Künstlerischer Tiefendrang

Ein neues „bestes Lambchop-Album“: Mit „Punching The Clown“ folgt Sänger & Songschreiber Kurt Wagner mit Banjo und Chören sehr weit zurückreichenden Spuren von Gospel und Country.

Von
20. August 2026

Lambchop: Punching the Clown (City Slang)

Der geschätzte Musiker und Journalist Robert Rotifer, der eben mit seiner Quasi-„Supergroup“ Radical Friendship Theory eine schöne Platte veröffentlicht hat, auf die in der einen oder anderen Form noch zurückzukommen sein wird, ließ unlängst in seiner Sendung „Heartbeat“ auf FM4 verlauten, „Punching the Clown“ könnte sein neues Lieblingsalbum von Lambchop werden.

Es gibt bereits weitere Menschen (inklusive dieses Autors), die ebenfalls zu dieser Einschätzung tendieren. Das wiederum ist insofern bemerkenswert, als es doch schon eine Reihe von besten Lambchop-Alben gibt: Das Country und Soul stimmig verschmelzende „Nixon“ von 2000, dessen introspektiver, pianodominierter Nachfolger „Is A Woman“ (2002), oder das technologisch massiv „manipulierte“, trotzdem wunderschöne „Flotus“ von 2016.
Selbst „Mr. M.“ (2012), die berührende, gut temperierte Hommage an den unglücklichen Singer/Songwriter Vic Chesnutt, hätte ihre Berechtigung in dieser Liste. Oder das gerade in seiner Disparatheit anregende „The Bible“ (2022). Oder… oder…

For privacy reasons YouTube needs your permission to be loaded. For more details, please see our Datenschutzerklärung.

Lambchop haben im Laufe ihrer bis ins Jahr 1994 zurückreichenden Plattenkarriere mehr Musiksprachen aufgerufen als ein Chamäleon Farben hat. Mit „Punching the Clown“ fügen sie ihrem breiten Angebot an Klang- und Stilvariationen eine neue Facette hinzu: Eine Art Country-Gospel mit kammermusikalischer Schlagseite, falls sich das jemand auf die Schnelle vorstellen kann.

Vielseitig – aber immer unverkennbar Lambchop

In all ihrer Versatiliät aber sind Lambchop, deren Besetzung im Laufe ihrer Karriere vom Duo (als das sie 2023 in Wien beim Bluebird-Festival und 2025 im Theater Akzent auftraten) bis zur 18-Mann-Truppe variiert hat, nie der Wendehalsigkeit oder gar des Anbiederns an Trends bezichtigt worden.
Der Grund dafür liegt in der Persona ihres Sängers und Songwriters Kurt Wagner. Sein tiefes, meist beiläufig, oft regelrecht desinteressiert anmutendes Grummeln ist selbst dann nicht zu verkennen, wenn es wie auf „Flotus“ mit viel Autotune verfremdet ist.

For privacy reasons YouTube needs your permission to be loaded. For more details, please see our Datenschutzerklärung.

Vor allem aber verfügt der in der Country-Metropole Nashville lebhafte Wagner, dessen Vorfahren seiner eigenen Aussage nach aus Osteuropa stammen und ursprünglich einen längeren Namen getragen haben dürften, über einen ausgeprägten künstlerischen Tiefendrang: Was er sich vornimmt – ob das nun eine von Klischees befreite Deutung von Soul ist wie bei „Is A Woman“ oder die Aneignung von Produktionsmitteln aus dem HipHop wie bei „Flotus“ -, studiert er gründlich und kommt damit erst heraus, wenn er es wirklich beherrscht.

Zu „Punching the Clown“ wurde Wagner auf der Fahrt zu einer Tankstelle durch einen Song im Autoradio angeregt. „Ein Banjo hielt einen einzigen Akkord, dazu sangen ein paar Stimmen“, erzählt er in seinen persönlichen Anmerkungen zur Platte beeindruckt.
Er fand zwar nie den (oder die) Interpreten des Stücks heraus, entdeckte aber bei Nachforschungen eine Art von Gospelgesang, dessen Anfänge im Schottland des späten 19. Jahrhunderts liegen und der als lined out singing bezeichnet wird: Ein Vorsänger gibt Ton und Text an, eine Gemeinde – meist in der Kirche – wiederholt das.

Es wurde auch wirklich schon Zeit für einen Rauschebart: Kurt Wagner, abgelichtet von Ingo Pertramer

Diese Musik migrierte in die Appalachen und entwickelte sich dort in Gospel, Country und Folk weiter.
Und dieser Musik wollte Kurt Wagner mit dem 17. Lambchop-Album huldigen.

Sehr sorgfältig wurde dafür ausgesuchtes Personal rekrutiert: Die sehr sparsame, rein akustische, in Country und Folk geerdete Grundierung besorgen an der Gitarre Andrew Broder und Justin Vernon, Kopf von Bon Iver, am Banjo. Ryan Olsen, der bereits bei „The Bible“ mit an den Reglern gesessen war, bringt als Produzent vereinzelte Seltsamkeiten ein wie im grundsätzlich introspektiv-anheimelnden Opener „Just West of Nicollet“ den aufgeregten Zwischenruf „Lambchop! No Shit!

Der Komponist, Musiker, Produzent und Künstlerrechtsaktivist Blake Morgan schließlich hatte die Aufgabe, zwei Chöre, einer 6 Kopf hoch aus Eau Claire, Wisconsin, und ein elfköpfiges Ensemble aus London, zu leiten.

Die Magie der Chöre

Diese Chöre sind musikalisch der wichtigste Faktor der Platte, scheinen irgendwie omnipotent und sind völlig unberechenbar: Setzen an unerwarteten Stellen ein, ergänzen oder kontrapunktieren Wagners Gesang genauso wie sie auch über Instrumentalflächen gleiten, können unvermittelt mächtig anschwellen und sich dann wieder bis an den Rand der Wahrnehmbarkeit zurückziehen, verleihen bestimmten Stellen eine geisterhaft-unheimliche Stimmung, peppen andere mit Dramatik auf. Im meisterhaften „The New World Wave“ kann man fast alle der eben beschriebenen Komponenten am Stück erleben.

For privacy reasons YouTube needs your permission to be loaded. For more details, please see our Datenschutzerklärung.

Weil dieses Line-up auch besondere Ansprüche an das Songmaterial stellte, studierte Wagner die Arbeitsweise großer Songwriter/innen, analysierte ihre Lieder, las Biographien, suchte zu ergründen, was ihn in seinen Lieblingsliedern bewegt und wie er diese Erkenntnisse in seiner Kompositionsarbeit umsetzen könnte.
Dazu vergattere er Gitarrist Broder zum Mit-Verfassen von 8 der 12 Songs, die aus einer Auswahl von 30 Stücken schließlich überblieben.

Der LP-Titel „Punching the Clown“ beruht auf einer gleichnamigen Mockumentary aus dem Jahr 2009, also einer wie eine Dokumentation gestalteten Film-Satire auf das Musikbusiness, mit dem Comedy-Musiker Henry Phillips, der zusammen mit Regiseur Gregori Viens auch das Drehbuch geschrieben hat, in der Hauptrolle. Der Film handelt von der Lächerlichkeit der Musikindustrie und dem Verhalten eines Songwriters als zugleich Teil und Fremdkörper in dieser Maschinerie.

Amerikas Bankrotterklärung

Unmittelbare Bezüge zum Musik-Business finden sich in den Inhalten nicht. Genau genommen grenzt es indes an Hochstapelei, aus Wagners kryptischen Bildern, Assoziationen, Eindrücken, Gedankensprüngen und was immer sonst noch in den Texten zusammengetragen wird, irgendeinen Sinn, geschweige denn so was Ähnliches wie ein Narrativ erkennen zu wollen.

For privacy reasons YouTube needs your permission to be loaded. For more details, please see our Datenschutzerklärung.

Lediglich einmal ist der Fall sehr klar. Im abschließenden „No Chicago“, in dem die Chorstimmen noch schöner als extra-schön arrangiert sind, werden Ortsnamen aneinandergereiht: Dallas etwa, Oklahoma, Barcelona oder auch Karlsruhe, die denkbar umglamouröse Heimstatt des deutschen Handelsgerichts.
Nur Chicago gibt’s keines. Warum? Das Ganze gibt den Tourplan einer befreundeten Band wieder. Und diese musste ihre Konzertreise wegen des Verdachts einer schwerwiegenden Erkrankung eines Musikers abbrechen. Nach Chicago, wie es geplant war, ist man daher nicht gekommen. Hier darf im übrigen erwähnt werden, dass Kurt Wagner in den mittleren 80er Jahren in Chicago gelebt hat, bevor er zurück in seine Geburtsstadt Nashville zog.

In den übrigen Szenarien lassen sich nur grobe Umrisse identifizieren. Die „White People“, deren Titel jenen von Allan Toussaints Funk-Klassiker „Night People“ paraphrasiert, stellt man sich jedenfalls nicht als sympathische Zeitgenossen vor. In „New World Wave“ ist eine Familiengeschichte zu erkennen, aber ihre (vermeintliche?) zeitliche Fixierung in der Zeit der Depression in Form der Jahreszahl 1929 irritiert mehr als dass sie Aufschluss über ein (allfälliges) Bedingungsgefüge ergäbe.

For privacy reasons YouTube needs your permission to be loaded. For more details, please see our Datenschutzerklärung.

Dass ständig irgendetwas aus den Fugen gerät, aus dem Ruder läuft – so viel ist immerhin klar. Den größten Gewinn gewähren die Inhalte ohnedies, wenn sie virtuos mit Worten und Sinn herumjonglieren: „We´re so broke / we can’t even pay attention“ heißt es, während  weibliche Chorstimmen himmelwärts schweben, in einem Lied, das in der einen oder anderen Form jedenfalls mit Amerika zu tun hat.

Live in Wien am 16.2. im Theater Akzent

 

 

 

Lambchop: Punching the Clown (City Slang)

Weil das spezielle Line-up auch besondere Ansprüche an das Songmaterial stellte, wandte Wagner extra viel Sorgfalt für die Kompositionsarbeit an.