Ein großes Album über die Liebe
Eine Soundtrack-Platte, die auch für sich genommen toll funktioniert, hat Hyperpop-Ikone Charli XCX für Emerald Fennells Film-Adaption von Emily Brontës Roman „Wuthering Heights“ fabriziert.

Charli XCX: Wuthering Heights (Atlantic)
Eigentlich wollte Regisseurin Emerald Fennell für ihre filmische Deutung von Emily Brontës Roman „Wuthering Heights“ („Sturmhöhe“) von Charli XCX nur einen Song. Die Gallionsfigur des popmusikalischen Zeitgeists fühlte sich indes, so die Fama, vom Skript dermaßen inspiriert, dass sie mit ihrem Langzeit-Partner Finn Keane (und fallweise weiteren Co-Autoren) nicht nur einen, sondern 12 Songs schrieb, die in die düstere Welt passen sollten, die Fennell nach der Vorlage Brontës kreiert hat.
Einer von Geistern durchwirkten Welt voller Obsessionen und Gewalt, die nicht nur (physisch wie psychisch) durch Menschen, sondern auch durch die raue Natur ausgeübt wird.
Auch Kate Bush hat sich schon (vor 47 Jahren) höchst erfolgreich Brontës 1847 erschienenen Romans angenommen, hat sie doch den Titel und inhaltliche Motive ihres Durchbruch-Hits „Wuthering Heights“ von ihm bezogen.
Die Adaption von Charli XCX hat weder formal noch substanziell einen ausgeprägten Soundtrack-Charakter. Ohne die Hauptfiguren Heathcliffe und Catherine je namentlich zu nennen, konzentriert sich die britische Sängerin, die schwerlich als philosophieaffine Poetin zu verkennen ist, rein auf den Aspekt der schicksalhaften Liebe.
Daher funktioniert „Wuthering Heights“ zunächst einmal einfach als – durchaus einigermaßen tiefgehendes – Album über die (Abgründe der) Liebe. Auf nachgerade verblüffend umstandslose Weise schaffen es die Texte aber schon auch aus der Alltagsrealität hinaus in die hermetische, unheimliche Sphäre der Vorlage:
„All the pain and torture that I went through / All makеs sense to me now, I was dying for you“. „You’re the poison I drink“. „I can’t escape the storm you gave me / Constant lightning in my veins“. „Shattering like glass / It’s the breaking of my heart“. „I know the chains of love won’t break.“ „You take me out of myself“. „My face is turning blue / Can’t breathe without you here“. „I knew you loved me like I’m already dead“.
Furioser Einstieg
Der Opener „House“, in dem sich Charli, 33, mit John Cale, bald 86, duettiert, ist ein Paradoxon – weil Ausreißer wie auch prototypischer Schlüsselsong in einem: Zu einem bedrohlich-schleifenden Geräusch, das Erinnerungen an Cales Viola bei Velvet Underground weckt und dann von wuchtigen Drone-Sounds verstärkt/übertönt wird, rezitiert der Avantgarde-Verbinder ein selbstverfasstes Gedicht, das zwar de facto nichts mit der Fabel von „Wuthering Heights“ zu tun hat, viel aber mit den Zwängen, Fesseln, Blockaden und Determiniertheiten unter ihrer Oberfläche.
Beim Refrain „I think I’m gonna die in this house“ schließt sich Charli stimmlich Cale an, was anmutet, als habe der Partner gedanklich von ihr Besitz ergriffen (wie Heathcliffe von Catherine). Dass sie sich am Ende in lautes Schreien steigert, deutet die Panik des Erkennens an.
Im nachfolgenden „Wall Of Sound“ – auch das eine Metapher für eine Bedrohung – hallen milde noch Echos des furiosen Auftakts nach: Streicher formieren sich zu dichten Klangwolken, weichen zurück, scheinen sich wie ein Vogelschwarm in die Lüfte zu schwingen, nehmen Charlis Stimme mit und plumpsen am Ende eher unsanft auf den Boden.

Nur für das Foto am Sand: Charli XCX (© Paul Kooiker)
Dann erst folgt mit dem synthibetonten „Dying For You“ ein Dance-Pop-Song, der auch auf den 2024er-Bestseller „Brat“ gepasst hätte. Es bleibt auch die einzige deutliche Referenz an den universal abgefeierten Hyperpop der Charlotte Aitchison, wie Charli XCX bürgerlich heißt und auch als Autorin zeichnet.
Die deutliche Mehrzahl der Stücke auf „Wuthering Heights“, dessen raffinierte Produktion Keane und der ebenfalls XCX-erprobte und ansonsten für Kim Gordon, John Cale, Angel Olsen, Noga Erez, Yves Tumor u.a. tätig gewesene Justin Raisen verantworten, kommt ohne (tanzbare) Beats aus. Wenn (elektronisches) Schlagwerk zum Einsatz kommt, dient es fast ebenso häufig wie als Rhythmusgeber dem Erzeugen bzw. Akzentuieren dramatischer Zuspitzung.
Sind die Synthies wohl auch hier das Rückgrat des Sounds, so sind sein Herz eindeutig die insgesamt 16 Streicher (unter ihnen Laurie Anderson an der Bratsche), die mit animierten, bisweilen herausfordernden und die Grenzbereiche zur Dissonanz nicht scheuenden Einsätzen ein expressives Ambiente mit hohem Stimmungsgefälle von getragen bis aufgewühlt generieren.
Ein Ambiente auch, das Charli XCX als Sängerin ein ungeahntes tragödisches Potential ausweist.
Eindringlich zeigt sich dieses etwa in ihrer flehentlichen, von einer fast geisterhaft heulenden Hintergrundstimme konterkarierten Intonation des suggestiven „Chains Of Love“.
Weitere Höhepunkte sind die aufgekratzte Interaktion der Streicher mit dem Fragment eines Jungle-ähnlichen Knüppel-Rhythmus in „Out Of Myself“ und das dichte „Eyes Of The World“ mit stimmlichem Gast-Einsatz der US-Sängerin Sky Ferreira, die hier erstmals seit 13 Jahren wieder von sich hören lässt.
Das flott auf einer Synthesizer-Wolke dahingleitende „My Reminder“ mutet auf dieser definitiv fordernden Platte wie eine Erholung an, während „Funny Mouth“ zum Abschluss noch einmal alle Facetten an Irritation auspackt, indem majestätische Streicher und sehr gefühlvoller Gesang mit Schüben gewehrsalvenartig herausgeknatterter Drums konfrontiert werden.
Tolles Album also. Das ist alles, was wirklich dazu zu sagen ist. Der Rest ist Fraktions-Scharmützeln überlassen.
Dass ein Teil der „Brat“-Gefolgschaft bei „Wuthering Heights“ aussteigen wird, ist absehbar. Bleibt als ewig uninteressante Frage nur: Was machen alle die schlauen Pop-Theoretiker/innen, die sich so dienstbeflissen in Hyperpop versenkt haben, nun, wo es dessen Aushängeschild so offensichtlich zur großen Kunst zieht?

Charli XCX: Wuthering Heights (Atlantic)
Die Streicher sind das Herz der Platte und schaffen mit animierten, bisweilen herausfordernden Einsätzen ein expressives Klangbild mit hohem Stimmungsgefälle von getragen bis aufgewühlt.



