Das Beste kommt zum Schluss
Laut eigener Auskunft will Anna Attar ihr Musikprojekt Monsterheart ruhend stellen. Als Vermächtnis veröffentlicht sie das famose Album „Melody Maker“.

Monsterheart: Melody Maker (Siluh Records)
Für Anna Attar haben sich ein paar Prioritäten verschoben. Musikmachen unter ihrem Moniker Monsterheart ist möglicherweise nicht mehr die alleroberste.
Seit 2017 ist Attar Mutter eines Sohnes; und ihre kreative Energie tendiert dem Vernehmen nach nun stärker Richtung Bildender Kunst.
Daher könnte, wie Attar unlängst in mehreren Interviews in den Raum gestellt hat, das eben veröffentlichte fünfte Monsterheart-Album „Melody Maker“ ihr letztes sein.
Es wäre jammerschade, allerdings auch ein glanzvoller Schlussakkord unter eine durchaus eindrucksvolle Musikkarriere, die die bald 40jährige seit ihren Teenagerjahren verfolgt hat.
Der Titel „Melody Maker“ repräsentiert dabei nicht nur das nämliche Album, sondern auch, was die Musik von Monsterheart in den letzten rund eineinhalb Jahrzehnten seit der unbetitelten Debüt-EP von 2011 ausgezeichnet hat: Starke Melodien als Fokus wendiger, häufig hypnotischer Pop-Songs.
Dass das nur selten wirklich lieblich, sondern bisweilen sogar unterschwellig bedrohlich wirkt, liegt an einem eigentümlichen Zusammenwirken der hübschen Melodien mit einem skelettiert anmutendem Backing, in dem bald einmal ungemütlichere Strömungen Oberluft bekommen.
Gleiten, Blubbern, ein aufheulendes Sax
Angeblich hat Attar, die ihre Musik griffig-flockig „Graveyard Pop“ nennt, während der Pandemie mit der Idee eines „Best Of“-Albums gespielt und stattdessen sei „Melody Maker“ herausgekommen.
Das ist auf gewisse Weise äußert stimmig – in dem Sinn, dass „Melody Maker“, mit Hilfe von Judith Filimónova am Bass und gelegentlich als zweiter Stimme, Paul Pfleger am Fender Rhodes, Aaron Hader an den Blasinstrumenten u.a. realisiert, das Beste von Monsterheart repräsentiert.

Anna Attar, die das Monsterherz beherbergt (© Tobias Martensen)
Das Schlagzeug-Bass-Fundament unter Attars sonor-geschmeidiger Stimme ist so kräftig wie variationsarm und lässt Orgeln und andere Keyboards widerstandslos durch die Songs zu gleiten und hier und da kleine Akzente (wie das entzückende Blubbern in „You“) setzen.
Das wilde Aufheulen eines Saxophons am Ende von „Hook“ ist in diesem Rahmen ein besonderes Zeichen – es steht nämlich für eine Metamorphose. Wie Attar erläuternd zu einzelnen Songs wissen lässt, geht es in „Hook“ um den Wunsch, sich einer immer feindlicher werdenden Welt äußerlich anzupassen und in ein Monster zu verwandeln.
Das getragene „Put the Tempo“, in dessen Finale sich ein wunderschön-melancholisches Flötophon (eine Flöte mit dem Mundstück eines Sax) ausbreitet, spielt mit der Idee, Lieblingsstücke in verlangsamter Geschwindigkeit abzuspielen.
„Dreidel“ wiederum ruft leichtfüßig 50-er-Jahre-Sentiment (sprich: „Heile Welt“) auf, um ein sehr heutiges Thema, nämlich Frust mit Social Media und all ihren Auswüchsen zu transportieren.
Das ruhige „Tonight“ ist angeregt durch die Lektüre von Bram Strokers Roman „The Lair of the White Worm“ (dt. Titel „Das Schloss der Schlange“). Als „Schlafzimmer Interlude, vielleicht das sanfteste Lied aller Zeiten“ bezeichnet Attar das bezaubernde, nur von einer akustischen Gitarre begleitete „Volatile“, während das abschließende „Kin“ ein schwer(mütig)es Stück Trauerarbeit im Gedenken an einen verstorbenen Freund und Wegbegleiter ist.
Ein gravitätisches Statement auch, falls es das mit dem Musikmachen definitiv gewesen ist.

Monsterheart: Melody Maker (Siluh Records)
Das Schlagzeug-Bass-Fundament unter Attars sonor-geschmeidiger Stimme ist so kräftig wie variationsarm und lässt Orgeln und andere Keyboards widerstandslos durch die Songs zu gleiten.



