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An eine große österreichische Tradition von überragenden Werken, die ohne den Schub durch irgendeine Szene für sich stehen, knüpfen neue Platten der Formation iris electrum und der Wahl-Wienerin Phoebe Violet an.

iris electrum: invitation to my tears (introvert utopia)
Es ist bei der zwar längst vertrauten, faktisch nichtsdestotrotz phänomenalen Hochentwicklung der österreichische Populärmusik erstaunlich, dass deren grandioseste Hervorbringungen von Acts gekommen sind, die mit Popmusik im engeren Sinn, sprich: als publikumswirksamer, konsensualer Musik, nicht besonders viel zu tun haben.
Von Acts, die Ränder besetzen, oder Nischen – wäre dieser Terminus, der strikt definierte Bereiche suggeriert, nicht gerade bei ihnen hochgradig irreführend: Denn strikt definiert ist die Musik der Künstler, die hier gemeint sind und durchwegs die Entgrenzung gesucht haben, genau nicht.
Da wäre das Orchester 33 1/3 um Christof Kurzmann und Christian Fennesz mit seinem monolithischen, 1997 erschienenen titellosen Album: einer brodelnden Mischung aus (Free-)Jazz, Elektronik, Post-Rock, Drum and Bass, Weltmusik-Einflüssen und der Wucht einer zweistellig besetzten Big Band.
Oder 5K HD, eine Kooperation der freistiligen Wiener Jazz-Formation Kompost mit der vielseitigen und öfters einmal in recht herausfordernde Projekte verwickelten Sängerin Mira Lu Kovacs, die deren (Kovacs‘) gefinkelte Sprach- und Gedankenartistik einem hochenergetischen Spannungsfeld zwischen experimenteller Elektronik und der Dynamik organischen Musikmachens überantwortet.
Da ist auf jeden Fall auch der große Tiroler Individualist Werner Pirchner zu nennen, der nicht nur in vielen musikalischen Idiomen vom Jazz bis zur sogenannten Neuen E-Musik zuhause war, sondern auch in mehreren künstlerischen Disziplinen, denn er war auch Dichter und Zeichner. Für sein satirisches Meisterwerk „Der Untergang des Abendlandes“ hat er nicht nur die Musik – eine wilde Mischung aus Zappa, aus der Spur geratener Blasmusik und verballhornter Volkstümelei – und die genial blöden/bösen Texte geschrieben, sondern auch selbst in der Verfilmung mitgespielt.
Nicht zu vergessen – eine echte Entdeckung in Walter Gröbchens und Thomas Mießgangs jetzt schon die österreichische Popgeschichtsschreibung neu definierendem Buch „Die guten Kräfte“ – Uzzi Förster, ein von keinerlei Grenzen und Hemmungen eingeengter Meister des schrägen Humors und Multiinstrumentalist im Schlingerkurs zwischen dadaistischer Lautmalerei und frisch & leichthändig improvisiertem Jazz.
Im übrigen darf das Land durchaus auch auf das Vienna Art Orchestra und seine anregenden Deutungen von Jazz und teilweise auch Kammermusik stolz sein.
Raumfüllende Musik
iris electrum können in der Tradition solcher Musik gesehen werden. Sie vollziehen allerdings weniger einen harschen Bruch mit Pop-Texturen als dass sie sich vielmehr behutsam von ihnen entfernen.
Sie bauen nämlich durchaus schlüssige Song-Strukturen und Spannungsbögen auf und gewähren darin dem Melodie-Gesang – dem wesentlichen Anker konventioneller Pop-Produktion – eine tragende Funktion.
Aber Schritt für Schritt bewegt sich diese Musik aus dem ihr vermeintlich bestimmten Habitat hinaus. Richtung einer speziellen Art von Ambient Music, könnte man sagen. Richtung raumfüllender Musik jedenfalls.
iris electrum sind ein rundes Dutzend Musiker, das der Komponist, Schlagzeuger und Synthesizer-Spezialist Johannes Wakolbinger 2013 formiert hat. Sängerin war damals – Mira Lu Kovacs.
Ein erstes unbetiteltes Album von iris electrum ist 2017 veröffentlicht worden und konnte einem den Atem verschlagen.
Der Zweitling „invitation to my tears“ ist kürzlich erschienen, ist notabene wie dazumal sein Vorgänger im Radiokulturhaus so feierlich wie eindrucksvoll präsentiert worden und verschlägt einem neuerlich den Atem.
Dabei hat ein Großteil der Belegschaft gewechselt. Der auffälligste Austausch fand am Mikrofon statt – dort steht jetzt statt Mira Lu Kovacs die ebenfalls famose, in Karlsruhe geborene Friede Merz.
Zu den aktuellen Akteuren, die bereits beim Debüt dabei waren, gehört neben der Bassistin Beate Wiesinger der vielerorts gefragte Trompeter Alex Kranabetter, dessen Dienste sich u.a. auch Fuzzman, Voodoo Jürgens, Euroteuro und Theresa Rothschopf bedienen oder bedient haben.
Neu an Bord ist wiederum der bekannte Cellist Lukas Lauermann, der schon mit ungefähr der halben österreichischen Indie-Prominenz, aber auch mit internationalen Größen wie Mark Lanegan oder Ken Springfellow gearbeitet hat und mit seinen Arbeiten in eigener Sache auch gerne den Rahmen von Pop sprengt.
Ein Appell, sich auf das Leben einzulassen
„invitation to my tears“ ist im Vergleich zum tendenziell meditativen Vorgänger fließender, etwas opulenter und womöglich zugänglicher angelegt.
Interpunktionen, an denen die LP reich ist, fügen sich wundersam harmonisch und ohne größere Strapazen ins Klangbild. Im Opener „Into Dust“, einer mit kompositorischer und stimmlicher Hilfe von Anja Plaschg entstandenen Ballade über die Schadenswirkungen des Patriarchats, wird auf ungemein elegante Weise durch ein Break kurz einmal alle Bewegung herausgenommen und dann neu formiert.
Das wunderschöne „Like A Snowflake“ entfacht einen hypnotischen Groove auf einem Streicher-Riff, bis Keyboards und Bläser ein Tempolimit einziehen und Streicher eine Umleitung herstellen.
Mit dem beschwörenden „Call Me Out“ aus der Feder von Friede Merz – dem einzigen Stück, in das Wakolbinger songwriterisch nicht involviert war – hat die Platte sogar ihre definitive Hymne.

Die gegenwärtigen Hauptfiguren von iris electrum: Ihr musikalischer Kopf Johannes Wakolbinger und Sängerin Friede Merz (© Marianne Borowiec)
In dramaturgischer Schlüssigkeit findet das Werk im finalen Teil , getrieben vor allem von den Streichinstrumenten und akzentuiert von spezifischen Einlagen wie einer fabelhaft gefühlvoll temperierten Klarinette im letzten Stück „Treasure, Pt. 2“, in vertracktere Bereiche.
Wenn „invitation to my tears“ inhaltlich/philosophisch ein Appell sein soll, sich auf das Leben einzulassen, dann ist die Musik dazu ein sehr guter Leitfaden.
Vielsprachig – linguistisch wie auch musikalisch
Phoebe Violet ist eine 1988 in Costa Rica geborene, in Wien lebende Sängerin, Multiinstrumentalistin und Songschreiberin, die sich wunderkindmäßig früh entwickelt hat, eine Vielzahl von musikalischen wie auch gesprochenen Sprachen kann und dazu noch viele unterschiedliche Interessen hat.
Außer dass sie, die 2002 nach Österreich (zuerst Linz, ein paar Jahre danach Wien) gekommen ist, zunächst in diversen Jugendorchestern gespielt und später u.a. mit den Wiener Symphonikern, der mit Rock-Instrumentarium spielenden Techno-Band Elektro Guzzi, dem Burgtheater und dem Jazzorchester Vorarlberg zusammengearbeitet hat, hat sie auch Philosophie, Architektur, Soziologie und an der TU studiert.
Darüberhinaus malt sie und hat z.B. das Artwork für die Vinyl- und CD-Ausgaben ihres neuen Longplayers „Tomorrow“ gestaltet. Und sie versteht ihre Songs als musikalische Entsprechungen von Bildern in ihrem Kopf – Soundtracks ihrer Malerei gewissermaßen.

Phoebe Violet in einem Video, in dem sie die Songs ihres neuen Albums „Tomorrow“ erklärt
„Tomorrow“, für das sie sämtliche Instrumente gespielt, Stimmen gesungen, Kompositionen und die in vier Sprachen (Spanisch, Englisch, Französisch, Deutsch) übermittelten Texte gefertigt hat, ist Violets bereits sechstes Album.
Einige ihrer Werke haben Preise eingefahren, die wiederum Zeugnis von ihrer stilistischen Reichweite ablegen: „Entre cielo y tierra“ von 2021 ist in Costa Rica mit dem nationalen Musikpreis in der Kategorie „Kontemporäre Klassik“ ausgezeichnet worden. „Suspiros“ (2025) erreichte eine Nominierung für den Preis der Deutschen Schallplattenkritik im Bereich „Weltmusik“.
In welche Richtung „Tomorrow“ geht, lässt sich gut an dem Mann ablesen, der die Platte zusammen mit der Protagonistin produziert hat: Martin Sievert ist eine Integrationsfigur der avantgardenahen österreichischen Populärmusik. Er hat u.a. mit Christian Fennesz, Christof Kurzmann, Franz Koglmann, Franz Hautzinger, Werner Dafeldecker und unzähligen anderen großen Individualisten dieses Landes kollaboriert und ist Teil des experimentellen Post-Rock-Trios Radian.
Spiegelungen der globalen Verwerfungen
Wie bei iris electrums „invitation to my tears“ gibt es bei „Tomorrow“ eine Kongruenz zwischen musikalischer Form und Inhalt.
Violets Biografie als Migrantin und Mutter, ihre Sensibilität als Künstlerin und die darauf einwirkenden globalen Verwerfungen sind in ihrer Musik in Form einer gewissen Sprunghaftigkeit und in teils eigenwilligen, ansatzweise sogar etwas verrückt anmutenden Stilmitteln reflektiert – zum Beispiel Sorgen um das jeweilige Abspielsystem erregende Störgeräusche wie in „Aire“, an dessen Anfang ein überlauter Filmprojektor eine schöne Gesangsstimme zu torpedieren scheint. Der aufgekratzte, bulgarischen Frauenchören nachempfundene Gesang im Anti-Gewalt-Lied „Que no maten“ und die aufmüpfige, ein wenig wie außer Kontrolle anmutende Geige nicht nur hier, sondern auch in mehreren anderen Stücken. Oder das von Trommelwirbeln gerahmte Stimm-Chaos, das „Repeat“ einleitet.
Einige Songs haben auch eine durchaus spezielle Geschichte: Bei den Aufnahmen zu „Heal“, für Violet das zentrale Stück des Albums, habe sie, erzählt sie in einem Video auf ihrer Webseite, dauernd weinen müssen – Martin Siewert sei aber sehr rücksichtsvoll gewesen und habe sich dann diskret zurückgezogen.
Für das letzte Stück, das Instrumental „Nach dem Krieg“, bezog Violet die Inspiration in Schladming, wo sie mit ihren Kindern zum Wandern weilte. In einem Supermarkt wollte sie dort Brot kaufen. Als mehrere Öfen knapp hintereinander mit unterschiedlich hohen Drei-Töne-Signalen das Ende eines Backvorgangs verkündeten, fischte sie, hypnotisiert von den Klängen, ihr Smartphone zur Aufnahme heraus und war nicht mehr imstande, der Thekenkraft ihre Bestellung zu vermitteln.

PHOEBE VIOLET: TOMORROW (EYEHEAR)
Auf „Tomorrow“ singt Phoebe Violet erstmals Deutsch. „Traum, sei jetzt still“ ist ein rätselhaftes Stück wie nicht von dieser Welt, ein Stück von spiritueller Inbrunst, dem der seltsam feierlich anmutende Akzent der Sängerin jede Bodenhaftung entzieht. Dazu will es, eingepackt in das Rauschen und Knistern alter Aufnahmen -, atmosphärisch die 1920er-Jahre heraufbeschwören.
„Traum, sei jetzt still“ war für Violet, die längst gut Deutsch spricht, die herausforderndste Übung bei den LP-Aufnahmen.
„Deutsch ist sehr konsonantenreich und wenn du singst, bemerkst du die Klangfarben, die darin liegen: Still-l-l. Was da passiert, wie das eine Melodie kreiert. Nicht nur wegen der Sprache, sondern auch wegen des klassischen Hintergrunds, den der Song hat, war es für mich das schwierigste Stück.“
Live 2027
22.1. Dornbirn, Spielboden
31.1. Salzburg, Jazzit
6.3. Villach, Kulturhof

iris electrum: invitation to my tears (introvert utopia)
Wie bei iris electrums „invitation to my tears" gibt es bei „Tomorrow“ von Phoebe Violet eine Kongruenz zwischen musikalischer Form und Inhalt.



