Freigeistig

Großes von 2025, nachgereicht. Teil 1: Ex-Bunny Lake-Sängerin Teresa Rotschopf begab sich unter Tag; Jazz-Darling Nala Sinephro vertonte einen Wrestler-Film.

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5. Jänner 2026

Teresa Rotschopf nahm ein atemberaubendes Album unter Tag auf (© Antoinette Zwirchmayr)

Wie der (persönliche) Jahresrückblick indiziert, ist 2025 Jazz wieder etwas prominenter in den subjektiven Blickwinkel gerückt. Gründe dafür gibt es mehrere und müssen hier nicht episch ausgebreitet werden – sagen wir es einfach so: Es ist ein im Vergleich zu vieler Musikproduktion offenerer, entdeckungsfreudigerer, weniger streng reglementierter Zugang mit weniger vorhersehbaren Resultaten, der es hauptsächlich ausmacht.
Genau das ist bei zwei herausragenden Platten des letzten Jahres der Fall.

Im strengsten Sinn haben diese beiden Platten stilistisch gar nicht übermäßig viel mit Jazz zu tun. Die eine der beiden Künstlerinnen, Nale Sinephro, kommt zumindest per kategorischer Definition aus dem Jazz-Lager; die andere, Teresa Rotschopf, nicht.
Was beide aber mit ihren Werken – Rotschopf noch extremer als Sinephro – repräsentieren, ist ein kühner musikalischer Freigeist.

Höhlenmusik

Teresa Rotschopf hat ihr zweites Solo-Album „Currents And Orders“ (erschienen auf dem Label Martin Hossbach) im Juli 2023 in einer steirischen Tropfsteinhöhle aufgenommen und kommandierte auch ihre Begleiter/innen Maria Gstättner (Fagott, Kontraforte), Alex Kranabetter (Tuba, Trompete, Waldhorn), Patrick Dunst (Saxophon, Duduk*), Florian Klinger (Marimbaphon, Vibraphon, Glockenspiel, Becken, Gong, Stalakmit), Ulrich Schleicher (Gong) und Co-Produzent Patrick Pulsinger (Gong, Stalakmit) unter die Erde. Gut ein Kilometer Kabel wurde dafür verlegt; Fledermäuse leisteten bei den Aufnahmen Gesellschaft.

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Die Höhle, so die dahinterstehende, durch einen Podcast mit dem Titel „The Great Stalacpipe Organ“ angeregte Idee, ist nicht nur akustischer Resonanzkörper mit Klangtiefe, sondern auch Raum des Rückzugs und der Transformation.
Daraus entwickelten sich über beschwörende Chöre, getragene, archaisch widerhallende Instrumentalflächen und Rotschopfs voluminöse, in jeder Hinsicht tiefe Stimme vier weitgehend minimalistisch strukturierte Stücke, die sich alle Zeit der Welt nehmen – der erste Track ist über zehn, der letzte über 20 Minuten lang -, sich beizeiten mit wirbelnden Bläsern und mächtig Trommel-Donnern & -Scheppern aber auch ungemütlich zuspitzen.

Der strapazierte Begriff „Klangexpedition“ trifft den Charakter dieser ziemlich einzigartigen, inhaltlich in einem weit gefassten Sinn existenzialistisch angelegten Platte wohl am ehesten.
Musik, die einen mitnimmt. Buchstäblich.

Vom Dancefloor aus weite Kreise gezogen

Teresa Rothschopf, vor 41 Jahren in Tamsweg (Sbg) geboren, kommt übrigens keineswegs aus dem experimentellen Bereich, sondern geradewegs vom neongrell beleuchteten Tanzboden.

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Bekanntheit erlangte sie nämlich in den Nuller-Jahren unter dem Moniker Suzy On The Rocks an der Seite von Christian Fuchs in der Electro-Dance-Pop-Band Bunny Lake. Angetan in hohen Stöckelschuhen und figurbetonender Gewandung, profilierte sie sich mit ihrem magischen Gesang als maßgeblicher Aktivposten der Amadeus-gekrönten Formation.

Nach dem Ende von Bunny Lake und der Geburt von zwei Kindern erweiterte sie mit ihrem ersten, bekennerhaften Solo-Album „Messiah“ (2018) ihren musikalischen Spielraum mit stilistischen Wechselbädern zwischen sakraler Feierlichkeit, feinsinnigem Kunstpop und flirrenden Electro-Sounds.

Dazu fertigte sie Musik für Film und Fernsehen; für den Soundtrack zum ORF-Landkrimi „Das Mädchen aus dem Bergsee“ wurde sie, längst eine profilierte Komponistin und Produzentin, sogar für eine Romy nominiert.
Als „Höhlenmensch“ wurde ist sie nun zur Avantgardistin geworden.

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Nala Sinephro, vor 29 Jahren in Brüssel in ein belgisch-karibisches Elternhaus geboren, ist mütterlicherseits klassisch, väterlicherseits jazzig vorbelastet. Ihre Hauptinstrumente sind diverse (akustische wie elektronische) Keyboards und die Harfe.

Ihrer Musik eignet, ausgehend von ihrem therapeutischen Zugang dazu, ein meditativer, beruhigender Charakter, für den Sinephro, die heute in London lebt, eine Mischung aus Jazz und Ambient Music kreiert.

Bei der Kritik ist damit bislang hervorragend gefahren – die Branchen-Bibel „Pitchfork“ etwa hat ihren zwei bisher veröffentlichten LPs „Space 1.8“ (2021) und „Endlessness“ jeweils das Adels-Prädikat „Best New Music“ verliehen, letzteres landete dort auf Platz 5 der Jahresliste 2024.

Mehr als 50 Shades of Grey

Sinephros neueste Arbeit ist nur 25 Minuten lang und ein Soundtrack (bei Warp Records). „The Smashing Machine“ ist ein Film über den Wrestler Mark Kerr in der Regie von Benny Safdie, der dafür bei den Filmfestspielen in Venedig mit dem Silbernen Löwen ausgezeichnet wurde.

Nala Sinephro: Musik mit therapeutischem Zugang (@ KrisTofjan)

Sinephros zart-ätherische, weitläufige Musik als klangliche Untermalung eines Films über einen Kampfsportler mag aufs Erste reichlich paradox anmuten. Aber trotzdem schafft sie es – wie es scheint/klingt, ziemlich mühelos -, ihre stilistischen Signifikanten mit der Geschichte in Einklang zu bringen.

Begleitet von einem vielköpfig besetzten Instrumentarium aus Blasinstrumenten, Drums, Gitarre und Streichern generiert sie elegisch, bisweilen auch verspielt anmutende Stimmungen, die für Film-Scores unabdingbaren Breitwand-Soundflächen und einige aufgeregte, vor allem von unruhigen Drums und alarmiertem Synthesizer-Brausen geprägte Momente.

Auch das ist Musik zum Mitgehen – es ist, als wandle man durch nebelige Landschaften, erstaunt, wie viele Nuancen von Grau – mehr als 50 Shades Of Grey! – es gibt, und gerate hin und wieder in einen kurzen Aufruhr der Elemente, aus dem man jedoch bald wieder in beruhigtere Sphären gleitet…

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*Armenische Flöten-Art, nicht zu verwechseln mit der armenischen Flöte (Blul)

Teresa Rotschopf nahm ein atemberaubendes Album unter Tag auf (© Antoinette Zwirchmayr)

Es handelt sich um Musik, die einen mitnimmt. Buchstäblich.