Ein Hotel als Metapher für ein Land
Im heruntergekommen „Hotel Usona", das dem exzellenten siebenten Album der Detroiter Band Protomartyr den Titel gibt, spiegelt sich der heutige Zustand der USA.

Protomartyr: Hotel Usona (Domino)
Es gibt im Rock einen eigenen Typ durchaus mitreißender Vokalisten – weibliche Form prinzipiell mitgemeint, aber das Phänomen scheint ziemlich ausgeprägt männlich -, die eigentlich keine richtigen Sänger sind. Sie haben auch nicht wirklich viel mit anderen populärmusikalisch gängigen Arten des stimmlichen Ausdrucks wie Rap oder Talking Blues zu tun.
Virtuose Phrasierung, schwindelerregende Tonhöhengefälle, melodischen Schmelz und andere Imponiermittel der Stimme der Unmittelbarkeit des Ausdrucks unterstellend, erzählen sie eher als dass sie singen.
Lou Reed kann als eine Art Ahnvater dieser Species gesehen werden – nicht zufällig zerdehnt er auf seinem launigen Live-Doppel-Album „Take No Prisoners“ Klassiker wie „Sweet Jane“ oder „Walk On the Wild Side“ zu launigen Monologen – ; Mark E. Smith, der 2018 verstorbene Frontmann der ikonischen britischen Band The Fall, vielleicht als einer ihrer Prototypen. Und ebenso Joe Casey, der für das amerikanische Quartett Protomartyr am Mikro steht.
Mit Smith teilt Casey ein augenscheinlich permanent auf Tief eingestelltes Stimmungsbarometer und in dessen stimmlicher Repräsentation eine unbezwingbare Affinität zu ausdauerndem Schimpfen, Geifern, Bellen, Knurren.
Und doch sind da auch signifikante Unterschiede: Casey schweift in seinen Tiraden zwar hin und wieder etwas ab, wird aber kaum je wirklich absurd oder grotesk.
Außerdem akzentuiert er seinen Vortrag, kann durch behutsames Zurücknehmen der Stimme für ein paar Sekunden auch einmal so etwas wie emotionale Wärme oder auch – die schleichende Ballade „Worm in Heaven“ von Protomartyrs grandiosem Longplayer „Ultimative Success Today“ (2020) ist ein gutes Beispiel – Sarkasmus mit etwas Versöhnlichkeit infiltrieren.
Und Protomartyr sind auch nicht The Fall, obwohl sie gerne mit ihnen verglichen werden und beide Bands – aber was sagt das schon konkret aus?! – dem Post-Punk zugerechnet werden.

Protomartyr: Joe Casey stehend, Alex Leonard vorne sitzend, Scott Davidson und Greg Ahee auf der Couch (© Trevor Naud)
Protomartyr – neben Casey am Schnorchel Alex Leonard an den Drums, Bassist Scott Davidson und Greg Ahee, der Gitarrist, Multiinstrumentalist und musikalische Kopf der Gruppe – sind ausgesprochen versierte Akteure. Bei ihrem limitierten personellen Umfang äußerst wichtig, verstehen sie sich auf die Kunst der Verdichtung und der blitzartigen dynamischen Eskalation.
Zugleich beherrschen sie aber auch komplexere Strukturen und können solchermaßen souverän und überzeugend vielfältigste Einflüsse einbauen – so weist etwa das bereits genannte „Ultimative Success Today“ eine gewisse Schlagseite Richtung Jazz auf.
Wagnerianisch
Das neue Protomartyr-Album „Hotel Usona“ hat etwas Wagnerianisches. Sagt bzw. schreibt Iggy Pop, der wie die Band aus Detroit stammt und Liner Notes für ihr siebentes Opus verfasst hat.
Wagnerianisch kann man gelten lassen. Gleichwohl verweist der mächtige, an neuralgischen Punkten zugespitzte Drone-Sound aber auch auf Musik, die gemeinhin dem Genre Post-Rock zugerechnet wird. Wieder zeigt sich Iggy hellsichtig bzw. -hörig, wenn er zum Abschluss mit Witz und etwas „zurechtgebogenem“ Namedropping schreibt: „May God bless them and Godspeed them“*.
Besagte wuchtige Passagen, generiert vermutlich aus Synths, weiteren Keyboards, Gitarren, Gebläse, dem frenetischen Trommeln Leonards und „found sounds“ (Field Recordings? Samples?), kontrastieren – nicht selten im selben Song – mit elegischen Schüben und Abschnitten, wo (An-)Spannung und mentaler Stress für Momente gelockert werden und Platz schaffen für spielerische Eingebungen.
Zwischen apokalyptischem Inferno und fast burlesken Passagen spannt sich also der Stimmungsbogen, der das „Hotel Usona“ musikalisch ausstattet.
Produziert hat ihn Dave Fridman, der bei großen Alben der Flaming Lips („The Soft Bulletin“, „Yoshimi Battles The Pink Robots“) und MGMT an den Reglern gesessen ist. Sein Sohn Jon Fridman wiederum ist mit seinen vielseitigen Einsätzen an diversen Blechblasinstrumenten der wichtigste Helfer der Kern-Formation und trägt sehr wesentlich dazu bei, dass diese Platte den Hörer nicht nur beschallt, sondern im wahrsten Wortsinn an-spricht.
Über Nationalismus, Gaza, JD Vance und weitere Grausigkeiten
In „Hotel Usona“ geht es vordergründig um ein heruntergekommenes Hotel. Metaphorisch ist in ihm die heutige USA abgebildet. Was in den einzelnen Song-Episoden in den schäbigen Zimmern der abgewirtschafteten Herberge passiert und getrieben wird, entspricht Vorgängen und Verhaltensweisen, wie sie das heutige Amerika charakterisieren: Skrupellosigkeit, ein verrückter Nationalismus, eine – innen wie außen – durch und durch korrupte Politik; Deportationen, Umweltvernichtung.
Der Gaza-Konflikt wird ebenso direkt angesprochen wie der wendehälsige US-Vizepräsident JD Vance im musikalisch stimmig gedämpften „Converts“, in dem sich der eingangs beschriebene erzählerische Charakter in Caseys Vortrag besonders deutlich zeigt.

Ein letzter Rundblick vor dem Auschecken: Protomartyr (© Trevor Naud)
Am Ende ist Auschecken. Das geschieht zunächst einfach, um den Wahnsinn im „Hotel“ hinter sich zu lassen. Letztlich kommt dann aber doch eine Art Erlösungs-Perspektive hinzu, weil Joe Casey seit Anfang 2025 Vater einer Tochter ist.
Er wollte zwar, hat er in einem Interview beteuert, um keinen Preis einen Song über Vaterfreuden schreiben, entdeckte aber, dass ihm die heftigen globalen Verwerfungen nun besonders nahegingen.
So lauten die doch irgendwie ergreifenden – und gar nicht einmal besonders idyllischen – letzten Zeilen des Albums: „They say this is a wheel / And we are all nailed to it / But when you were born I knew hope / Now I can see a path / And where it goes / We’ll walk this road together / Hand in hand while we can / But you will have to hurry on / Soon you’ll hurry on alone“.
* Natürlich eine Referenz auf die stilprägende Montrealer Band Godspeed You! Black Emporer.

Protomartyr: Hotel Usona (Domino)
Zwischen apokalyptischem Inferno und fast burlesken Passagen spannt sich der Stimmungsbogen, der das „Hotel Usona“ musikalisch ausstattet.



