Demonstrative Übereinstimmung

Auf die irische Band Fontaines D.C. und ihr neues Album, „Dopamine Chamber“, können sich zurzeit alle einigen, Medien wie Popfans: Warum eigentlich?

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25. Oktober 2026

Fontaines D.C.: Dopamine Chamber (XL Recordings)

Ein bisschen ist Wien mit schuld. Auf einer Reise, die ihn neben Sizilien und Venedig auch in unsere Stadt geführt hat, besuchte Grian Chatten das Sigmund-Freud-Museum in der Berggasse. Und dort, als hätte Venedig als Untergangskulisse nicht schon gereicht, ließ sich der Sänger der Fontaines D.C. (das Kürzel steht übrigens für Dublin City) auch psychoanalytisch in die Tiefe ziehen.

Alle diese „verblassenden Prachtwelten“ (wie Chatten auf Instagram kundtat) haben nun ihre mehr als deutlichen Spuren auf „Dopamine Chamber“, dem neuen Album der Iren, hinterlassen, das von einem düsteren Strahlenglanz umgeben ist, der paradoxerweise weltweit für helles Entzücken sorgt. Schon lange ist keine Veröffentlichung – und auch keine Band – so abgefeiert worden wie Fontaines D.C. für ihr insgesamt fünftes Album (in sieben Jahren).

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Von der besten Band ihrer Generation schwärmen Medien wie u.a. der britische „Guardian“ oder die „New York Times“, welchem Urteil sich auch Stars wie Harry Styles oder, weniger erwartbar, Elton John anschließen: „Für mich seid ihr zurzeit die beste Band überhaupt“, bekundete der Rocket Man in seiner Radiosendung „Rocket Hour“ (wie der ORF berichtet, der in den internationalen Jubelchor auch mit einstimmt). Der „New Musical Express“ (NME) hält „Dopamine Chamber“ für „an extraordinary record for extraordinary times“, der „Rolling Stone“ für ein Album voll „berauschender Songs am Rande der Menschlichkeit“.

Staffellauf der Vergleichsgrößen

Viel kleiner gibt es kaum wer – und man reibt sich schon ein bisschen die Augen und vor allem die Ohren, wenn man diesen Tsunami an Lobgesängen anhand der elf vorliegenden Songs nachzuvollziehen trachtet. Das wirkt alles ein bisschen gar hoch gehängt und aufgedonnert. Ja, aufgedonnert trifft es wahrscheinlich am besten, was einem da mit viel Nachhall entgegenschlägt. Nach Anfängen im Post-Punk mit naturgemäß viel Gitarrengetöse hat sich das Quintett nun bei einem dunklen Synthie-Pop mit Anklängen bei Klassikern wie Depeche Mode oder New Order eingependelt.

So sieht der Pop-Konsens unserer Tage aus: Fontaines D.C. mit Sänger Grian Chatten (in blauer Jacke). (c) Dopamine Chamber/Ewen Spencer

Überhaupt die Vergleiche! Da verkündet Gitarrist Conor Curley stolz, „he wanted to avoid sounds that immediately recalled historic bands“ (laut „Guardian“), und was kommt dabei heraus? – Ein Staffellauf an (nicht nur) historischen Größen, ohne die keine einzige Besprechung auskommt. Herbeizitiert werden u.a. neben den genannten, schwer offenkundigen Depeche Mode und New Order natürlich Düster-Legenden wie The Cure und Joy Division (an dessen Frontman Ian Curtis der Vortrag Chattens „mit seiner melodisch-gesprochenen Art“ etwa den „Standard“ erinnert), weiters Morrissey, Lankum, aber auch Cocteau Twins, The Prodigy und sogar Korn und Tears For Fears (so einen Spagat muss man erst einmal hinbekommen!) werden aufgefahren, um die Klangästhetik der seit ihrem Beginn auf Größe getrimmten Band („My childhood was small, but I’m gonna be big“, verlautete Grian Chatten schon auf dem Debüt „Dogrel“ 2019) zu beschreiben.

Karriere nach Drehbuch

Und das hat ja auch seine Berechtigung, denn nach all den Genannten klingt diese Band tatsächlich. Und das ist (buchstäblich) nicht wenig – und auch allerhand, aber halt auch ein bisschen berechenbar und kalkuliert. Und wenn Fontaines D.C. gelegentlich als herausragendes Beispiel dafür genannt werden, dass derlei Musik eine KI nie & nimmer zuwege brächte, möchte man aus Lust am Widerwort einwenden, dass eine gut trainierte KI aus all den genannten Versatzstücken & Vergleichsgrößen – gäbe man ihr vor, einen zeitgemäßen Sound daraus zu destillieren – vermutlich ziemlich genau das ausspuckte, was „Dopamine Chamber“ nun ausmacht & vorstellt.

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Wie überhaupt die Karriere dieser Band wie nach einem Drehbuch für angehende Bands auf britischen Inseln zu verlaufen scheint: Mit gemeinsamen Hochschul-Anfängen (in diesem Fall auf dem privaten Dubliner BIMM Music Institute), dem Interesse für Literatur (naturgemäß Joyce, während „Marianne“, Zentralsong und Vorabsingle auf „Dopamine C.“, nun auf Patricia Highsmith und ihren Mr. Ripley anspielt) samt poetisch verrätselten Texten, wofür FDC nicht zu unrecht ebenfalls gelobt werden. Und dann noch der musikalische Pop-Quintenzirkel, den und dessen traditionelle Stationen – von, wie gesagt, rotzigen Post-Punk-Attitüden bis hin zu hymnischem Stadion-Rock-Gehaben – die Band mustergültig absolviert.

Politischer Protest und Vergleiche mit U2

Bleibt noch der politische Protest, den die Iren – ganz in der umstrittenen Tradition ihres Landes – auch auf erwartbarste Weise ausdrücken: mit PLO-Fahnen und massiver Israel-Kritik auf offener Bühne. Damit, also mit derlei eindeutigem Protest, halten sie sich auf dem Album – das mehr den allgemeinen Verfall (vom Neo-Tech-Irrsinn bis zum Klimakollaps) thematisiert – immerhin weitgehend zurück.

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Nicht nur demonstratives Politisieren verbindet Fontaines D.C. mit U2, mit denen sie natürlich ebenfalls ständig verglichen werden („The biggest Irish band since U2“, NME). Tatsächlich kann man die beiden Bands auch musikalisch bald direkt nebeneinander stellen, steht doch ein neues U2-Album unmittelbar bevor (mit „Carnaval De Luz“, das am 13. November erscheint).
Und da gibt es schon vorweg zumindest eine auffallende Parallele: Beide umgarnen die Sängerin Rosalía, die 2025 mit „Lux“ für eine der bemerkenswertesten Veröffentlichungen des Popjahres gesorgt hat. Während U2s Bono die Katalanin mit einem Loblied namentlich besingt & becirct („The Mirror Maker (Rosalia)“), hat Grain Chatten von Fontaines D.C. die Sängerin – auch ein Novum in der Bandgeschichte – zu einem Duett eingeladen: „Where Is Gone?“ ist eine über fünfminütige Ballade, die in großem James-Bond-Stil (um diesen Vergleich kommt man hierbei wirklich nicht herum, wobei man als Ösi auch ein bisschen Conchita Wurst hineininterpretieren darf) für den hellsten und dauerhaftesten Moment auf „Dopamine C.“ sorgt.

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Gleich darauf, mit Song Nr. 9, „You Miss Me“ (ist das schon ein Echo auf den Zwiegesang mit Rosalía?), haben die jüngeren Iren dann auch mich, den bisherigen Skeptiker (man wird’s nicht überlesen haben), eingefangen und verführt: einen eingängigeren Pop-Hymnus wird man so rasch kaum hören (jedenfalls sicher nicht von U2, das zeigen die ersten Auskoppelungen und Vorab-Singles schon). Und das als Nr. 10 gereichte Rührstück „Japan“ (auf beigefügtem Video in einer Live-Version bei einem Konzert in Madrid aufgenommen) sorgt in jeder Hin- & Hörsicht für einen versöhnlichen Abschluss einer zweifellos guten Platte, die – ohne das ganze gellende Brimborium rundherum – vielleicht erst im Nachklang zeigen wird (können), was sie wirklich wert ist.

Fontaines D.C.: Dopamine Chamber (XL Recordings)

Nach Anfängen im Post-Punk mit naturgemäß viel Gitarrengetöse hat sich das Quintett aus Dublin nun bei einem hymnischen Synthie-Pop mit Anklängen bei Klassikern wie Depeche Mode oder New Order eingependelt.