Autonomie, Klartext & Chaos
Musikalische Reisen zum inneren Wesenskern, einmal klassisch introspektiv, einmal gedämpft melodramatisch: Neue Alben der Österreicherin Lylit & des Iren A.S. Fanning.

Lylit: her (Syrona Records)
Zum Jahreswechsel habe ich in einem Mail an Kollegen vermerkt, dass – wären die neuen Alben von Lylit und A.S. Fanning bereits 2025 erschienen – ich diese Platten in meiner Jahreswertung ganz weit vorne platziert hätte. Nun kommen sie beide allerdings erst in den ersten Wochen des neuen Jahres heraus, sodass es eine kühne Prognose wäre, sie jetzt schon zu qualitativen Spitzenreitern am Ende von 2026 auszurufen. Weniger gewagt ist freilich die Feststellung, dass es sich dabei um zwei außerordentlich gelungene Veröffentlichungen handelt.
Das trifft auf „her“, das neue Album der gebürtigen Oberösterreicherin Eva Klampfer alias Lylit, gleich in mehrfacher Hinsicht zu. Wenn Bruno Jaschke kürzlich in einem Beitrag auf dieser Plattform Zelda Weber und OSKA als zwei heimische Musikerinnen mit weit überregionaler Bedeutung & Selbsteinschätzung präsentierte – „weniger als die Welt tut es da nicht“ –, so gilt das für Klampfer/Lylit mindestens so sehr, wenn nicht vielleicht sogar noch mehr.
Nur dass der mittlerweile 41-jährigen Sängerin, Pianistin und Komponistin die internationale Karriere gewissermaßen vorausgeeilt ist – und ihr gar nicht gut getan hat. Sie war nämlich von 2009 bis 2015 beim renommierten US-Producer Kedar Massenburg (u.a. vormaliger CEO von Motown Records) unter Vertrag, konnte (und wollte) dessen in sie gesteckte kommerzielle Erwartungen aber nicht erfüllen, was zu kreativen Hemmnissen & Veröffentlichungs-Blockaden aller Art führte.
Sich aus all diesen unliebsamen Beschränkungen mühsam herausgestrudelt habend, ist die über eine enorme (Soul-)Stimme und Gesangskraft verfügende Musikerin mittlerweile – nach Kooperationen mit & für u.a. Parov Stelar, Conchita und Christl – buchstäblich ganz bei sich selbst angekommen. Und davon kündet „her“, das fast zur Gänze live im Wiener Radiokulturhaus eingespielte, d.h. jeweils in einzelnen Takes aufgenommene Album mit zehn tief unter die Haut gehenden Songs (und zwei instrumentalen Zwischenspielen).
Um – mittels auf Klavier, Stimme(n) und Streicher reduzierter Besetzung – zu ihrem innersten Wesenskern vorzudringen, hat Lylit einen komplett neuen Weg eingeschlagen. Sie schrieb – nicht zuletzt auf Rat des (aus Berlin) beigezogenen Schauspielcoaches Kristian Nekrasov – die Texte (allesamt auf Englisch) zuerst, um sie erst danach zu vertonen. Ein nicht nur ungewohnter, sondern auch höchst intensiver Prozess, wie sie dem Musikinformationsdienst Mica erläutert: „Am Ende ist Kristian nach Wien gekommen, und wir haben wirklich jeden einzelnen Satz noch einmal überarbeitet und genau überprüft, ob Musik und Lyrics tatsächlich kohärent sind. Das war für mich komplett neu, weil ich sonst immer aus der Improvisation heraus arbeite.“
Klassik, Soul oder Pop?
Welch große Widerstände dabei zu überwinden waren, hat Lylit in dem Song „I Can’t Do This“ thematisiert: „Would you still like me then when I wear my feelings on my skin. You don’t wanna know what’s there within. You don’t wanna know, you don’t wanna know, you don’t wanna know…“
Auch eine Missbrauchserfahrung hat sie – in der bereits zuvor veröffentlichten Single „My Body“ – verarbeitet, mit einer klaren Botschaft: „Mir war wichtig, dass das Stück etwas Befreiendes hat – es geht darum, sich die eigene Autonomie zurückzuholen.“
Um Autonomie und Klartext geht es in so gut wie allen Stücken (wie etwa „Call The Things By Their Name“ unmissverständlich verkündet), wobei Lylit mit „The Crush“ auch eines mit politischer Schlagseite im Repertoire hat, bei welchem ziemlich heftig lospolternden (Sprechstakkato-)Song & Refrain, der vor allem live kolossal abfährt (wie Ende Dezember im Wiener Konzerthaus zu erleben war), um – natürlich unverkennbar – Donald Trump geht:
„Your cheap propaganda – I will crush!
Your infantile slander – I will crush!
Your war on my gender – I will crush …“
Ruhiger, melodiöser, einfühlsamer und intimer geht es in „Let Go“ zu, einem der bezauberndsten Momente der insgesamt 41 Spielminuten, wobei „her“ – der Titelsong als letzter stiller Höhepunkt – der zurückhaltendste Teil der gesamten Platte ist, der auch eine andere Entstehungsgeschichte hat, weil er nicht im Funkhaus, sondern als Improvisation im privaten Studio aufgenommen wurde, wie Eva Klampfer der Austria Presseagentur (APA) verriet: „Das Klavier war super verstimmt und wir wollten eigentlich nur ein Demo aufnehmen. Schlussendlich haben wir gesagt, na okay, das lassen wir jetzt so.“

Musikalisch nicht so leicht einzuordnen: die vielseitig talentierte Lylit. (c) Helena Wimmer
Eine gute Entscheidung, denn so zeigt das mitunter vielleicht etwas zu kraftvoll-ambitioniert angelegte Album auch eine weniger perfekte, verletzlich-sensible Seite dieser Ausnahmekünstlerin, die musikalisch gar nicht so leicht einzuordnen ist. Als jemand, der schon als Kind Brahms und Mahler hörte, hat sie natürlich ein unverkennbares Faible für Klassik – aber eben nicht nur: „Ich habe klassisch Klavier studiert und finde, man spürt, dass die Songs g’scheit von der Klassik geprägt sind. Das Soulige kommt von meiner Stimme, die hat dieses Timbre. Im Großen, sage ich, ist es wahrscheinlich trotzdem Pop.“
Wahrscheinlich ist es gar nicht so wichtig, wie diese Musik im Detail oder Speziellen heißt, Hauptsache, sie heißt was. Und das tut sie – zweifellos auch in einem internationalen Maßstab, ohne damit neuen Druck aufzubauen. Vielleicht ergibt sich ja diesmal alles mehr von alleine – und wenn Lylit nur in Österreich weltbekannt bleiben sollte, soll uns das auch Recht sein.
Ihr nächster Live-Termin ist der 17. Februar, wenn sie gemeinsam mit der klassischen Pianistin Maria Radutu im Wiener Muth auftritt. (Weitere Termine auf der Website www.lylit.com )
Bariton-Barde mit Wucht & Breite
Ein völlig anderer Künstler, obgleich nicht weniger beeindruckend, ist der in Berlin lebende irische Sänger & Songwriter A.S. Fanning, der – wie ein Pressetext treffend vermerkt – „einen Kern aus introspektivem Folk mit der Wucht und Breite von Rock, Wave und psychedelischem Pop verbindet“. Also auch ein Amalgam aus unterschiedlichen Zutaten, und trotzdem höchst eingängig und konzentriert dargereicht, wie die zwölf Song seines neuen, insgesamt vierten Soloalbums, „Take Me Back To Nowhere“, zeigen.

A.S. Fanning: Take Me Back To Nowhere (K & F Records)
Auch hier steht – auf mitunter dicht ausgelegten Synthie-Teppichen – eine eindringliche Stimme im Vordergrund, die dank ihres tiefen Baritons Vergleiche mit Leonard Cohen oder Nick Cave fast zwangsläufig nach sich zieht (mit Bill Callahan wäre noch ein weiterer C-Sänger zu nennen). Und diese Stücke wurden ebenfalls live eingespielt – mit fünfköpfiger Band auf einem zum Studio umfunktionierten südschwedischen Bauernhof –, allerdings nicht in diesen Fassungen belassen, sondern dekonstruiert, also auseinandergenommen und unter Beigaben von Ambient-Sounds neu zusammengesetzt. Daher sind es oft mehr Klang-Gewebe, die trotzdem ihr Song-Zentrum nicht verlieren und auch nicht allzu weit ausfasern.
Obwohl von der Grundstimmung her nicht gerade optimistisch an- & ausgelegt (wozu ja allgemein nicht viel Veranlassung besteht), scheinen durch manch düstere Klänge & Lyrics auch feine Lichtstrahlen hindurch, wie etwa in dem – nicht von ungefähr an 10cc erinnernden – Song „Now I’m in Love“ (in dem der Erzähler von eben jener Erkenntnis freilich so überwältigt ist, dass er sie mit dem Gefühl vergleicht, an eine Autobatterie angeschlossen zu sein).

Nur nicht übertreiben mit dem Licht: A.S. Fanning (c) Neil Hoare
Auch Tracks wie „Romance“, „Stay Alive“ oder das in drei Teilen servierte Titelstück lassen trotz allerlei Andeutungen von Angst, Chaos und Dystopie beim Hören keine Verzweiflung aufkommen, weil sie musikalisch so dichtmaschig tröstend konstruiert sind, dass man nie den Halt verliert oder durchzurutschen vermeint. Man wird hier – auch dank gemessenen Schritttempos – buchstäblich sanft hindurchgetragen.
Einzig beklemmend, mit treibenden Rhythmen und schneidender Stimme vorgetragen, ist ein Song, der bezeichnenderweise „Idiot Leader“ heißt (und auch eine mehr als deutliche Ahnung aufkommen lässt, wer damit gemeint sein könnte…). Dafür erinnert „Western Medicine“ wiederum an beste Songwriting-Tradition, etwa im Stile der Magnetic Fields (wie deren Mastermind Stephin Merritt der Ire mitunter auch klingt).
Alles in allem eine faszinierende Klangreise. Und es würde mich wirklich wundern, wenn in diesem Segment des gedämpft Melodramatischen heuer noch viel Besseres nachkäme.
Live ist A.S. Fanning (der bereits 2024 beim Blue Bird Festival auftrat) am 29. April im Wiener rhiz und am 30. April im Salzburger Rockhouse zu hören.

Lylit: her (Syrona Records)
Wahrscheinlich ist es gar nicht so wichtig, wie diese Musik im Detail oder Speziellen heißt, Hauptsache, sie heißt was. Und das tut sie im Falle von Lylit & „her“ zweifellos – auch in internationalem Maßstab.



