Versuche über die Vergänglichkeit

Großes von 2025, nachgereicht, Teil 2: Wie Liebe, Lebensträume und letztlich Leben selbst dahingehen, haben auf unterschiedliche Weise Cate Le Bon, Comet Gain und Jonathan Jeremiah reflektiert.

Von
9. Jänner 2026
Cate Le Bon, Comet Gain, Jonathan Jeremiah

Großes Werk über eine große Krise: Michelangelo Dying von Cate Le Bon (Mexican Summer)

Es gibt in der wunderbaren, oberflächlichen Welt des Pop ein ziemlich ungerechtes Phänomen: Musiker, die regelmäßig auf gutem Niveau liefern, geraten in der medialen Wahrnehmung schnell ein wenig ins Hintertreffen. Es fehlt ihnen der Glanz und das Mysterium des Umstrittenen – Verlässlichkeit und Konstanz sind keine sehr glamourösen Eigenschaften.

Comet Gain gehören zu diesen bedauernswerten Künstlern. Seit zwei Jahrzehnten liefern sie mit ihrem aus Post-Punk, Power-Pop und Northern Soul amalgierten Indie-Rock hohe Qualität, genießen dafür auch expertises Wohlwollen und Respekt, nicht aber die Begeisterung jener, die ihre Nase in den Wind halten, um einen Furz zu wittern, den man als Innovation oder Trend verkaufen könnte.

Selbst in diesen Portal sind Comet Gain mit ihrem ergreifenden Album „Letters To Ordinary Outsiders“ (Tapete Records) im Tagesbetrieb untergegangen. Da jedoch die wahrhaft stille Zeit – also die Tage nach Silvester bis Mitte Jänner – Gelegenheit zu etwas Einkehr bietet, kommen sie an dieser Stelle zur überfälligen Würdigung. Einen Sänger zu erfinden, der Julian Cope sein will – das darf nicht ohne Ehrenbezeugung bleiben!

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Eigentlich bestehen die „Letters To Ordinary Outsiders“ überwiegend aus Songs und Fragmenten, die über die Jahre hin auf diversen Plattformen wie Bandcamp veröffentlicht worden sind.
Kombiniert mit vier neuen Songs und zwischendrin mit kleinen Dialogen von Songschreiber, Gitarrist und Sänger David Christian mit anderen Bandmitgliedern und fallweise auch Produzent Sean Read angereichert, sind sie hier aber raffiniert zu einem Narrativ verklammert, der die Diskrepanz zwischen Lebensträumen und der Realität zum Inhalt hat: Leben, die man nur im Kopf gelebt hat. Plätze, wo man nie war. Klamotten, in die man nicht mehr reinpasst. Dinge, die man nie gesagt hat.
Zeit, die einem gestohlen wurde.

Um, als eine eigene Sub-Kategorie, Bandprojekte, aus denen nix geworden ist wie das mit dem erwähnten Möchtegern-Julian-Cope.

Comet Gain um Sänger & Songschreiber David Christian, 2.v.r. (© Dani Canto)

Der einleitende Dialog zu dem entsprechenden Stück, es heißt „We Were Paintermen“, schildert – rührend und gleichzeitig traurig in seiner offensichtlichen Nichtigkeit – den x-ten Versuch eines Musikers, eine interessante Band auf die Beine zu stellen.
– Hi, Strobe, wie geht´s? Was machst du grade?
– Nun, Dave, wir sind gerade am Proben. Wir haben einen neuen Sänger – er hat wirklich Stil. Willst du kommen und schauen?
– Ist das nicht Jahr um Jahr passiert? Wo sind wir jetzt?
– Ja, weißt du, es passiert immer. Das hat nie aufgehört. Und es wird weiter passieren, bis wir es richtig hinkriegen.

Das alles ist – im Unterschied zu älteren, bisweilen bis zum Zerreißen angespannten CG-Platten – ziemlich gelassen, fast schon ausgeglichen in Szene gesetzt. Es ist, als hätte sich die gewisse resignative, dabei nach wie vor tief humanistische Lebensweisheit der Inhalte auf die Musik übertragen.

Musik aus den Trümmern einer Beziehung

Die Waliserin Cate Le Bon hat sich in den ca. 15 Jahren, die sie sich nunmehr in der Pop-Szene bemerkbar macht, in vielerlei Hinsicht profiliert. Als fähige Bassistin und Gitarristin hat sie bereits etliche Größen auf Tour begleitet, etwa John Grant, Perfume Genius oder St. Vincent.

Als Sängerin und Songschreiberin hat sie einen eigentümlichen Sound entwickelt, der an vieles anklingt, ohne sich richtig dingfest machen zu lassen.

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Ihre Findigkeit in der Kreation ausgefallener Klangbilder hat Le Bon zudem zu einer gefragten Produzentin gemacht, die bereits an Werke von Wilco, Deerhunter, Devendra Banhart, Kurt Vile u.a. Hand angelegt hat.

Bei ihren eigenen Platten scheinen Le Bons Zugang zum Musikmachen Ähnlichkeiten zu dem von David Bowie in der Phase zwischen „Station To Station“ und „Scary Monsters“ zugrundezuliegen – ein Ineinanderverweben unterschiedlicher, per se gar nicht arg komplizierter Teile zu fast hermetisch abgedichteten Klangbildern.
Dazu greift sie Stilmittel unterschiedlicher Herkunft ab: Der Gitarrensound erinnert manchmal an die frühen Cure, die meist relativ strikte formale Rahmung wiederum an die Roxy Music der „Siren“-Phase oder auch an Julia Holter.

Cate Le Bon, eigentlich erstaunlich gefasst  (© Hawkline)

Ihr 2025-er-Album „Michelangelo Dying“ (Mexican Summer) folgt dem Bruch einer langjährigen Beziehung, wonach sie ihrer langjährigen Wahlheimat L.A. den Rücken kehrte und zurück nach Wales zog.
Im „Guardian“ beschrieb Le Bon den Trennungsprozess als Amputation – (über)lebensnotwendig zwar, aber nichts was man sich wünscht.

So wurde „Michelangelo Dying“ ein komplett anderes Werk als ursprünglich veranschlagt – ein Album über Emotionen und die Liebe bzw. die Trümmer, in der sie liegt.

Es ist allerdings nicht so, dass Le Bon ihre devastierten Gefühle völlig ungefiltert und unabstrahiert in den Äther schickt. Vielmehr ist die Mehrzahl der Texte reichlich kryptisch formuliert.
Motive wie Eifersucht, Sarkasmus, Enttäuschung sind fragmentarisch auszumachen oder zumindest erahnbar; Niedergeschlagenheit scheint aus raffiniert gedrechselten Zeilen wie „I´m off the hook / And I´m on the plate“ zu strömen, aber klar und widerspruchsfrei ist praktisch keiner der zehn Songs zu dechiffrieren.

Die Musik, die einerseits mit kompakten Bässen, präzisen Drums, den bisweilen eigentümlich abgehoben anmutenden Gitarren und wehenden Synthesizer-Schleiern/-Nebeln das eine oder andere Echo aus der großen (Früh-)Zeit der New Wave schickt, mit versatilem Piano und stilsicheren Saxophoneinlagen aber auch ihre individualistischen Momente hat, tut ohnedies ihr beachtliches Bestes, um der Tristesse anregende Seiten abzugewinnen.

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Dazu wirkt Cate Le Bon als Sängerin erstaunlich gefasst und souverän. Ein Duett mit ihrem walisischem Landsmann John Cale in „Ride“, einem der diffizileren, kantigeren Songs des Albums, ist eine der wenigen Ausnahmen, wo sie am Ende etwas stärker aus sich herausgeht.

Kontinental

Der 45jährige Londoner Songwriter Jonathan Jeremiah genießt auf dem Kontinent genug Popularität, um mit seinen LPs zumindest die unteren Regionen belgischer, deutscher, schweizerischer, niederländischer und tatsächlich auch österreichischer Charts zu streifen.

Das passt insofern, als Jeremiahs Werk(en) etliche kontinentaleuropäische Vektoren aufweist: Französischer Pop und Chansons gehören zu den stilistischen Signifikanten seiner Musik; auf seinem neuen Album „We Come Alive“ (Pias), das zu Teilen in Amsterdam entstanden ist, unterstützt ihn u.a. der deutsche Jazz-Trompeter Til Brönner.

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Der polyglotte Appeal seines Schaffens wurzelt in der Familiengeschichte, die väterlicherseits anglo-indischen Ursprungs ist. Ein Song auf „We Come Alive“ spricht diese Geschichte sogar direkt an: Jeremiahs Großmutter hatte auf einer indischen Farm als Haustier einen Bären, der schließlich in den Besitz eines Prinzen überging. Das untröstliche „Kolkata Bear“ reflektiert den Verlust.

Obendrein verbrachte Jeremiah als 20jähriger mehrere Monate in den USA, aus denen er eine Affinität für (eher südstaatlichen) Soul und Jazz mitbrachte.

Jeremiahs Faible für üppige Orchestrierung ist wiederum eine weitere Mitgift seiner Altvorderen, die Scott Walker verehrten.

„We Come Alive“ ist letztlich auch inhaltlich von Jeremiahs Elternhaus geprägt. Denn auf ihm verarbeitet der Sänger, Songschreiber und Gitarrist nicht nur den Tod seines Vaters, sondern auch Fragen nach Zugehörigkeit, Herkunft und Identität.

Jonathan Jeremiah: Retro nicht als Ersatz für fehlende Ideen, sondern als Zeichen (© Glenn Dearing)

Musikalisch kommt auf Jeremiahs sechstem Opus in bester Form alles zusammen, was schon ihn schon bisher ausgemacht hat: Groß und opulent mit Streichern und Chören arrangierter Pop mit geschmackvollen Jazz-Einlagen, Ankängen an Serge Gainsbourg und majestätischem Soul, der bisweilen an Lambchop in der „Nixon“-Periode erinnert und bestens mit Jeremiahs tiefem, angerautem Bariton konveniert. Gleichwohl ist mit der Folk-Ballade „Lorraine And The Mermaid“ ein Höhepunkt der Platte ein Ausreißer, den es mit lockenden und Unheil ahnen lassenden Sirenengesängen in psychedelische Fahrwasser zieht.

Das ist retro im allerbesten Sinn des Wortes: Das Retrospektive ist nämlich nicht einfach als Ersatz für (fehlende) Ideen oder was auch immer eingesetzt, sondern (ähnlich wie bei Laufey) als Zeichen. Nämlich, dass es durchaus noch entdeckenswerte Musiken aus der Vergangenheit gibt und annähernd unendlich viele Möglichkeiten, sie neu, ungewöhnlich oder wenigstens in sich stimmig zusammenzusetzen.

Cate Le Bon, Comet Gain, Jonathan Jeremiah

Großes Werk über eine große Krise: Michelangelo Dying von Cate Le Bon (Mexican Summer)

Worum es praktisch immer geht: Sich gegen Krisen - auf die eine oder andere Art - zu behaupten.