Bühne frei für zwei Große

Zwei Präsentationen hochkarätiger Platten stehen in Wien an: Ignaz Tschinön stellt mit seiner Entourage im Porgy & Bess sein LP-Debüt „Parasympathikus", Felix Kramer im Orpheum sein Live-Album vor.

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30. Oktober 2026
Live-Präsentationen

Felix Kramer LIVE (Medienmanufaktur wien)

Gestatten, es wird wieder einmal subjektiv – heißt: noch subjektiver, als es Popschreibe sowieso ist: Mit Felix Kramer hatte ich, in Häppchen im Radio oder einzelnen Files /Clips im Netz genossen, gewisse Anlaufschwierigkeiten.
Das viele Können – das feine Gitarrespiel, die Sicherheit mit stimmlichen Nuancen, das verbale Jongleurs-Geschick war natürlich von Anfang an nicht zu verkennen – aber da war auch eine Manieriertheit, die bisweilen schlimme Assoziationen wachrief: Dieses In-Sich-Hineinhorchen, dieses tief Gefühligkeit schürfen und dieses immer mal wieder bemühte Outrieren – das klang bisweilen glatt nach Seiner Hellerness. Dass Kramer dabei nie die satte Selbstgefälligkeit des Poeten von eigenen Gnaden ausstrahlte, war ihm natürlich zugutezuhalten.

Als geballte Ladung im Live-Vortag präsentiert sich das alles anders. Affektiertheit wird da zu Affekten: Nachdenklichkeit, Resignation, inneres Ringen, zweifelndes Abwägen in leiseren Momenten; Verzweiflung, Wut, auch Scham, frenetisches Rasen, aber auch pure Euphorie, wenn die Gangart forciert wird.
Das gehört so zu Kramer, und das passt dann auch so.

Den schlichten Titel „Felix Kramer LIVE“ trägt Kramers eben veröffentlichtes Konzert-Dokument, aufgenommen in Wien im Flucc und im Stadtsaal. Es hat auch ein schlichtes und recht schönes Cover und bezieht sein 11 Songs starkes Repertoire, ziemlich paritätisch aufgeteilt, aus seinen drei Studio-Alben „Wahrnehmungssache“ (2018), „Alles gut“ (2020) und „Oh wie schön das Leben is“ (2023).

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Dazu gibt Kramer seinen 2024 als Single veröffentlichten Song „Roadtrip“, ein schönes Country-artiges Stück, das all die Widersprüchlichkeit, die er interpretatorisch transportiert, auf der inhaltlichen Ebene verbreitet: 5 Stunden Stau, Kopfweh, ein schiacher Campingplatz, zu wenig Wasser und Dixi-Klo bei 36 Grad indizieren, wie idyllisch sich die Reise gestaltet – aber da ist auch Vorfreude auf den Strand, auf Schlafen im Freien, auf gutes Essen. Und man kann sich im Urlaub endlich Zeit zum Traurigsein nehmen.

Stilistisch deckt Kramer ein weites Feld zwischen Folk, Chanson und Rock ab und lässt zwischendurch gerne einmal einen ordentlichen Schuss Jazz zu. Das funktioniert gerade live sprichwörtlich wie geschmiert und verleiht der Musik solchermaßen oft etwas Fließendes, wie der mehr rezitierte als gesungene Opener „Donau“ (der inhaltlich null mit dem Fluss zu tun hat) schön vorführt.

Dem gegenüber stehen Songs, in denen Gegensätze um ein halbwegs friedliches Miteinander zu ringen scheinen wie im leicht dystopischen „Spanien“, wo eine agitierte Gitarre auf einen jazzigen Piano-Lauf trifft.
Weil die Live-Arrangements zwar fallweise einfach mit Gitarre und Stimme auskommen, anderenorts aber Kosten und Mühen für große Orchestrierung mit Band, Streichern und Bläsern nicht gescheut werden, wird Kramer summa summarum von einer stattlichen Anzahl von Mitspielern begleitet.

Felix Kramer oder wie Affektiertheit zu Affekten wird (© maxmotel)

Deren vielleicht wichtigster, der Keyboarder, Trompeter und Background-Sänger Max Wintersperger, wird in den nächsten Tagen viel zu tun kriegen.

Denn Wintersperger ist nicht nur bei der leibhaftigen Präsentation des Kramer-Albums am 7.11. im Wiener Orpheum dabei, sondern vorher schon am Halloween-Abend bei Ignaz Tschinön, der im Porgy & Bess sein LP-Debüt „Parasympatikus“ einer vermutlich staunenden Öffentlichkeit vorstellt.

Ausholen zum großen Wurf

Hinter Ignaz Tschinön verbirgt sich der Sänger, Songschreiber und Multi-Instrumentalist Matthias Nowak. Er hat bisher durch Veröffentlichungen im DIY*-Verfahren ein gewisses Raunen in der Wiener Szene ausgelöst – nun holt er, mit großer Entourage, wie er seine Band nennt -, zum großen Wurf aus. Mit sieben Mitstreitern, von denen man neben Max Wintersperger insbesondere den Gitarristen Peter Legat, eine der führenden Persönlichkeiten des neueren Wiener Jazz und Kopf der Band Count Basic, und wohl auch seinen Sohn Max am Schlagzeug kennt, hat er das Album „Parasympathikus“ eingespielt.

IGNAZ TSCHINÖN: PARASYMPATHIKUS (MONKEY MUSIC)

Mit dem Porgy & Bess hat er den denkbar besten Rahmen für die Live-Präsentation gewählt: Dominante Bläser und Keyboards verstrudeln sich, fein interpunktiert durch Legats Gitarre, zu einem brodelnden Gemisch aus Funk, Jazz, Soul und Rock.
Man kann ungefähr die halbe Nomenklatura großer Fusion-Künstler aufrufen, die hier einen Fußabdruck hinterlassen: Sly & The Family Stone, die schon ein bisserl vergessenen Brecker Brothers, wohl auch Frank Zappa und Prince, an dessen „Sexy Motherfucker“ Tschinöns „Normale Milch“ so stark anklingt, dass es wie eine Paraphrase anmutet.

Dass Tschinöns Vortrag hingegen öfters einmal erstaunliche Ähnlichkeiten mit dem des eigenwilligen Musikers, Autors und Kabarettisten Severin Gröbner  zeigt, verweist auf seine inhaltliche Schlagseite: Man kann es, nun ja, Comedy nennen, Satire, schräg – es ist auf jeden Fall schwer dingfest zu machen.

Denn Tschinön ist alles mögliche: Naiv, vermeintlich unbetamt, spinnert wie versponnen, abgefeimt, lakonisch, manchmal surreal. Wort- und Phrasenverdreher, sowohl in den Niederungen der Platitüden wie auch den Feinheiten der Wiener Literatur daheim. Und Spötter über alles, was sich cool wähnt. Nur eines ist er ganz bestimmt nicht: „Normal.“

Ignaz Tschinön, privat Matthias Nowak (© Sofiya Tkachenko)

Das ist zwar auf der einen Seite eine Determinante, die ihn a priori von größeren Publikumssegmenten distanziert.
Auf der anderen Seite hat Tschinön mit „Parasympathikus“ ein auf seine Weise einzigartiges Werk kreiert. Im Sinne von für sich stehend nämlich: Fusion-Funk auf deutsch mit humoristischer Anmutung – etwas Vergleichbares gibt es nicht, in Österreich nicht und weltweit schon gar nicht. Es wird spannend, wie man diese Platte in ein paar Jahren einschätzt.

„Sag, gibt´s im Himmel noch Platz für mich“, fragt Ignaz Tschinön in „La La Land“.
In einer besseren Welt, für die diese Platte ja auch einen Appell darstellt: ja, unbedingt. Wie es allerdings die jetzige mit dem Himmel hält, das wissen wir nicht so sicher.

Live-Präsentationen
Ignaz Tschinön  & Entourage:  Samstag, 31.10., Porgy & Bess, 20.30 Uhr
Felix Kramer: Samstag, 7.11., Orpheum, 19.30 Uhr

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Live-Präsentationen

Felix Kramer LIVE (Medienmanufaktur wien)

An den unterschiedlichen Beispielen von Felix Kramer und Ignaz Tschinön zeigt sich recht eindrücklich, wie individualistisch Österreichs Musikszene ist