Fieberträume aus der Jetztzeit
Unstetheit als Prinzip: Bilderbuch sind die ADHS-Band par excellence – und zeigen das auf ihrem neuen Album, „∞+1“, in aller popaffinen Deutlichkeit.

Bilderbuch: ∞+1 (Maschin Records)
Als in dieser Woche in der Ö1-Hörfunkreihe „Radiokolleg“ ein Beitrag zum Thema Stress gesendet wurde, war eine kurze Passage aus dem Bilderbuch-Song „I ♥ Stress“ (aus dem Album „Magic Life“ von 2017) als absolut passende, griffige musikalische Untermalung zu hören. Ein zischend-knarzendes, hibbeliges Motiv, bei dem es einem schon nach wenigen Sekunden die Sicherungen raushaut.
Ja, Bilderbuch sind in jeder Hin- & Hörsicht aufregend – und das in mehrfachem Sinne: Sie regen auf – und das auf höchst anregende, mitunter abenteuerliche Weise. Das ist im Grunde seit ihren Anfängen (2005, und so richtig ab 2009, seit ihrem Debütalbum „Nelken & Schillinge“) so, durch all die vielen kleinen und auch großen (stilistischen) Wendungen & Windungen hindurch. Und das ist nun, 2026, auf ihrem achten vollen Album, gefinkelt „∞+1“ (Unendlich plus Eins) betitelt, auch nicht anders. Es ist aufregend – und es nervt.
Soundtrack der Beunruhigung
Der Stress – er ist zum Greifen nah, und durchzieht als aufreizend schrille Tonspur nahezu die gesamte Spielzeit (von 36 Minuten), und er wird direkt verbalisiert & personalisiert: „Die Panik in mir ist die Panik in dir“, heißt es in „Unterwasser“ – und schon bekommt man kaum Luft, hört man derlei panisches Geblubber.
Was andererseits wäre zeitgemäßer als solch ein Soundtrack der Beunruhigung! Aber – und da kippt das Ganze rasch wieder ins Unterhaltsam-Erträgliche – sind es ja die Popwundertütler von Bilderbuch, die – so ernst kann die Lage gar nicht sein – letztlich doch nur spielen wollen. Und das tun sie hier mit vollem Einsatz – und unter Herbeiholung aller Versatzstücke, die nicht nur ihr eigener Popentwurf (und der war schon bisher ein Parforceritt sondergleichen) hergegeben hat.
„Eine Party auf dem Schrottplatz der Popkultur“, hat der (deutsche) „Rolling Stone“ den auf „∞+1“ dargebotenen kunterbunt-trashigen Umgang mit allem, was schrillt, kracht und böllert, treffend genannt.
Am heftigsten und bedrohlichsten knallt & hämmert es auf „Irgendwo“, welcher Song der nunmehrigen Veröffentlichung schon im Frühjahr als dunkle Klangspur vorausgeschickt wurde. Die Zeilen „Drohnen am Himmel über uns/ Leuchten wie Sterne/ Oh, es herrscht Krieg, Baby,/ In weiter Ferne…“ kommen mit Maschinengewehrsalven (aus dem Gitarrenverstärker) daher, bevor Sänger Maurice Ernst in anheimelnder Vocodrigkeit ein wenig Trost verkündet: „Doch solange ich bei dir bin/ Werd ich nicht sterben…“ – und einen Funken Hoffnung aufkeimen lässt: „Wo immer du bist/ Irgendwo brennt immer ein Licht…“
Ein Viertelstunden-Video als Statement
Begleitet wurde dieser dröhnende Abgesang von einem apokalyptischen Bilderbogen des französischen Filmers Stanko Repac, in Form eines über 14-minütigen Videos, das alle im Pop üblichen Grenzen überschreitet, aber als kunstaffines Statement zu dem herrschenden Irrsinn natürlich ein buchstäblich starkes Stück ist. So was muss man sich erst einmal trauen – und die Bilderbüchler trauen sich, und kriegen dafür von der Fan-Community auch Beifall: „ich finds verstörend gut“ / „Ein Fiebertraum unserer kaputten Jetztzeit. Hut ab, meine Lieben.“ / „Austrian Weirdness sollte als eigenes Genre anerkannt werden. Gute alte Tradition, I love it!“, lauten einige Kommentare im Netz dazu.

Unterwegs in die Unendlichkeit plus Eins: Fünf Bilderbücher (mit Maurice Ernst hinten emporsitzend). (c) Lukas Gansterer
Österreichische Verrücktheit trifft es wohl gut, was Bilderbuch – als derzeit wohl renommierteste Band des Landes – an Kunstfertigkeit international beizutragen haben. Es ist eine wortwörtliche Ver-rückung, eine Umstellung von Gewohntem, ein Herumwirbeln von Stilen, Phrasen, Manierismen, mit dem die ehemaligen Klosterschüler von Kremsmünster die Popwelt irritieren und faszinieren.
Damit wird eine grundsätzliche Beweglichkeit demonstriert (während etwa Wanda in ihrer eigenen frenetischen Klassizität etwas erstarrt wirken), die man – in ihrer unsteten Rasanz – freilich auch als Orientierungslosigkeit einordnen könnte. Die Zappeligkeit – das Springen von einem Stil zum anderen, von Album zu Album, oft auch inmitten einer Platte oder eines Songs – passt indes gut zum herrschen ADHS-Zeitgeist. Und in dieser Lesart sind Bilderbuch wohl die ADHS-Band par excellence.
Schärfere Töne von neuer Gitarristin

Neu an den Bilderbuchsaiten: Gitarristin und Popperformerin Uche Yara. (c) Lukas Gansterer
Die gelben Seiten & Zeiten des Vorgängeralbums („Gelb ist das Feld“, 2022), als noch Rockismen der 70er und 80er Jahre (im Stile von Fleetwood Mac oder Tom Petty) imitiert und öfter noch parodiert wurden (mit langen Mänteln auf der Bühne), sind längst passé. Nach einem neo-psychedelisch-experimentellen Zwischenspiel (auf der EP „Softpower“ 2023) regieren nun, in der neuen Unendlichkeit plus Eins, viel schärfere Töne, was zum Teil auch mit der Umbesetzung auf dem Gitarrenposten zu tun hat. Langzeit-Gitarrero Michael Krammer, der sich im März komplett zurückgezogen hat, wurde von der Oberösterreicherin (mit nigerianischen Wurzeln) Uche Yara ersetzt, die deutlich stärker nach vorne drängt (sowohl klangtechnisch als auch bei Live-Performances). Wie sich deren eigene Pop-Karriere, die mit dem Debütalbum „Bodyscanner“ gerade erst Fahrt aufgenommen hat (und in den nächsten Wochen ausgiebig betourt wird), auf Dauer mit der Bandintegrität verträgt, bleibt abzuwarten.
Was man bei all dem zwar berechtigten Gerede vom beständigen Wechsel und ununterbrochenen Neuerfinden – was mittlerweile ja zur P.R.-Ideologie dieser Band geworden ist – trotzdem nicht übersehen & -hören darf: Wie viel eben auch gleich bleibt! Auch auf „∞+1“ obwaltet der nuschelige, auto-tune-verfremdete, am Rande des Sinnhaften taumelnde Gesang von Maurice Ernst („Oh du und deine Mama in Retreats/ Neue Nase, neues Leben, OMG/ Yeah, geh in die Knie, in die Knie/ Ein Halleluja für Longevity“, heißt’s etwa in „Push Reality“), dessen stimmliche und energetische Präsenz nach wie vor mehr als die halbe Miete jedes BB-Albums ausmacht.
Nasale Auto-Tunerei und Kinder-Synthies
Und eingängige Tunes (und Refrains) waren auch schon immer ein prägendes Merkmal und Kennzeichen aller BB-Veröffentlichungen – anders hätten sie es nicht zu solchen Popehren gebracht, mittels derer sie – ebenso wie Wanda – heutzutage die Stadthalle gleich zweimal füllen können.
Auf der aktuellen Platte ist es vor allem der Refrain von „Baby Junkie“ (und der Song besteht aus nicht viel anderem als diesem Refrain), der einen rasch anfixt und nicht mehr loslässt (wobei man die Trostlosigkeit des Textes – „Früher hast du gut ausgeschaut/ Aber jetzt schaust du aus wie ein Scheißhaus/ Und über dir hängt nur mehr Rauch/ Ohh, Baby Junkie…“ – dabei lieber ausblendet).
Die beiden ergiebigsten, mit gehörigem Rock-Drive versehenen Stücke sind eingangs „Finstere Erleuchtung“ und (als Nr. 7) „Wahrscheinlich war es der Lippenstift“, das ordentlich losbrettert, aber auf halber Strecke seinen vibrierenden Untersatz verliert – und als nasale Auto-Tunerei verhallt, was einmal mehr – ja, nervt. Genauso wie die allzu vielen Stellen, an denen ein Casio-Synthie vorlaut quäkt. Keine Ahnung, wer daran so viel Gefallen gefunden hat.
Schlimm wird es am Ende, in „Mehr als fair“, wenn es – und das ist mehr als unfair – so wirkt & klingt, als hätte man eine KI beauftragt, Klänge von Queen von einem Synthie in Kinderschuhen reanimieren zu lassen. Dieses Finale vergessen wir lieber rasch – und bestehen bei dieser Band mit ihrem Konzept grundsätzlich offener, nicht festgelegter Kunstwerke auf einem dementsprechend offenen Ende. Und schließen das Kapitel Bilderbuch vorerst.

Bilderbuch: ∞+1 (Maschin Records)
Österreichische Verrücktheit trifft es wohl gut, was Bilderbuch – als derzeit renommierteste Band des Landes – an Kunstfertigkeit international beizutragen haben: Es ist eine wortwörtliche Ver-rückung, eine Umstellung von Gewohntem, ein Herumwirbeln von Stilen, Phrasen, Manierismen.



