Anflug auf den Tanzboden
Weil er einmal ein reines Dance-Album machen wollte, verzichtete Sam Eastgate beim neuen Album seines Projekts LA Priest auf Gitarren und vertraute sich rein den Synths an. Das funktioniert zwar, eröffnet ihm aber kaum neue Dimensionen.

LA Priest: Into the sky (Domino)
Es gibt im Pop etliche Beispiele, wie Musiker plötzlich und scheinbar unmotiviert von erfolgreichen Pfaden abgebogen sind, um sich als Künstler zu verwirklichen: Scott Walker, der sich vom Teenie-Idol zum anspruchsvollen Chansonnier und schließlich zum absolut normalverbraucherunverträglichen Rock-Avantgardisten verwandelte.
Mark Hollis, der eine durchaus erfolgreiche Karriere mit Talk Talk sabotierte, indem er von gepflegtem Synthie-Pop auf so weitläufige wie minimalistisch ausgestaltete Klangräume umschwenkte.
Nicht zu vergessen Alex Chilton, der nach seinem Einstand als Sänger des erfolgreichen, künstlerisch aber weitgehend fremdgesteuerten White-Soul-Ensembles The Box Tops mit der Formation Big Star und unter eigener Flagge eine zwar reichlich erratische, aber auch von grandiosen Höhepunkten bestrahlte Karriere als extra-eigenwilliger Sänger und Songwriter verfolgte.
Sam Eastgate, 1987 in Nottingham geboren, war als Sänger, Gitarrist und Songschreiber der Nu-Rave-Band Late of the Pier auf der Direttissima zu Star-Ruhm. Das LOTP-Album „Fantasy Black Channel“ (2008), das ihr einziges bleiben sollte, erreichte geradewegs die britischen Top-30 und wurde mit dem Neptune Music Prize ausgezeichnet.
Doch Eastgate hatte daraufhin nichts Besseres zu tun, als sich in die walisischen Hügel zurückzuziehen und mit selbstgebastelten Synthesizern und Drum-Maschinen an elektronischen Sounds abzuarbeiten.
Die Arbeitsergebnisse seiner Spielereien und Experimente veröffentlicht er als LA Priest (das „LA“ ist wie der weibliche französische Artikel auszusprechen). Auf der ersten unter diesem Moniker herausgescheibten LP „Inji“ (2015) kam dabei eine Mischung aus Funk à la Prince und den zwischen Avantgarde-Disco, Minimalismus und Art-Rock mäandernden Exkursen eines Arthur Russell heraus.
Das nächste LA-Priest-Album „GENE“ (2020) teilt sich in eine Hälfte mit schönem, wohltemperiertem melodiestarkem Art-Pop-Rock, und eine mit ausfransenden, oft nur lose strukturierten und doch anregenden Soundscapes.
LP Nr. 3 schließlich, „Fase Luna“ (2023), ist ein etwas durchgeknalltes, Folk mit einer Art maritimer Ambient-Music und letztendlich doch auch der für LA Priest charakteristischen rhythmischen Stringenz kurzschließendes Opus.
Besonders auf „Fase Luna“ dominieren, Eastgates konstruktiver Arbeit mit und an elektronischem Gerät zum Trotz, wieder die Gitarren – ebenso auf „La Fusion“, einer noch stärker im Funk geerdeten, aber von animierten rhythmischen Variationen, Dynamik und melodischer Raffinesse geadelten EP von 2024.
Das vierte abendfüllende, eben erschienene LA Priest-Werk „Into the Sky“ verzichtet nun (so gut wie) vollständig auf Gitarren und greift auf (analoge) Synths und Drum-Computer zurück.
Kooperation mit Boys Noize
Eastgates wichtigster Helfer war dabei der deutsche DJ, Produzent und Komponist Alex Ridha, der als Boys Noize bereits sehr erfolgreich mit Größen wie Frank Ocean, Snoop Dogg, The National, Lady Gaga, Ariana Grande, Bon Iver u.v.a. gearbeitet und auch für Late of the Pier einen Remix des Songs „Focker“ angefertigt hat. Ridha ist nicht nur als Co-Produzent, sondern auch als Co-Autor sämtlicher Songs angegeben und hat, von House und Techno kommend, naturgemäß die vollelektronische Ausrichtung des Albums offensiv forciert.

Auf Fotos zeigt sich Sam Eastgate, eigentlich ein sympathischer Zeitgenosse, gerne etwas abweisend (© Storm Mortimer)
Der Verzicht auf die Gitarre ist durchaus als mutiger Akt zu betrachten. Denn damit entledigt sich Eastgate eigentlich des effektivsten Unterstützers seiner berückend sonoren Stimme; des Instruments, das stets zur Hand war, wenn es Lücken zu füllen oder offene Flächen zu überbrücken, Spannung auf- und Überraschungsmomente einzubauen galt, und das im Übrigen auch immer sehr gut darin war, Effekte und ausgefallene Sounds zu erzeugen.
Eastgate begründet die puristische Reduktion auf Synths damit, dass er (endlich) einmal ein richtiges Dance-Album machen wollte.
Nun, Absicht und musikalische Form würden zwar zusammenpassen – nicht immer allerdings tun das Form und Repertoire.
Sprich: Einige vertracktere Songs wie „Ever No“ oder das sechsminütige, fast messianische „Message“ wirken irgendwie amputiert, in ihrem Bewegungsradius eingeschränkt.
In ungefähr der Hälfte der 10 Songs wiederum, dem rollenden „No Other“, den in eher klassischem Electro-Pop-Design gehaltenen „Breathe“ und „Time“, dem schnellen, kunstvoll von Hintergrundstimmen beflügelten „Sailor“ und dem ebenso flotten, aber geradlinigeren Titelsong „Into The Sky“, mittelbar auch im samtigen Opener „Rayon“, haut es mit dem Dance-Appeal tatsächlich hin.
Das Problem dabei ist nur: Wirklich gewinnen tut LA Priest – trotz teilweise exzellenter Songs, von denen einige noch aus der Entstehungszeit von „Fase Luna“ stammen – mit diesem Format wenig.
Gewiss, es funktioniert per se und generiert sporadisch eine gewisse Schwerelosigkeit – aber neue Dimensionen und Möglichkeiten eröffnet sich Eastgate damit nicht wirklich.
Zuspitzung etwa, Konzentration, Reduktion aufs Wesentliche, das spielt es hier nicht.
Gleiten auf Schrägen
Es kann auch nicht behauptet werden, dass der Electronic-Sound besonders mit den Inhalten korreliere oder gar interagiere.
Eastgate, der sich für „Fase Luna“ schon einmal eine Liebesgeschichte zwischen einem Mann und einer Meerjungfrau ausgedacht hat, gleitet wie gewohnt mit Volldampf auf Schrägen.
Im Titelsong etwa hätte er singen wollen „I fall out of the sky / Crash right into the sea“, sang aber versehentlich „I fall out into the sky“ und ließ es, weil er es „magisch“ fand, auch gleich so.
In „Rayon“ huldigt Eastgate gut aufgelegt der titelgebenden Kunstfaser, wohl wissend, dass es sich um „Plastikzeug“ handelt.
Ansonsten ergeht sich Eastgate in Lebenshilfe, mahnt, den Augenblick zu nützen, scheint von Zeit- und Geistesreisen zu träumen. Das ergibt beizeiten sehr hübsche Reime und Bilder: „There’s a space in my heart I fill with the sky / And spheres in my head that make me feel light“.

LA Priest: Into the sky (Domino)
Eine gewisse Schwerelosigkeit stellt sich hin und wieder ein - aber Zuspitzung, Reduktion aufs Wesentliche, das spielt es nicht wirklich.



