Sich über Wasser halten
Ein sehr ambitioniertes LP-Debüt hat der Newcomer Memory Of Jane unter dem Titel „Unsinking The Cypress" veröffentlicht. Ein einziger Song darauf macht jede Kritik an allfälliger Unfokussiertheit zu Makulatur.

Memory Of Jane: Unsinking The Cypress (Blue Flowers)
Der Einstieg in das LP-Debüt eines Newcomers klingt nach einem guten alten Bekannten, den wiederzuhören man sich jedesmal freut – und zugleich nach einem Klassiker der versponnenen wie subtil expressiven Ballade, wie sie nur echte Könner, sagen wir Nick Cave, Radiohead, vielleicht noch The xx oder James Blake zustandebringen. Sukzessive aber offenbart, was zunächst einfach nur als melodiöser Schmelz in getragener Klavier-Begleitung erscheint, unvermutete Facetten. Da pocht ein Drum-And-Bass(-ohne-viel-Bass)-artiger Rhythmus, grundieren vielschichtige elektronische Klangfarben die Fläche, machen beschwörende Hintergrund-Stimmen eine ganz leicht unheimliche Stimmung.
„Eyes Talk“ steht als Opener prototypisch für die Stärke wie auch das latente Problem des LP-Erstlings „Unsinking The Cypress“ von Memory Of Jane: Er hat zahlreiche elektrisierende Momente, jongliert locker und sicher zwischen vielen Musiksprachen, verliert dabei aber auch öfter den Fokus.
Charisma unterminiert sich solchermaßen bisweilen selbst, wenn die Musik angestrengte Überlegungen anregt, wo man dieses oder jenes Versatzstück oder Stilmittel schon gehört haben mag. Das Angestrengte resultiert just aus der Exklusivität der eingearbeiteten Einflüsse.

Maïlé Doremus-Cook, das Gesicht hinter Memory Of Jane (© Blue Flowers)
Hinter Memory Of Jane verbirgt sich der britisch-französische Sänger, Multiinstrumentalist, Produzent und Songschreiber Maïlé Doremus-Cook. Er ist mit Jazz aufgewachsen, nennt Metronomy, die Talking Heads, mit Nachdruck Arthur Russell, auf Nachfrage auch James Blake als Inspirationsquellen; wohl dürften auch Jungle und Drum And Bass bei ihm Eindruck hinterlassen haben, und es ist nur schwer vorstellbar, dass ihn die Radiohead der „Kid A“- und „Amnesiac“-Phase kalt gelassen hätten.
Memory Of Jane hat bereits mit einer EP, „In the Double“ (2023), wohlwollende Aufmerksamkeit erlangt. „Unsinking The Cypress“ konnte solchermaßen bereits auf erwartungsvolle Aufmerksamkeit aufbauen und hatte im „Musikexpress“, „Independent“ und „Deutschlandfunk“ positive Reviews und Features.
Eine Zone zwischen Traum und Wachzustand
Maïlé Doremus-Cook ist 23, insofern ist sein Abtasten, Suchen, sein Herumjonglieren mit verschiedenen Musiksprachen durchaus natürlich. Inhaltlich scheint er seinen Fokus schon gefunden zu haben, denn die Texte und der ungewöhnliche Titel von „Unsinking The Cypress“ basieren auf einem einigermaßen fundierten philosophischen Unterbau.
Die Zypresse ist in der griechischen Mythologie ein Symbol der Unterwelt, auf der anderen Seite repräsentiert sie Resilienz und Langlebigkeit. Die Zypresse, die nicht untergeht, ist somit Metapher für die Widerstandskraft gegen dunkle Kräfte. Nicht umsonst bezeichnet man den Abwehrkampf gegen existenzielle Bedrohungen umgangssprachlich als Sich-über-Wasser-halten.
Doremus-Cook rang zur Entstehungszeit der LP – die ungefähr zwei Jahre in Anspruch nahm – mit Beziehungsproblemen, Verlusten, Traumen. Das ist sein einer Bezug zum LP-Titel.
Zum anderen sieht er in der Zypresse eine Begegnungszone von Traumwelt (= unter Wasser) und Wachwelt (= Erdoberfläche). Und viele der Texte, so lässt der Musiker via Label-Waschzettel wissen, loten das Spannungsverhältnis zwischen diesen beiden Welten aus.
Mittelbar schlägt sich dieses Spannungsverhältnis auch in den Songdramaturgien nieder. Viele Stücke enden anders als sie angefangen haben. Der Titelsong „Unsinking The Cypress“ beginnt, ähnlich wie der Opener „Eyes Talk“, als einfache Interaktion zwischen Doremus-Cooks sonorer, dabei aber doch auch leicht spröder Stimme und einem impressionistischen Klavier, ehe der Song mit einem Mellotron Fahrt und Rhythmus aufnimmt und in einen gemächlichen, aber soliden Fluss gleitet. Der Sänger bekundet darin – siehe Begegnungszone – Sehnsucht nach bewusstem Erleben der Traumwelt: „It’s all I wanna be / alive in the dreaming part of me“ .
„Blind“, das zunächst anfängt wie ein Ambient-Track und dann an den frühen James Blake erinnert, schleift sich auf einen relativ gemütlichen Drum ’n‘ Bass-Ryhthmus ein.
Am schönsten spielt „Praying I Don’t Fall“, einer der besten Songs dieses Jahres, übrigens auch das mental animierteste und hoffnungsfrohste Stück des Albums, mit divergierenden Elementen: Eine unglaublich attraktive, auf einer Synthie-Wolke schwebende Melodie bahnt sich majestätisch ihren Weg, erlaubt einen kleinen Umweg über eine Bridge und fließt letztlich aus in herrlich antiquiertem Saxophon-Genudel.
Allein dieser Song, bei dem Sie die Finger nicht mehr vom Repeat-Button wegkriegen werden, relativiert jedes Spurenelement Kritik, das hier hör-/lesbar gewesen sein mag – ganz unter uns gesagt…

Memory Of Jane: Unsinking The Cypress (Blue Flowers)
Maïlé Doremus-Cook ist 23, insofern ist sein Abtasten, Suchen, sein Herumjonglieren mit verschiedenen Musiksprachen durchaus natürlich.