Trauervögel im Gleitflug

Eine kleine Song-Sammlung im Zeichen von allerlei Geflügeltem, u.a. mit Death Cab for Cutie, Trashcan Sinatras, Shearwater – und einer Erinnerung an Glen Hansard.

Von
9. August 2026

Eine ganze Vogel-Menagerie am Cover: „Ever the Optimist“, das neue Album der Trashcan Sinatras (TCS Recordings)

Musikalisch geflattert wird hierorts an sich erst im November, wenn das traditionelle Blue Bird Festival in Wien ansteht (und im Dezember, wenn ich meine Wings-Leidenschaft Jahr für Jahr neu aufleben lasse). Heuer sind wir mit allerlei Geflügel indes schon früher dran, nämlich mitten im Hochsommer, denn es sind in letzter Zeit einige Songs erschienen, die jeweils etwas mit – und jetzt kommt ein gefährliches Wort – mit Vögeln zu tun haben. Neinnein, wir lassen uns hier auf keine Doppeldeutigkeiten ein, und beziehen uns klar & eindeutig auf die gefiederten Geschöpfe, deren Gesängen wir ein kleines thematisches Nest errrichten.

Sprechen ohne Worte

Darin findet sich zum Beispiel der Song „Envy the Birds“ von der US-Band Death Cab For Cutie. Es ist Track Nr. 5 von deren neuem Album, „I Built You A Tower“, ihrem ersten seit vier Jahren, auf dem Sänger & Mastermind Ben Gibbard vor allem die schmerzhafte Trennung von seiner Ehefrau zu verarbeiten (ver)sucht, was zumindest musikalisch erstaunlich leichtfüßig gelingt. In besagtem Song heißt es in einem zart schmelzenden Refrain: „I envy the birds / Soaring in the silence“. Und wie sehr Gibbard die Vögel nicht nur um ihren stillen Gleitflug, sondern auch um eine Kommunikation ohne Worte beneidet, kommt in dieser Passage schön zum Ausdruck (und lässt erahnen, auf welch verletzende Art von Auseinandersetzung er damit anspielt): „’Cause when we speak without words / Then no one gets hurt / It’s safer where it’s quiet / It’s safer when it’s quiet.“

For privacy reasons YouTube needs your permission to be loaded. For more details, please see our Datenschutzerklärung.

Meditation mit Eisvogel

Auf dem Cover des neuen, in fast 40 Bandjahren erst siebenten Albums der Schotten Trashcan Sinatras, „Ever the Optimist“, findet sich gleich eine ganze bunte Vogel-Menagerie abgebildet. Und ein Song, der vorletzte (von elf), hat sie dann auch explizit im Titel: „Birds I Could’nt Identity“ lautet er – und handelt von einer Meditationserfahrung, in der neben Eisvögeln (Kingfishers) und Bachstelzen (Wagtails) eben auch fliegende Geschöpfe vorkommen, die Sänger Francis Reader nicht zu identifizieren weiß. „I sat on meditation ledge / (…) / And waited / Wagtails Kingfishers / Birds I could’nt identify …“, heißt es zu Beginn des Songs, der einmal mehr zeigt, mit welch Beatles-haften Harmonien diese Schotten zu prunken vermögen, auch wenn sie mit Veröffentlichungen geizen – es ist ihr erstes Album seit zehn Jahren. Und ausgerechnet dieses wurde nun auch noch zu einem Epitaph, da wenige Tage nach dessen Veröffentlichung Gitarrist John Douglas mit 62 Jahren verstorben ist. „Ever the Optimist“ ist somit auch ein Beharrungstitel: Jetzt erst recht!

For privacy reasons YouTube needs your permission to be loaded. For more details, please see our Datenschutzerklärung.

Prächtiges Federkleid

Jonathan Meiburg, Gründer und Sänger der 2001, also vor einem Vierteljahrhundert, als Abspaltung von der US-Folkband Okkervil River gegründeten Formation Shearwater, ist studierter Ornithologe – und somit absoluter Fachmann auf unserem Gebiet. Der Name der Band leitet sich von der englischen Bezeichnung für den Großen Sturmtaucher (Great Shearwater) her – und Vögel durchziehen neben Naturlyrik und ökologischen Themen so gut wie alle bisherigen Alben der in wechselnder Besetzung auftretenden Gruppe (die ursprünglich nur aus Meiburg und Will Sheff, Frontman von Okkervil River, bestand). So nun auch „The New World“, die neue Shearwater-Platte, die in ihrem prächtigen musikalischen Federkleid immer wieder von Vogelgezwitscher durchdrungen ist.
Wir wählen mit „Slugs in the Marigolds“ einen Song, der – mit einer fast glamrock-haften Attitüde – zwar nichts Vogelspezifisches im Titel – oder im Schilde – führt, aber ebenfalls eindeutig biologisch fundiert ist („Nacktschnecken in Ringelblumen“) und mit diesen Zeilen einsetzt: „Sometimes I think / my skull’s just chicken wire…“

For privacy reasons YouTube needs your permission to be loaded. For more details, please see our Datenschutzerklärung.

Himmelsleiter ins Glück

Fledermäuse sind zwar keine Vögel – aber Flügel haben sie auch. Und Fruit Bats, Flughunde, also etwas größere Fledermäuse, erst recht. Und so nennt sich auch das musikalische Projekt des US-Musikers Eric D. Johnson, das er in wechselnder Besetzung seit 1997 betreibt – und das zumindest in Europa nicht so recht abheben will. Diese Ignoranz ist auch Thema des Titelsongs seines neuen Albums, „The Landfill“ (dem stärksten Americana-Beitrag bisher heuer, trotz starker Konkurrenz, etwa durch Kevin Morby oder Kurt Vile).
Aber nicht diesen nehmen wir in unsere Auswahl auf, sondern gleich den ersten, „The Saddest Part of the Song“ – weil der eben so gar nichts Trauriges an sich hat, sondern exemplarisch zeigt, über welch erhebend-wonnigliche Fähigkeiten Johnson als Songwriter & Sänger verfügt: Der steil aufsteigende Refrain klingt wie eine Himmelsleiter ins Glück – und eine Vogel-Passage gibt es obendrein auch noch: „They say a bird in the hand is worth somethin’ / But I forget what…“

For privacy reasons YouTube needs your permission to be loaded. For more details, please see our Datenschutzerklärung.

Isländische Abkühlung

Nun wirklich nichts mit Vögeln (sorry) hat – obwohl sein Name zumindest für uns irgendwie raubvogelhaft klingt – der Isländer Ásgeir zu tun. Wir nehmen den 1992 als Ásgeir Trausti Einarsson geborenen Sänger und Gitarristen (dessen Karriere einst, 2013, durch die Hilfe von John Grant einen kräftigen Schub erfuhr) hier trotzdem dazu. Einerseits weil er erst kürzlich ein hinreißendes Konzert im Wiener Porgy & Bess spielte (bei auch indoor immens hohen Temperaturen), andererseits weil sein heuer schon früh veröffentlichter Song „Ferris Wheel“ (vom Album „Julia“) zu den schönsten des Jahres zählt & eben gerade in heißen Zeiten alleine dank dieser Zeilen schon abzukühlen vermag: „An early autumn day / Clouds hang low, looks like it might rain / All the trees are changing clothes / Throwing on their winter coates …“

For privacy reasons YouTube needs your permission to be loaded. For more details, please see our Datenschutzerklärung.

Tief vergrabene Stimme

Zum Schluss kehren wir zu einem expliziten Bird-Titel zurück – aus traurigem Anlass: Ende Juli ist Glen Hansard bei einem Motorradunfall ums Leben gekommen (und inzwischen mit einer Art Staatsbegräbnis unter Mitwirkung zahlreicher Musiker, u.a. Eddie Vedder, in Dublin bestattet worden). Der Song „Bird of Sorrow“ stammt vom ersten Soloalbum des irischen Barden, „Rhythm and Repose“ (2012) – eine Gänsehaut- und Tränendrücker-Nummer, doch was würde zur nunmehr gedrückten Stimmung besser passen als Zeilen wie diese: „A good heart will find you / Just be ready then / Thetered to a bird of sorrow / A voice that’s buried in the hollow…“

For privacy reasons YouTube needs your permission to be loaded. For more details, please see our Datenschutzerklärung.

Eine ganze Vogel-Menagerie am Cover: „Ever the Optimist“, das neue Album der Trashcan Sinatras (TCS Recordings)

Der Name der Band Shearwater leitet sich von der englischen Bezeichnung für den Großen Sturmtaucher (Great Shearwater) her – und Vögel durchziehen neben Naturlyrik und ökologischen Themen so gut wie alle Alben und Songs der Gruppe des Ornithologen Jonathan Meiburg.