Wiedergeburt als Regentropfen

Weiblicher Selbstermächtigungs-Pop vom Feinsten, kontrastreich orchestriert: „Nothing’s About to Happen to Me“, das neue Album der US-Sängerin Mitski.

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4. März 2026

Mitski: Nothing's About to Happen to Me (Dead Oceans)

Beginnen wir beim Ende. Und zwar bei jenem, das gleich wieder zu einem Anfang führt: der Wiedergeburt. Diese gibt es ja – je nach Glaubensrichtung – in verschiedenen Gestalten und Formen. Als Regentropfen wiedergeboren zu werden ist indes eine – zumindest für mich – neue Abfolge-Station im Reinkarnations-Lotto. „When I die/ Could I come back as the rain/ See the world again / To fall again…“, heißt es in „Lightning“, dem elften und letzten Song von „Nothing’s About to Happen to Me“, dem neuen und insgesamt achten Album der US-Sängerin Mitski. In der Folge sinniert sie weiter darüber, wie es wäre, als möglichst dunkler Tropfen zu reinkarnieren, um das Mondlicht besser reflektieren zu können. Der Song, eine wunderbar an- und abschwellende Coda, versammelt musikalisch, atmosphärisch und inhaltlich noch einmal alles, was zuvor – nicht nur auf diesem Album – angestimmt wurde.

Einsamkeit & Isolation in Geisterhaus

Der Tod und Meditationen über eine Art von Afterlife durchziehen das Werk der mittlerweile 35-jährigen, als Mitsuki Laycock-Miyawaki in Japan geborenen, in New York aufgewachsenen und klassisch ausgebildeten Musikerin von Beginn an. Auch auf „Nothing’s About…“ taucht das Thema in verschiedenen Variationen (wieder) auf. Etwa in „Dead Women“, in welchem Song – den man sich in jedem David-Lynch-Film gut vorstellen könnte – die Erzählerin imaginiert, wie ihr Leben nach ihrem Tod von Partner und Freunden uminterpretiert und zurechtgerückt wird: „Would you have liked me better if I’d died/ So you could tell my story the way it ought to be/ You’d find my parents and ask to see my things/ Rifle through it all, fill the blanks with all you need…“

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Neben Einsamkeit und Isolation, die durch ein buchstäbliches Haus geistern, das dem Album als inhärenter Schauplatz symbolische Form und songarchitektonischen Halt gibt, sind es natürlich auch (Liebes-)Beziehungen, die in Mitskis Songs (und wohl auch Leben) eine eminente Rolle spielen – gescheiterte notabene.

Gehen & gegangen werden

Auf der neuen Platte wird das Thema Beziehungsende gleich in zweifacher, kontrastierender Weise durchgespielt: In „If I leave“ geht sie, zwar schweren Herzens, aber eben doch („If I leave / Somebody else will love you / But nobody else could forgive me / Quite as often as you“), während sie in „I’ll Change for You“ in subalterner, selbstverleugnender Weise um den Verflossenen bettelt: „I’ll do anything / For you to love me again / If you don’t like me now / I will change for you.

Und hier, bei diesem Song, ändert sich – nach bis dahin indiepop- & -rock-gängigen Tunes – auch die Tonsprache: Zu sanften Bossa-Nova-Rhythmen schwelgen Streicher, gedämpfte Hörner und ein klimperndes Klavier durch eine Lounge-Bar (man hört im Hintergrund Gläsergeklirr & Gelächter) – und schwingen sich zu einem großen Lana-Del-Rey-Song empor (den diese, deren neues Album seit eineinhalb Jahren überfällig ist, vermutlich so nicht mehr zustande bringt).

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Nun hat der Kritiker des englischen „Guardian“ – wie fast alle bisherigen Rezensenten von Mitskis neuem Werk nachvollziehbar begeistert – natürlich schon recht, wenn er festhält, dass die Welt des Jahres 2026 nicht gerade ein Defizit an selbstgrüblerischen Singer/Songwriterinnen, die ihre Neurosen öffentlich zelebrieren, aufweist. Allerdings hat er auch damit recht, dass Mitski das einfach besser hinbekommt als alle anderen – „stronger with melodies, more skilled at creating atmospheres“ – und schon gar nicht zu vergessen, sind ihre Selbsterkundungen „balanced out by a mordant humour that undercuts any accusations of navel-gazing narcissism“.

Eben. Das macht jedes Mitski-Album – ganz speziell die letzten drei, mit denen sie nachhaltig im avancierten Mainstream angekommen ist (also neben dem aktuellen noch „Laurel Hell“, 2022, und „The Land Is Inhospital and So Are We“, 2023, dessen Song „My Love Mine All Mine“ zu einem weltweiten Hit wurde, vor allem auf TikTok) – so besonders: Dass die beengenden Themen Angst, Depression und Tod in einer stets Augen, Ohren und Herzen öffnenden Weise musikalisch trostreich behandelt werden.

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Dabei hilft der Multi-Instrumentalistin ihr theatralisches Gespür und Talent (sie schreibt mittlerweile auch Musik für Bühnenstücke). Denn es sind gesamtästhetische Inszenierungen, die ihre Platten (und auch Shows, wobei ihre aktuelle Tour leider weit an Österreich vorbeiführt – Amsterdam ist der näheste Ort, an dem sie im Mai konzertieren wird) durchziehen und zu mehrdimensionalen Ereignissen machen. In einem Interview(-Video) für den deutschen „Rolling Stone“ erzählt Mitski von ihrem ersten öffentlichen Auftritt – im Rahmen eines Schul-Musicals, „Cats“, bei dem alle Mitwirkenden Solo-Parts hatten.

Streunende Katzen & Hunde

Katzen sind nun auch auf „Nothing’s About to Happen to Me“ unübersehbar (wovon schon das Cover mit dem Gemälde des US-Künstlers Marc Burckhardt zeugt). Sie streichen & streifen durch & um das Haus der Erzählerin und auch durch mehrere Songs. In „Cats“ – in anheimelnder Americana-Tonart – sind sie noch Trostspender („Our two cats making sure I’ll be allright“), während ein Kater in „That White Cat“ – bei musikalisch deutlich forcierterer Gangart (die an PJ Harvey erinnert) – das Kommando übernimmt („It’s supposed to be my house, but I guess, according to cats, now it’s his house”).
Gegen Ende hin, in der vorletzten Nummer, „Charon’s Obol“, sind es dann Hunde, die – als Überbleibsel eines Vorbesitzers (mit allerlei dunklen Andeutungen von „girls who died…“) – durch Garten und Haus streunen, diesfalls wiederum als fast überlebensgroße Ballade instrumentiert (mit Chor, Orgel und Streichern).

Die Songs wurden durchgängig von Mitskis opulenter Life-Band ihrer „The Land Is Inhospital…“-Tour im Studio eingespielt, und mit orchestralen Versatzstücken (aufgenommen in Los Angeles) angereichert. Das alles, es sei nochmals gesagt und unterstrichen, ist in eine dichte, aber immer transparente musikalische Textur eingewoben, die zwischen leisen Passagen und lautem Crescendo elastisch pulsiert. Also ein kleines, ach was, ein gar nicht so kleines Wunderwerk, an dem – sollten Lana Del Rey und PJ Harvey nicht noch unerwartete Genieblitze absondern – im weiblichen Selbstermächtigungs-Pop wohl für längere Zeit Maß genommen werden wird.

Mitski: Nothing's About to Happen to Me (Dead Oceans)

Das macht jedes Mitski-Album so besonders: Dass die beengenden Themen Angst, Depression und Tod in einer stets Augen, Ohren und Herzen öffnenden Weise musikalisch trostreich behandelt werden.