Kaputtnik-Idylle
Einen empathischen Blick auf ein ramponiertes Berlin richtet der seit den 1970er-Jahren Jahren aktive Pop-Individualist Otto von Bismarck auf der LP „Hauptstadt der Schmerzen“.

Otto von Bismarck: Hauptstadt der Schmerzen (Staatsakt)
Wahrlich, ich sage euch, Musikjournalismus bildet! Wo sonst lernt man, dass der Berliner Regional- und Fernbahnhof Gesundbrunnen vom Consumer Choice Center, einer (ideologisch übrigens recht fragwürdigen) amerikanischen Lobbyorganisation, in der Liste der 50 meistbenutzten Bahnhöfe Europas zu deren schlechtestem gekürt worden ist.
Wo ich das erfahren habe? Im Waschzettel* zu Otto von Bismarcks neuem Album „Hauptstadt der Schmerzen“.
Also bitte, weil Sie´s genau wissen wollen: Gesundbrunnen ist ein Teil des Berliner Bezirks Mitte und stark frequentierter Verkehrsknotenpunkt.
Ein weiterer Berliner Regional- und Fernbahnhof, nämlich Ostkreuz, belegt in der Rangliste des Consumer Choice Center den vorletzten, also 49. Platz; der Berliner Hauptbahnhof dagegen den vierten.
Das Rennen gemacht hat der Hauptbahnhof Zürich vor dem Wrocław Główny (Breslau) und – die Schweizer können sich nicht nur für ihren olympischen Goldhamster Franjo von Allmen in die Brust schlagen – dem HBF Bern.
Der Wiener Hauptbahnhof rangiert übrigens an achter, der Bahnhof Meidling an 47., also vorvorvorletzter Stelle. Und hier endlich auch der heiß ersehnte Link zum Ranking.
Was das alles mit Otto von Bismarcks neuer LP zu tun hat? Er posiert auf deren Cover just am übel beleumundeten Bahnhof Gesundbrunnen. Und mit der „Hauptstadt der Schmerzen“ ist selbstverständlich Berlin gemeint.
Die Titel der Platte mit dem abgelebten Gesicht des 1959 als Ottmar Seum in Hessen geborenen Künstlers groß im Bild und Szenarien mit Alkoholikern, gewalttätigen Gangs, Schlafwandler-Zombies und einem vollgepissten U-Bahnhof in den Inhalten machen hinlänglich klar, dass dieses Porträt von Berlin eher nicht als Tourismuswerbung taugt.
Es ist allerdings – erwartungsgemäß – trotzdem eine Sympathie-, wenn nicht Liebeserklärung an die Stadt, ihre Verrücktheit, ihr Chaos, ihr Tempo, ihre Macken. Kaputtnik-Idylle vom Feinsten – vielleicht unvermeidlich bei solchen Porträts einer speziellen Stadt und der Menschen, die sie prägen.
Erst zweite „richtige“ Solo-LP
Streng genommen ist „Hauptstadt der Schmerzen“ Otto von Bismarcks erst zweites Solo-Album nach „Zu viele Erinnerungen“ von 2022. Dabei ist der Mann schon seit Mitte der 1970er-Jahre musikalisch aktiv und veröffentlicht seit den frühen 80ern Platten.

Vielleicht nicht ganz so berühmt wie sein politischer Namenskollege, dafür musikalischer: Otto von Bismarck (© J Beck)
Seine musikalische Laufbahn begann er mit der Formation Grabhund. Eine 1981 erschienene LP, „ABC“ ist von der Band überliefert, die auf eigentümliche Weise Funk, Rockjazz und auch schon Einflüsse der gerade anrollenden Neuen Deutschen Welle verquirlte, deutlich vor Falco und anderen vermeintlichen Denglisch-Pionieren Deutsch und Englisch in Songs mischte und eigentlich ein typischer Fall für die Reissues wäre, die das verdienstvolle Label Tapete Records von vergessenen oder unbekannt gebliebenen Pionieren der deutschen Rockmusik regelmäßig veröffentlicht.
1984 gründete Seum mit Gitarren-Radikalinski Caspar Brötzmann The Bonkers; danach war er Mitglied der insbesondere für ihre spektakulären Live-Performances verehrten Space Cowboys und nahm den Künstlernamen Otto von Bismarck an.
Ab 1998 begann Bismarck, der längst seinen Wohnsitz nach Berlin verlegt hatte, solo aufzutreten, schrieb nebenher Songs für andere Künstler und arbeitete mit einer Reihe hochkarätiger Musiker zusammen, u.a. Bruno Adams, dem vorzeitig verstorbenen Frontmann der australischen Psycho-Blues-Band Once Upon A Time, Swans-Gitarrist Kristof Hahn, dem Einstürzenden Neubau Alexander Hacke und erneut mit Caspar Brötzmann.
Bei Two Chix And A Beer nahm Bismarck noch einmal ein längerfristiges Band-Engagement an, das insofern bis heute nachwirkt, als ihn deren Keyboarder Daniel Nentwig bei seinen Platten als Co-Produzent, bei „Hauptstadt der Schmerzen“ auch als Co-Autor maßgeblich unterstützt.
Assoziativ-sprunghaft
Obwohl Bismarck im langen Lauf seiner Karriere überwiegend auf Englisch vorgetragen hat, weisen ihn seine Solo-Platten als Virtuosen des deutschsprachigen Songtexts aus.
Selbst wenn seine Szenarien keineswegs immer logisch und stringent, sondern assoziativ-sprunghaft sind, ist mühelos zu verstehen, wie es gemeint ist. Auch die menschliche Wahrnehmung irrlichtert ja zwischen vielen simultanen Reizen und setzt sie willkürlich in Beziehung zueinander: Ein Schmelzwassertropfen auf dem Kopf, ein ausrutschender Passant auf der anderen Straßenseite, ein an die Hausmauer pinkelnder Hund, ein vorbeibrausender silberfarbener Lamborghini zum Beispiel verbinden sich da zu einem (scheinbar) kohärenten Moment.
Bei Bismarck kommt eine Fähigkeit zu sehr treffenden Wort- und Phrasenspielen dazu: „Regenbogenpresse – Atmosphärentief“. „Der Ausnahmezustand ist permanent.“ „Ich bin hier ganz allein wie Robinson Crusoe / dabei ist Freitag / The weekend (vermutlich Anspielung auf den kanadischen R&B-Star The Weeknd, Anm.)“. „Da ist einer aus dem Fenster gehüpft hier / Ende Gelände.“ „Billige Jokes, billige Socken, billiges Handy, billige Nummer, billige Sprüche, billige Küche, billige Fische vom billigen Kutter“.
Das Abgenützte, Ramponierte, Fragmentierte, Beschädigte/Entwertete, Schäbige, Ausgefranste in seinem Blickpunkt offenbart sich aber nicht allein über die Texte, sondern wird auch in die Musik infiltriert.
Nicht sehr häufig kommt Bismarck auf „Hauptstadt der Schmerzen“ ordentlich ins Singen. Meist ähnelt seine Intonation einem ungebundenen Erzählen, das sich manchmal zu einem wie beiläufigen Aufzählen ausschleift und auch eher selten rhythmisch gerahmt wie im Rap kommt – wiewohl das Titelstück im anfänglichen, nur von einer Trommel begleiteten Teil entfernte Erinnerungen an die Last Poets wachruft.
Wie Bismarck darum herum die divergenten Stilelemente und Versatzstücke, von entspanntem Keyboard-Jazz, wie ihn manchmal auch Helge Schneider spielt, Blue-Eyed Soul, House, Pop und die eine oder andere Prise experimentellen Rock einsetzt, hat etwas immanent Billiges und höchst Gekonntes zugleich an sich.
Alles an dieser Platte ist Zeichen. Das muss man verstehen, da ist die p.t. Hörerschaft gefordert. „Hauptstadt der Schmerzen“ ist, wiewohl natürlich auch großzügig mit Witz ausgestattet, ein stellenweise nicht unanstrengendes Werk. Aber es ist die Mühe wert. Buchstäblich. Und selten haben Form und Inhalt so zusammengepasst wie hier.
* Waschzettel: Info-Text, den Plattenfirmen begleitend zu Neuveröffentlichungen an Medien ausschicken und der bei Indie-Labels wie Staatsakt bei aller Werblichkeit durchaus lesenswert und – siehe oben – informativ sein kann.

Otto von Bismarck: Hauptstadt der Schmerzen (Staatsakt)
Obwohl Bismarck im Lauf seiner Karriere überwiegend auf Englisch vorgetragen hat, weisen ihn seine Solo-Platten als Virtuosen des deutschsprachigen Songtexts aus.



