Beredt sprachlos

Mit einem tollen Album überraschen die reformierten Sterne. „Wenn es Liebe ist“ präsentiert das Hamburger Quartett musikalisch frisch überholt und inhaltlich reflektiert wie kaum zuvor.

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12. Jänner 2026

Die Sterne: Wenn Es Liebe Ist (PIAS)

Über nahezu drei Jahrzehnte schienen Die Sterne ein unangreifbarer Organismus zu sein: Ohne wie ihre ehemaligen Weggefährten Tocotronic zu einem Stadion-Act anzuwachsen, aber auch ohne in die Marginalität abzusacken, blieben sie auf einem moderaten, aber konstanten Erfolgslevel und veröffentlichten in recht ordentlicher Frequenz Alben, die nie enttäuschten.

Ihre Musik hat sich nie wirklich verschlissen, weil sie von Anfang an auf fast perfide Weise abnützungsresistent angelegt war, indem sie unterschiedliche Komponenten zusammenbrachte, deren Koexistenz keine alltägliche Routine ist: Mit sprödem Rock und ABBA-geschultem Melodie-Pop wurden da Funk, HipHop, Einsprengsel von Stax-Soul und quasi-experimentelle Klangflächen und -collagen verquirlt.

An diesem „Konzept“, wenn es denn je eines war, musste über die Jahrzehnte wenig verändert werden; lediglich die Ohrwürmer, die das Ganze trugen und sogar sloganhafte Hits wie „Universal Tellerwäscher“ oder „Was hat dich bloss so ruiniert“ abwarfen, wurden immer raffinierter: „Big in Berlin“, „Flucht in die Flucht“ und besonders „In diesem Sinn“, eine schallende Ohrfeige für Selbstoptimierungs-Apologeten.

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Zwischendurch gestattete sich das Quartett auch einmal einen Ausflug in die Disco („24/7“, 2010), der ganz interessant ausfiel, aber letztlich als das rezipiert wurde, was er war: Eine Lockerungsübung.

Zäsur mit Ausstieg von Leich und Wenzel

Im Jahr 2018 aber gab es mit dem Ausstieg von Schlagzeuger Christoph Leich und Keyboarder Thomas Wenzel eine echte Zäsur. Insbesondere der gutaussehende Leich hatte die Außenwahrnehmung der Band erheblich mitgeprägt, denn er hatte vorher bei Kollosale Jugend getrommelt.

Und dieser Formation wird ein prägender Einfluss auf die sogenannte Hamburger Schule zugeschrieben: jene stilistisch vielfältige, diskursgesättigte Spielart von Pop- und Rockmusik, die Deutsch nach den Verheerungen durch die späte Neue Deutsche Welle Anfang der 90er-Jahre wohl erst wirklich, sprich: nachhaltig als Gesangssprache etabliert hat.

Die Sterne werden neben den populistischeren Tocotronic, den als intellektueller geltenden Blumfeld und den (links)radikaleren Goldenen Zitronen als die Speerspitze der Hamburger Schule gesehen. Mit dem Song „Ich scheiß auf deutsche Texte“ kontrapunktierten sie den Hype, den sie mit ausgelöst hatten.

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Nach dem Ausstieg von Leich und Wenzel machten Die Sterne zunächst als loser Verband um Sänger, Gitarrist, Texter und Hauptsongschreiber Frank Spilker weiter und betitelten ihr nächstes, 2020 veröffentlichtes Album ostentativ nach dem Namen der Band.

Mittlerweile hat Spilker mit der kubanisch-amerikanischen Keyboarderin und Vokalistin Dyan Valdés, Drummer Jan Philipp Janzen, bekannt aus den Bands Von Spar und Urlaub in Polen, und Bassist Phillip Tielsch, der ebenfalls bei Von Spar, aber auch mit Stephen Malkmus gespielt hat, wieder eine fixes Line-up um sich geschart.

Riff-Rock vs. fließende Strukturen

In dieser Formation haben die Sterne ihre neue LP „Wenn es Liebe ist“ eingespielt. Und das Ergebnis ist verblüffend. Man muss nicht die schrecklich abgenudelte Phrase „Haben sich neu erfunden“ strapazieren, aber jedenfalls präsentieren sich die Sterne auf diesem ihrem 13. abendfüllenden Opus frisch überholt, offensiv und animiert wie Newcomer.

Die Sterne anno 2026, v. l.: Jan Philipp Janzen, Frank Spilker, Dyan Valdés, Phillip Tielsch (© Stefan Braunbarth)

Das heißt nicht, dass „Wenn es Liebe ist“ nicht sofort als Sterne-Platte erkennbar wäre – es gibt immer noch die tollen Ohrwürmer, hier sind es „Ich habe nichts gemacht (außer weiter)“ und insbesondere das psychedelisch beschlagseitete „Es war nur ein Traum“ mit seinem munteren, fast burlesken Gitarren-Leit-Motiv.

Aber Spilker und seine Begleiter haben auch ein paar neue Dinge ausprobiert – auch indem sie auf durchaus archaische Stilmittel zurückgriffen.

Zunächst fällt eine Neigung zu grobkantigen Rock-Riffs auf, wie sie vielleicht zu Free oder gar Slade gepasst hätten. Gleich der Opener „Ich nehme das Amt nicht an“ und das nachfolgende, auch etwas Rockabilly-infiltrierte „Ändern wir je den Akkord“ fahren (oder rumpeln) recht gut auf diesen fossilen Grundierungen.

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Als gegenläufige Bewegung ist eine Affinität zu offenen, fließenden Strukturen zu bemerken. Am deutlichsten manifestiert sich diese in einem zehnminütigen Instrumental, das in seinem insistent-seriellen Rhythmus an Wilcos „Spiders (Kidsmoke)“ erinnert, das seinerseits deutliche Einflüsse von Krautrock, speziell Neu! verrät.

Schließlich gibt es auch einen Song auf Englisch, der von der Keyboarderin Dyan Valdés stammt: „Open Water“ ist eine unter die Haut gehende, detaillierte Erzählung über eine toxische, physisch wie psychisch gewaltsame Beziehung mit dem titelgebenden „offenen Wasser“ (das sich hier offensichtlich in einem Pool sammelt) als Metapher für unterschiedliche Zustände, insbesondere Gefahr wie auch Freiheit.

Valdés erhebt indes auch auf Deutsch die Stimme: In „Fan von irgendwas“ skandiert sie eine Unzahl von Obsessionen, die letztlich keinen anderen Zweck verfolgen, als das „Pulverfass“ der Langeweile unter Verschluss zu halten: „Popstars, Filmstars, Rennradfahren, Saufen auf der Reeperbahn, Kampfsport, Literatur, Mona Lisa, Pop-Kultur, Geschichte, (Kla)Motten, Make Up, TikTok“ (u.v.a.m.)

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Valdés‘ amüsantester vokaler Auftritt geschieht indes in einer Art … sagen wir: kommunikativem Austausch zwischen Spilker und ihr in einem Stück, das den vokallosen Titel „GNZRND“ trägt: Während sich Spilker angesäuselt in holpriger Anmache versucht und rundherum Palaver und Gegröhle zu hören ist (das in Kopfhörern unangenehm so klingt, als befänden sich die Radaubrüder direkt neben oder knapp hinter einem), schnurrt Valdés nur „hm“, „mhm“ oder „aha“ – damit ohne Worte die ganze Lächerlichkeit der Szene demaskierend.

Ja eh

Was uns zu den Inhalten bringt. Beziehungsweise: Wir sind eh schon mitten drinnen.
Es ist zwar ein Klischee, dass bei deutschsprachigen Platten – oft mangels Ideen zu anderen Zugängen – besonders insistent die Texte untersucht werden, aber „Wenn es Liebe ist“ stößt einen geradezu mit der Nasenspitze darauf.

Offenkundig wird das schon in der Tatsache, dass gleich mehrere Stücke nicht gesungen, sondern nur gesprochen sind – also Ablenkungen durch Melodien vermeiden (ein Luxus bei einem melodiestarken Songschreiber wie Frank Spilker).

Die Sterne. Zumindest die zwei, die die Stimme erheben, sind gut aufgelegt (© Stefan Braunbarth)

„Wenn es Liebe ist“ bietet, scharf und konzis reflektiert wie kaum je zuvor, das volle Programm aktueller Grausigkeiten an: Toxische Beziehungen und Langeweile haben wir schon erwähnt; Verschwörungserzählungen, Faktenverdrehungen, Opportunismus und, als Klammer um alles Übel, die Überforderung des Subjekts – der Treibstoff für die Macht von Populisten und Rattenfängern – werden auch in gebührender Andacht aufgebracht.

Dass das abschließende, oben schon erwähnte Instrumental den Titel „Immer noch sprachlos“ trägt, ist solchermaßen ein wortloses, gleichwohl beredtes Statement.

Spilker hat, oft aus den Mikrokosmen privater Beziehungen oder Gruppendynamiken heraus – seit jeder eine kritische Position zu den Exzessen und Perversionen des Kapitalismus erkennen lassen (siehe den frühen Sterne-Song „Fickt das System“). Gängige Gegenentwürfe und Lösungsanmaßungen aber blendet er – wohl als zu einfältig – aus.
Was überbleibt, sind Sarkasmus, Ambivalenzen und Fragen, die weitere Fragen und Ambilvalenzen generieren. Und natürlich ein paar Spuren Selbsterkenntnis: „Die Musik, die es gab / War nicht immer wirklich gut / Ich wollte bessere machen / Bevor es jemand anderes tut.“

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Die Sterne: Wenn Es Liebe Ist (PIAS)

Die Sterne haben sich nie wirklich verschlissen, weil ihre Musik von Anfang an abnützungsresistent angelegt war.