Große Verbeugung vor kleiner Kneipe
Alte Säcke und neue Hoffnungsträger: Über aktuelle Songs von Paul McCartney, They Might Be Giants, Remi Klein und Lola Young, ein Duett von Olivia Rodrigo mit Robert Smith – und ein Hidden-Cameras-Cover zu Peter Alexanders 100. Geburtstag.

Smart-queerer Wiedergänger von Peter Alexander, zumindest kurzzeitig: The Hidden Cameras-Sänger Joel Gibb (c) Max Zerrahn
Weihnachten fiel heuer in den Mai – zumindest für mich. Wie ich an anderer Stelle auf dieser Plattform schon einmal kundgetan habe, ist Paul McCartney so eine Art Weihnachtsengel für mich – einfach aus der Gewohnheit heraus, dass ich ihn zu besagtem Feste seit Jahrzehnten immer gerne (an)höre. Allerdings mit der Einschränkung, dass ich ihn bzw. seine Songs dabei weder mit den Beatles noch solo (ab)spiele, sondern stets mit seiner zweiten großen Band, den Wings. Und das soll und wird bis auf Weiteres auch so bleiben – daher dann im Dezember ein weiteres Update meiner akustischen Bescherung (anlässlich einer Buchveröffentlichung zur Geschichte der Wings).
Jetzt, also im Mai, war die Veröffentlichung von Maccas 20. Soloalbum, „The Boys Of Dungeon Lane“, jedenfalls so etwas wie ein festlicher Vorgeschmack – nicht zuletzt auch deswegen, weil auf dem schönen, sehr traditionell gehaltenen Album Songs enthalten sind, die es locker auch auf die eine oder andere Wings-Scheibe hätten schaffen können (wie z.B. „Mountain Top“).
Hier soll aber nun jener Song im Mittelpunkt stehen, der wie kein zweiter – zumindest auf der aktuellen McCartney-Platte – an die Beatles-Ära erinnert: „Home to Us“. Das liegt natürlich zuvorderst daran, dass mit Ringo Starr der zweite Überlebende aus damaligen Zeiten daran mitwirkt. Er spielt auf dem nostalgieumrankten Song über frühe(re) Tage in Liverpool („The place we used to live in you could say it wasn’t much/ But it was home to us…“) solide schunkelnde Drums – und Sir Paul wuchert mit jenen melodieseligen Refrain-Pfunden, die ihn wohl zurecht als größten Songwriter aller Zeiten gelten lassen.
Von der Toilette auf die Hotelbühne
Während Paul McCartney kürzlich, am 18. Juni, stolze 84 Jahre alt geworden ist, wäre Peter Alexander am 30. Juni dieses Jahres 100 geworden (wäre er nicht 2011 mit 84 Jahren gestorben). Nun ist und war der Wiener Sänger und Schauspieler weit weg von jeglichen Meriten in der Songwriter-Kunst – einer der größten Entertainer des Landes ist er aber zweifellos gewesen, ganz egal, wie man seine Darbietungen in der Schlagerbranche (über die er nie hinauskam und – obwohl talentierter Jazz-Pianist – auch nie hinauskommen wollte) und in den harmlos-tollpatschigen Blödelfilmen auch immer bewerten mag. Was die Verkaufserfolge seiner Schallplatten und die Einschaltquoten seiner legendären TV-Shows anbelangt, war er jedenfalls ein Gigant.
Man muss den Rahmen des Pop(begriffs) zwar schon sehr weit dehnen, um ihm auch darin eine haltbare Geltung zuzusprechen (das Autorenduo Gröbchen/Mießgang hat Alexander – wenn auch mit sozialkritischem Kommentar – immerhin in sein 100-Songs-Kompendium „Die guten Kräfte“ aufgenommen), aber irgendwie gehört (gehört!) er da schon mit hinein.
Das hat sich anscheinend auch der kanadische Musiker Joel Gibb gedacht, der einen der erfolgreichsten Alexander-Songs, „Das kleine Beisl“, nur halt in der bundesdeutschen Version, also „Die kleine Kneipe“, mit seinen Hidden Cameras gecovert hat. Aufgenommen wurde das Ganze im Berliner Hotel Michelberger, wo dieser Schlager angeblich ständig auf der Toilette läuft. Also hat ihn Gibb von dort auf die Bühne geholt – und keineswegs verarscht: Seine Version ist eine fast schon rührende Reverenz an das große Lied vom kleinen Glück. Das Video wurde vom Eigentümer des Michelberger Hotels aufgenommen – und ist wohl einer der unerwartetsten und ungewöhnlichsten Beiträge zum nunmehrigen 100er-Jubiläum.
Powerpop-Hit als Comic-Video
Wir kommen noch einmal zurück zu Ringo Starr: In dessen All-Star Band hat 2020 auch der US-Sänger Eric Carmen (1949-2024) mitgewirkt, dessen größter Hit wohl der Song „All By Myself“ (1975) war, der heute noch durch viele Format-Radios geistert (und erstaunlich wenig von seiner hochorchestrierten Strahlkraft verloren hat). Carmen war lange Jahre Bandleader und Sänger der 1970 in Cleveland, Ohio, gegründeten Raspberries – einer Teenybopper-Band, für deren in jeder Hinsicht sauberes Melodienmanagement man sich als Fan nicht genieren musste.
Immerhin warf ihr aus hauptsächlich britischen Vorbildern (Beatles, Hollies, Small Faces) destillierter Powerpop eine Reihe von eingängigen Hits ab, zu denen u.a. „Go All the Way“, „Let’s Pretend“ oder „I Wanna Be with You“ gezählt haben. Und ganz besonders „Overnight Sensation (Hit Record)“, der, 1974 veröffentlicht, seine Zielbestimmung schon prophetisch im zweiten Teil des Titels trägt. Und so kam es auch – er wurde ein Superhit, dessen sich nun, 52 Jahre später, die US-Band They Might Be Giants noch einmal annimmt. Das auch bereits seit 1982 bestehende Duo (John Flansburgh & John Linnell) ist eine großartige, nahezu alle Stile beherrschende & persiflierende Wiederverwertungsmaschine. Und das kommt nun auch dem einstigen Raspberries-Hit zugute (einem von 18 Songs des prall gefüllten neuen TMBG-Albums „The World Is To Dig“), der als rasantes Comic-Video daherkommt.
Wer will schon die Welt beherrschen?
Ein weiterer einstiger Welt-Hit war „Everybody Wants to Rule the World“ der englischen Band Tears For Fears. Er wurde zuerst auf deren Album „Songs From The Big Chair“ (1985) und erst danach als Single veröffentlicht – obwohl ihn Sänger Roland Orzabal als unbedeutendes „Leichtgewicht“ einstufte. Produzent Chris Hughes (damals auch Bandmitglied) war anderer Meinung – und sollte recht behalten. Der New-Wave- und Synthie-Popsong, der 1986 als „Best Single“ bei den Brit Awards ausgezeichnet wurde, charterte immer wieder aufs Neue die Hitlisten – und hielt heuer im Jänner alleine in Großbritannien bei einer Gesamtverkaufszahl von 3 Millionen – Single-Verkäufen, nicht Streams!
Nun hat der leicht spinnerte, auf dieser Plattform schon einmal vorgestellte Frenchpop-Musiker Rèmi Klein den Song auf seiner EP „Elton“ (welcher Titel auch eine Verbeugung andeutet) gecovert, in einer charmant zurückgenommenen Version und trotz Originalsprache (also Englisch) französisch anmutenden Entspanntheit. Der Wunsch nach Weltbeherrschung ist hier keine große Sache, sondern eine Quantité négligeable, ein verspielt-vernachlässigbarer Spleen. (Donald Trump sieht das bekanntlich anders, aber um den soll es hier einmal nicht gehen.)
Rodrigos Duett mit Gothic-Ikone
Genug von alten Säcken (wobei ja gerade ein neues Stones-Album im Anrollen ist, bei dem u.a. auch Paul McCartney mit dabei ist) – aber Halt, doch noch nicht ganz. Denn auch Olivia Rodrigo, die 23-jährige US-Sängerin und Schauspielerin, die sich langsam zu globalem Superstartum hinaufspielt (auch wenn es zu Taylor-Swift-Dimensionen noch nicht ganz reicht), hat sich auf ihrem neuen Album, „You Seem Pretty Sad For A Girl So In Love“, einen alten Sack für ein Duett gekrallt: Und zwar Cure-Frontman Robert Smith, der dem Song „What’s Wrong With Me“ sein sensationell vitales Düster-Organ verleiht.
Vor einem Jahr beim Glastonbury Festival in England kam es bereits zu einem gemeinsamen Live-Auftritt der beiden – was heuer beim Primavera in Barcelona eine überraschende Wiederholung fand. Rodrigo macht kein Hehl aus ihrer großen Verehrung für Smith (und hat auch einen Song auf ihrem Album explizit „The Cure“ genannt, dem freilich keinerlei Darkwave- oder Gothic-Touch anhaftet). Auch das Duett ist von fast lieblichem Duktus, aber wann hat man Robert Smith zuletzt so strahlend gehört (leider sieht man ihn im dazugehörigen Video nicht)! Daran ist jedenfalls so gar nichts wrong.
In einem fragilen Zwischen(be)reich
Auch Lola Young, der man jeglichen Starruhm gönnt, denn kaum wer verfügt zurzeit über eine derart ausdrucksstarke Stimme wie die 25-jährige Britin, hat sich für ihren neuen Song „From Down Here“ Unterstützung bei einem bewährten Landsmann geholt: James Blake hat die labile Sängerin, die heuer bei den Grammys im Mai erstmals wieder auftrat (nach einem Zusammenbruch auf offener Bühne letztes Jahr in New York und einer halbjährigen Pause danach), unter seine (Producer-)Fittiche genommen. Und dabei kommt – das kann man an diesem einen Song schon deutlich erkennen – Großartiges heraus: ein Gänsehaut evozierender Refrain mit einer Selbstverortung in einem fragilen Zwischen(be)reich: „I miss the high from down here/ I used to fly around here/ I’m not quite alive, I’m somewhere in between/ I miss the high“.
Vergleiche mit Adele und Amy Winehouse liegen bei Lola Young schon seit längerem auf der Hand (auch weil deren Manager zu ihren Mitentdeckern und Förderern zählen), daher kann man nur hoffen, dass sie ihr Leben (das u.a. von einer schizoaffektiven Störung beeinträchtigt ist) besser in den Griff bekommt – und nicht ein weiteres Opfer der selbstzerstörerischen Rock-Mythologie wird. Wenn sie das schafft, dann sollte Forever Young ein passendes (Überlebens-)Motto sein.

Smart-queerer Wiedergänger von Peter Alexander, zumindest kurzzeitig: The Hidden Cameras-Sänger Joel Gibb (c) Max Zerrahn
Einer der größten Entertainer des Landes ist Peter Alexander zweifellos gewesen, ganz egal, wie man seine Darbietungen in der Schlagerbranche und in den harmlos-tollpatschigen Blödelfilmen auch immer bewerten mag.



