In sekundärer Umlaufbahn

Von Trennung, Tod und Krankheit überschattet, von Taylor Swift euphorisch gepriesen: „Lost Weekend“, das neue Album der US-Singer/Songwriterin Phoebe Bridgers, kämpft um musikalische Eigenständigkeit.

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25. August 2026

Phoebe Bridgers: Lost Weekend (Dead Oceans)

Der Literaturkritiker Adam Soboczynski hat kürzlich über die deutsche Erfolgsautorin Caroline Wahl („22 Bahnen“) geschrieben, dass man nicht einfach über sie schreiben könne, sondern „man schreibt darüber, wie über Caroline Wahl geschrieben wird, wie ihr Werk rezipiert wird, welche Reaktionen es dazu auf Social Media gibt“. Und er kommt zu dem Schluss: „Aber womöglich ist es seit je der Preis des Erfolgs und ein Indikator für wahre Prominenz und Pop, wenn man nur noch in zweiter Ordnung beschaut wird…“

Das alles könnte man auch über Phoebe Bridgers schreiben, die US-Singer/Songwriterin, über die auch fast nur noch in zweiter Ordnung geschrieben wird – vor allem jetzt, nach Veröffentlichung ihres zwar vielfach akklamierten dritten Albums, „Lost Weekend“, das aber trotzdem nie wirklich im Mittelpunkt der Berichterstattung steht.

Dort geht es vordringlich um Trennung (von ihrem Ex, dem Schauspieler Paul Mescal, und dessen Neue, die Singer/Songwriterin und somit doppelte Phoebe-Konkurrentin Gracie Abrams), um Tod (von Phoebe’s Vater im Jahr 2022 und die schwierige Zeit davor & danach), um Rückzug (vorübergehend aus der Öffentlichkeit & auch von Twitter), um ihr Weltraum-Faible (das vor allem bei einigen Pop-Up-Shows vor Veröffentlichung des Albums und im Merchandising eine emblematische Rolle spielte) – und zuletzt um ihre Blinddarmentzündung, die Phoebe sich (wie sie selbst auf Instagram kundtat) bei ihrer Geburtstagsfeier (am 17. August, zu ihrem 32er) zugezogen hat – und die zurzeit einige UK-Shows verunmöglicht.

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Dieser erdrückende Überbau erreicht fast schon Taylor-Swift-artige Ausmaße. Und damit ist schon ein weiteres, die zweite Ordnung befestigendes Stichwort gefallen. Denn Taylor Swift spielt in der rezenten Phoebe-Bridgers-Geschichte eine eminente Rolle, indem sie die Kollegin – und ihr aktuelles Album – über den grünen Klee lobt. Sie könne nicht aufhören, „Lost Weekend“ zu hören, postet TS – und weiter: „Dieses Album ist in jeder Hinsicht ein absoluter Triumph. Über Trauer mit solcher Verletzlichkeit und solchem Detailreichtum zu schreiben und der Zuhörerin so viel Ehrlichkeit zuzutrauen“, schließt Swift ihren Post schließlich mit: „Happy bday I love you!!“

Was Taylor und Phoebe verbindet

Solch Zuwendung bleibt natürlich nicht folgenlos – und das Album schoss gleich überall empor (in England bis an die Spitze der Charts). Tatsächlich verbindet Swift und Bridgers einiges: so etwa ihre (teils kooperative) Nähe zu Bands wie The National oder The 1975, weiters Produzent Jack Antonoff (der auch bei „Lost Weekend“ seine Finger mit im Spiel hat) – und natürlich die Manier, das eigene Schicksal in den Mittelpunkt der Lyrics zu rücken (wobei Taylor das gewiefter und verrätselter macht als Phoebe, die weitgehend ungekünstelt und poesiefrei zu Werke geht, welcher Tansparenz man freilich „viel Ehrlichkeit“ attestieren kann).

Taylor Swift kann Phoebe Bridgers – mit einigem Respekt-Gewinn für sich selbst – völlig gefahrlos huldigen, denn in ihr erwächst dem Superstar keine wirklich ernsthafte Konkurrentin (dann würde ihr Urteil – wie etwa bei Charli XCX – schon anders ausfallen). Phoebe ist dabei, eine echte Größe im alternativen Mainstream zu werden, nicht aber im weltumspannenden Popbusiness. Das ist eine andere Umlaufbahn (wie der weltraumaffinen Künstlerin selbst auch bewusst ist).

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Von Musik war bisher gar nicht die Rede – und das ist eben auch der Preis für derlei Sekundär-Prominenz. Dabei hat „Lost Weekend“ (der Titel bezieht sich angeblich auf John Lennons so genannte & berüchtigte Phase, in deren 18 ausschweifenden Monaten der Ex-Beatle ab 1973 von Yoko Ono getrennt lebte – jetzt ist aber wirklich Schluss mit all den Bezügen!) einiges zu bieten: Wie schon auf dem Vorgänger „Punisher“ (2020) wächst Phoebe Bridgers auch hier musikalisch über ihre Dark-Folk-Anfänge weit hinaus, entzündet ein Feuerwerk an Stilen, Sounds & Genres.

Stilmix aus Rock, Folk, Country & Ambient

Rockigen Songs wie „Lost Boys“, das als Single vorweg schon heftig rotierte (und bei dem ihre Boy Genius-Mitstreiterinnen Lucy Dacus und Julien Baker als Backgroundsängerinnen ebenso mit dabei sind wie an anderer Stelle Alex G und einige Bright-Eyes-Mitglieder – außer freilich Conor Oberst, der wiederum auf einer anderen Nummer, auf „I Can’t Wait“, Mundharmonika spielt), stehen zarte Balladen oder Country-Geschrammel (wie „Haunted“) gegenüber; Ambient-Sounds (die Phoebe laut Eigenauskunft zuletzt viel hörte) treffen auf autotune-verfremdete Stücke (wie „The Outside“ eingangs).
Phoebes dünne Stimme, an sich wenig spektakulär und grundsätzlich zurückgenommen, verbindet all das Auseinanderstrebende und Disparate letztlich doch auf zarte Weise miteinander – auch unter Mithilfe ihrer Hauptproduzenten Tony Berg und Ethan Gruska.

Ein Zentralsong ist zweifellos das scheinbar sanfte „The Governor’s Waltz“, in dem Phoebe kräftig gegenüber Gracie Abrams (zur Erinnerung: die Neue ihres Ex) austeilt, und ihr u.a. ausrichtet: „I know you’d never actually think about jumping/ but do it for me…“

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Wobei dann gleich im nächsten Track, „Bobby“, der aktuelle Lover (US-Komiker Bo Burnham) als solider Grundpfeiler ihres gegenwärtigen Daseins besungen wird – allerdings mit pennälerhaften Zeilen wie „Now I sleep in your shirts/ And you live in my house/ You sing in the shower/ I talk to myself …“, sodass man sich fragt, woher Phoebes Ruf als empfindsame Lyrikerin eigentlich stammt.

Besser man springt zum (Fast-)Ende der Platte, zum Song „As Above“ (Nr. 15), der gehaucht beginnt und nach knapp zwei Minuten in einem unerwarteten Crescendo gipfelt – wahrscheinlich das beste Stück dieses seltsam uneinheitlichen und doch qualitativ stimmigen Albums, das tapfer gegen seine Überwölbung mit Gossip und Rumours ankämpft.

Phoebe Bridgers: Lost Weekend (Dead Oceans)

Wie schon auf dem Vorgänger „Punisher“ (2020) wächst Phoebe Bridgers auch auf "Lost Weekend" musikalisch über ihre Dark-Folk-Anfänge weit hinaus, entzündet ein Feuerwerk an Stilen, Sounds & Genres.