftigste Song des Albums ist indes einer von zwei Tracks, bei denen erstmals Milena Klien solistisch die Stimme erhebt und auf reizvolle Weise dem ohnedies weiträumigen emotionalen Spektrum der Band noch einige Nuancen hinzufügt: Im kulminierenden Wutausbruch „Kontrolle ist Messer“ klingt, ohne dass es direkt zur Sprache gebracht würde, genervter Frust über Marketingsprech – Slogans, Schlagworte, Platitüden etc. – durch.
Im Kontrast dazu verleiht Klien mit lässiger Stimme der melodiösen Ballade „Platanen“ eine resignative Melancholie, zu der sich‘s schön wie selten sonst mitleiden lässt.
Überwiegend im zweiten Teil der knapp 40 Minuten langen Platte wird die Musik vertrackter, mäandert bisweilen, infiltrieren differenzierte Elemente den Klangkörper: „Die Katze“, natürlich letztlich eine Liebeserklärung an die Spezies, schwingt sich von einem schleifenden Rock-Teil über ein kurzes abstraktes Piano-Zwischenspiel in ein alarmierendes Gitarren-Motiv, in dem kurz der Pixies-Klassiker „Where Is My Mind?“ und Songs ähnlichen Zuschnitts (wie Interpols „Rest My Chemistry“) anklingen, und einen neuen Rockteil mit heftigem Getrommel von Patrick „Pata“ Huter auf den Weg bringt.
Das langsam-impressive „Jeder Fluss“ verbindet sich mit dem nachfolgenden, textlich teilweise identen, aber im Stil eines Folk-Songs gehaltenen „Wer hätte das gedacht“ zu einer eindrucksvollen existenzialistischen Suite.
Ein imposantes Zusammenspiel von Streichern und Mellotron eröffnet „Happy And You Know It“, bei dem nur der gesprochene, in ein Rhythmus-Break eingepasste Refrain englisch ist, und in dem sich ein irgendwie lakonisch wirkendes Piano mit abtastenden Gitarren-Exkursionen kontrastiert.
„So allein sollen wir nie wieder sein“ als Abschlusssong und Hit der Platte schließlich ist ein Fall – und eine Klasse – für sich: Nie hätte man Endless Wellness zugetraut, noch einmal einen Gassenhauer wie „Hand im Gesicht“ – das Lied mit dem „Nackerbatzi“ – herauszuscheiben. Und da ist er: Ein Slogan-Song zum Mitsingen/-schreien, Fäusterecken und Sich-Verbrüdern.
Nur als Guilty Pleasure eignet sich das Ding, weil keine Sekunde lang peinlich oder sonstwie daneben, nicht.
* Original: „I was like the laziest river / A vulture predisposed to eating off floors / No wait, I take that back / I was more like an ocean / Stuck inside hospital corridors“.
**Anzumerken ist hier natürlich, dass „The Laziest River“ ein monumentales Stück von Destroyers als epochal eingestufter LP „Kaputt“ ist, es sich hier also um ein Eigenzitat handelt.

Endless Wellness: Domino Days (Buback)
Dass nun auch Bassistin Milena Klien solistisch die Stimme erhebt, fügt dem ohnedies weiträumigen emotionalen Spektrum von Endless Wellness noch einige Nuancen hinzu.



