Heimische Halbjahresproduktion, Teil I

Viel hat sich wieder angesammelt: Ein Ausschnitt dessen, was Österreich in diesem Jahr Bemerkenswertes produziert hat. Fortsetzung folgt.

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1. September 2026

Die in Innsbruck lebende lettische Sängerin Baiba (© Eco Nova)

Wie an anderer Stelle auf dieser Plattform bereits angedeutet, ist hierzulande der deutsch- oder dialektsprachige Indie-/Pop-Rock, der über die letzten zwei Dekaden so viele großartige Arbeitszeugnisse hervorgebracht hat, etwas auf dem Rückzug. International ausgerichtete Produktionen dominieren gegenwärtig den Markt und die Szene.

Nicht selten treten dabei hier werkende Gastarbeiter/innen auf den Plan. Zu ihnen gehört die in Innsbruck lebende lettische Sängerin und Keyboarderin Baiba, die mainstreamigen, inhaltlich selbstreflexiven Electro-Pop mit Rock-Einschüben macht.
Trotz Baibas ziemlich eindrucksvoller Stimmgewalt vermag ihr im Mai erschienenes drittes Album „Delusional“ (Super Plus Records) nicht restlos zu überzeugen – das elegant groovende „Bad Connection“, die gleichermaßen besinnliche wie emotional angespannte E-Piano-Ballade „Darling“ und das seinen Titel Lügen strafende „Darkest Hour“ führen allerdings vor, wozu sie fähig ist.

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In Tirol geboren, aber in Tunesien aufgewachsen ist die Singer/Songwriterin Sage Darley. Sie hat im Frühjahr ihre Debüt-EP „Into The White Sun“ (Seayou Records) veröffentlicht: Dream- und Sehnsuchts-Pop, ätherisch, zerbrechlich, und nicht ohne beschwörende Eindringlichkeit. Und nicht ohne Magie, wie etwa „Laurel Tree“ vorführt.

Die 17jährige Victoria West wird von ihrer PR-Agentur als österreichisch-britische Newcomerin präsentiert, aber außer der Tatsache, dass ihr Englisch makellos und sie offensichtlich stark von britischer Kultur und Lebensart beeinflusst ist, lassen sich keine besonderen biographischen Bezüge zum UK herstellen.

Britophil: Victoria West (© Francisca Friedrich)

Ihre Single „Better“ (POMWEST) ist jedenfalls ein hübscher, zart intonierter, so entspannter wie durchaus beschwingter, von einer akustischen Gitarre getragener und perlendem Piano interpunktierter Indie-Pop-Song.

The Belgian Blue nennt sich ein Quartett, das sich aus dem irischen Sänger Pádraig MacMahon, einem Amerikaner und drei Österreichern konstituiert hat. Die Musik reflektiert, als naturhafte Mischung aus keltischem Folk, Americana und Pop, diese unterschiedlichen Einflüsse.
Für Ende September steht bei Ink Music die LP „For Wards Weight / Summersweeps“ ins Haus; ein erster, sehr schöner, inbrünstiger Vorbote ist die Pedal-Steel-veredelte Ballade „Disappearing Birds“, für den sich MacMahon vom Roman „Reading in the Dark“ seines irischen Landsmanns Seamus Deane inspirieren ließ.

Die Leute, ihrer ebenfalls vier, kommen aus München. Weil sie aber bei Problembär Records veröffentlichen – übrigens auch ein Beleg für den gehobenen Stellenwert der österreichischen Popkultur – reklamieren wir sie hier mit der gleichen Selbstverständlichkeit für uns wie in der Formel 1 die Italiener einen Sieg eines Ferrari, und komme der Fahrer aus dem Lappland.

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Die Leute kleiden giftig-sarkastische Gesellschaftskritik in harschen Post-Punk. Wohnungsnot und Mietwucher, Egomanie, Social Media-Wahnsinn, Konsumismus, die Anmaßungen der Wohlhabenden sind ihre Themen.
Diesen Sommer haben Die Leute ihr Debütalbum „Schöne Scheisse“ veröffentlicht. Das aufgekratzte „Schönes Wochenende“, das eruptiv-ironische „Irre“  und „Barbourjacke“, einer der melodiöseren Songs, repräsentieren ihre Bandbreite.

Der weltbekannte Produzent und DJ Parov Stelar bietet seine Single „Man Without Reflection“ (Etage Noir Recordings) in zwei Versionen an, die beide schön sind und prototypisch für seine stilistischen Eckpfeiler Jazz und Elektronik stehen: Die reguläre Version ist als stimmiger Vintage Swing gehalten, die „1984 Version“ als dichter, latent angespannter Electro-Pop.

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Gardens, die auf diesem Portal schon angemessen gewürdigt worden sind und sich augenscheinlich auch besonderer Beliebtheit unserer User erfreuen, haben heuer eine EP herausgebracht; „The Biggest Dog You´ve Ever Seen“(Siluh) heißt sie.
Darauf versucht die Band um Sängerin und Songschreiberin Luca Celine Müller behutsam, ihren fließenden, hervorragend ausbalancierten Indie-Rock um ein paar rhythmische, songstrukturelle und dynamische Nuancen zu bereichern, aber wir nehmen gerne auch mehr vom Vertrauten wie in „Waves“.

Frachild sind ein zu drei Vierteln weibliches Wiener Quartett, das sich einer Rockmusik zwischen Grunge, Shoegaze, Pop und erstaunlich originären, differenzierten, mit schönen Hintergrundstimmen und besinnlichen Piano-Passagen behübschten, aber auch von unheilverkündendem Donnergrollen kontrapunktierten Balladen verschrieben hat.
Inhaltlich verheißt ihre Debüt-EP, wie der Titel „Songs to Sing to Your Family Instead of Telling Them How You Really Feel“ (Recordjet) und letztlich auch der Bandname (Frachild = Fragile Child) indizieren, Familiengeschichten – wenn auch etwas verfremdet erzählt.

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Im Oktober veröffentlichen Endless WellnessDomino Days“ (Buback), den Nachfolger ihres gefeierten Albums „Was für ein Glück“ von 2024.
Zwei Songs sind daraus schon ausgekoppelt worden: Das flott und doch relativ entspannt rockende „Nie mehr sicher“, eine versponnene Meditation in und über Fauna und Flora, die wie die meisten EW-Songs neueren Datums mit mehrmaligem Hören wächst, und die  Ballade „So allein werden wir nie wieder sein“, die mit ihrem lässigen und doch auch dramatischen Sentiment die Stammklientel gewiss unmittelbarer anspricht.
In Kürze erscheint noch ein drittes Stück, das impulsive und zunächst gewiss auch gewöhnungsbedürftige „Kontrolle ist Messer“. Eine buchstäblich scharfe Sache.

Mit etlichen Gästen hauptsächlich aus der elektronischen Szene wartet der Wiener Produzent, Komponist und Musiker Maxi Nagl auf seinem ersten Album „Golfball“ (Feber Wolle) auf. Zwischen Dance-Music, Folk und experimentellen Spielereien liegt sein Aktionsradius.
Sein inhaltliches Anliegen, nämlich die digitale Reizüberflutung, transportiert er sowohl auf Englisch wie auf Deutsch über die Geschichte eben des titelgebenden Golfballs. Nagls Golfball ist aber nicht wie sein Pendant im wirklichen Leben ein Spielball der Elemente, sondern erkenntnisfähig.

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Höhepunkte dieser recht interessanten Erweckungs- und Entdeckungsreice sind „Babyman“, ein schöner, gut temporierter und interessant interpunktierter Club-Track mit hübscher Melodie und verfremdeter Stimme, und die Folk-Ballade „Fenster“ mit der Wiener Singer/Songwriterin Jonnawetter, deren mild verschattete Stimme übrigens ein wenig an Anna Rupp vom Geschwister-Duo Jansky erinnert.

Die in Innsbruck lebende lettische Sängerin Baiba (© Eco Nova)

Gegenwärtig ist deutsch- oder dialektsprachiges popmusikalisches Schaffen aus Ö. etwas auf dem Rückzug. International ausgerichtete Produktionen dominieren den Markt und die Szene.