Folgenreiches Klopfen in vier Akkorden
„Mantra des Todes“ und vielbesungenes Glaubensbekenntnis: „Knockinʼ on Heaven’s Door“ gehört zu den meistgecoverten Songs von Bob Dylan, der im November für drei Konzerte nach Österreich kommt.

Bob Dylan, derzeit noch erdgebunden und auf „never ending tour“ (© Alberto Cabello / Wikipedia)

Under Cover, Folge 7: „Knockin‘ On Heaven´s Door“ (Cartoon: Margit Krammer)
Dass Musiker gerne ins schauspielerische Milieu hineinschnuppern, kommt nicht so selten vor. Tom Waits, David Bowie, Mick Jagger, Lady Gaga, Björk, Charlotte Gainsbourg – das sind die Namen, die einem spontan einfallen, und diese Liste dürfte sich bei eingehenderer Recherche noch ordentlich verlängern lassen. Im Falle von Bob Dylan denkt man zuerst umgekehrt daran, welche Mimen den großen Musiker spielen durften – zuletzt war das 2024 Timothée Chalamet in dem Film „Like a Complete Unknown“. Noch berühmtere Namen präsentierte uns „I’m Not There“ (2007), gedreht von Todd Haynes, in welchem Film Christian Bale, Richard Gere, Heath Ledger und mit Cate Blanchett auch eine Frau den Barden in unterschiedlichen Phasen seines Lebens verkörperten.
Dylan selbst hielt sich mit Ausflügen ins Actor-Milieu eher zurück. Der einzige Streifen, in dem er die Hauptrolle spielte – „Masked & Anonymous“ (2003) –, gilt heute gemeinhin als filmische Kuriosität, auch wenn er den Soundtrack beisteuerte (wobei die meisten Dylan-Songs von anderen Künstlern präsentiert wurden).
Am berühmtesten ist der Schauspieler Dylan wohl bis heute für die Nebenrolle, die er 1973 in dem Western „Pat Garrett and Billy the Kid“ (Regie: Sam Peckinpah) spielte. Alias (!) hieß diese Figur, sie rettet den Outlaw Billy The Kid vor drei Kopfgeldjägern – und darf ihn zum Dank fortan begleiten. Am Ende dieses Films mit reichlich Toten und Geballere kommt Alias glücklicherweise mit dem Leben davon. Anders als der alte Sheriff Baker, der bei einer Schießerei eine Kugel abbekommt und in den Armen seiner Frau stirbt.
Womit wir beim Thema wären: Denn Bob Dylan verantwortete auch den Soundtrack zu diesem Spätwestern, er erschien noch im gleichen Jahr als eigenes Album (das überwiegend aus Instrumentalstücken besteht), und am berühmtesten wurde zweifellos der Song „Knockinʼ on Heaven’s Door“, der das Sterben des guten Baker begleitet.
Die Lyrics sind nicht gerade opulent – diesen Song hatte das Nobelpreiskomitee vermutlich nicht im Sinn, als es Dylan 2016 den Preis für Literatur zuerkannte (bis heute eine der absurdesten Fehlentscheidungen der Nobelianer) –, aber natürlich recht eindringlich durch das dominierende lautmalerische Knock-knock-knock-Klopfen an die Himmelspforte. Für Sheriffstern und Schusswaffen hat der Sterbende jedenfalls keine Verwendung mehr, und bemerkenswert ist allenfalls noch, dass die Ehefrau im Angesicht des Todes als „Mama“ angesprochen wird.
Auch musikalisch geht es eher schlicht zu: Aus ganzen vier Akkorden besteht der Song, auch das unterstreicht das Gebetsartige des Textes. „Mantra des Todes“ hat ein Kritiker das gute Stück genannt, aber zugleich zeugt es natürlich von der Kraft des Glaubens, denn immerhin ist der Sheriff ja der festen Überzeugung, in den Himmel zu kommen. Von der Möglichkeit der Hölle oder zumindest des Fegefeuers ist jedenfalls nicht die Rede.
Vielleicht ist es diese eindringliche Schlichtheit, die „Knockinʼ on Heaven’s Door“ zu einem der meistgecoverten Dylan-Songs gemacht hat. Eric Clapton machte noch im Jahr des Erscheinens eine bluesige Reggae-Nummer daraus. Und 1997 kam er sogar noch einmal als Soundtrack zum Einsatz: Die deutsche Rockband Selig spielte ihn ein für einen Film, der von zwei Krebskranken handelt (gespielt von Til Schweiger und Jan Josef Liefers) und der Einfachheit halber auch gleich noch den Titel „Knockinʼ on Heaven’s Door“ trägt.
Am berühmtesten wurde wohl die etwas wuchtigere Version, die Guns NʼRoses Anfang der 1990er Jahre vorlegten. Axl Rose klingt, als könne er es kaum erwarten, dass sich die Himmelstür endlich für ihn öffnet. Ansonsten aber bleibt vom Gebetsartigen nicht viel übrig, es dominiert die Rose-typische Kraftmeierei, die sich auch in der Läge niederschlägt: Wo Dylan nach zweieinhalb Minuten fertig war, dauert das Sterben bei Guns NʼRoses ganze drei Minuten länger.
Noch ein wenig länger (und sogar in noch schnellerem Tempo, fast schon ungeduldig-penetrant) klopft Bryan Ferry beim Herrgott an. Dass sogar Television aus der US-amerikanischen Punkszene Gefallen an diesem eher religiösen Song gefunden haben, mag ebenso erstaunen wie die Tatsache, dass es bemerkenswert viele Dancefloor-Adaptionen gibt, die jedem Cafe-del-Mar-Sampler zur Ehre gereichen würden. Aber vielleicht ist ja auch chilliges Tanzen eine Annäherung an himmlische Sphären.
Die eindringlichste Coverversion stammt für mich von Antony & the Johnsons. Anohni Hegarty mit seiner/ihrer Stimme treibt hier die Todesnähe in Höhen oder besser Tiefen, die man dem Song gar nicht zugetraut hätte. So als wüsste da jemand, wie Sterben geht …
Und damit wären wir bei den Kuriosa, die dieser eigentlich recht ernste Song hervorgebracht hat. Den wohl wildesten Cover-Ritt haben die Leningrad Cowboys unternommen, die großes Kino daraus machen und eine wilde Mischung aller möglichen Einflüsse loslassen. Der deutsche Blödelbarde Mike Krüger veröffentlichte eine wirklich dämliche Version unter dem Titel „Nackig an der Himmelstür“, die er in den 1990er Jahren am Ende jeder „Mike Krüger Show“ im deutschen Privatfernsehen zum Besten gab. Und der haitianische Hip-Hopper Wyclef Jean ergänzte Dylans Text recht freizügig (und recht politisch) für eine ebenfalls reggaelastige Version, deren Clou nicht zuletzt darin liegt, dass Wyclef Jean selbst 2011 in Port-au-Prince angeschossen wurde. Wobei er den Song schon 2002 gecovert hat …
Der Haitianer wurde bei diesem Vorfall an der Hand verletzt, hätte also gar nicht so richtig klopfen können, musste das aber zum Glück ja auch nicht tun.
Anders erging es dem verehrten Warren Zevon (dem Einzigen in dieser Cover-Riege, der es an Misanthropie mit dem Schöpfer des Originals aufnehmen kann). Zevon, selbst ein begnadeter Songwriter, hat zeit seines Lebens nur einen einzigen Song gecovert, nämlich genau diesen. Da wusste er schon, dass er nicht mehr lange zu leben haben würde (keine Schussverletzung, Lungenkrebs). Und so findet sich diese bewegende Coverversion auf einem der besten und berührendsten Alben der Rockgeschichte: „The Wind“, Zevons Abschiedsalbum erschien am 28. August 2003. Zehn Tage später, am 7. September, starb er.
Dylan live in Österreich
11. und 12.11. Wiener Stadthalle
14.11. Salzburgarena

Bob Dylan, derzeit noch erdgebunden und auf „never ending tour“ (© Alberto Cabello / Wikipedia)
Vielleicht ist es die eindringliche Schlichtheit, die „Knockinʼ on Heaven’s Door“ zu einem der meistgecoverten Dylan-Songs gemacht hat.



