Aufstand gegen die Sterblichkeit
Das kanadische Hardcore-Quartett Truck Violence glänzt auf seinem zweiten Album „The weathervane is my body“ mit kompositorischem Einfallsreichtum und vielfältigen Stilmitteln.

Truck Violence: The weathervane is my body (The Flenser)
Wer schon einmal das aufregende Vergnügen hatte, Truck Violence live zu erleben, weiß: Es gibt ein Leben vor und nach dem Auftritt des sympathischen Quartetts aus Montréal. Selbst wenn man experimentellen Hardcore nicht zu den eigenen Vorlieben zählt, wird man den Kanadiern doch eine mitreißende Energie zugestehen müssen.
Doch Truck Violence können mehr als das: Immer wieder überrascht Gitarrist Paul Lecour mit seinem eingestreuten Banjospiel, das sich wie eine ironische Schablone zu dem in Teilen jammernden Gesang von Karsyn Henderson fügt, wo doch Hendersons Metier eigentlich eher beim Geschrei liegt. Vervollständigt werden Truck Violence von Chris Clegg am Bass und Thomas Hart an den Percussions.
Generell zeichnen sich Truck Violence dadurch aus, dass sie sich nicht auf ein Genre reduzieren lassen. Abgesehen von Elementen, die dem Neofolk oder Sludge entlehnt werden, bauen sich die Songs aus komplexen akustischen Schichten zusammen, die als Hintergrund für die fragmentierten Erzählungen von Henderson fungieren. Beim Hörer schleicht sich bisweilen der Eindruck ein, einer avantgardistischen Theaterperformance beizuwohnen.
„The weathervane is my body“ ist das zweite Album der Band, das etwas rauer als der Vorgänger „Violence“ ausgefallen ist. Stimmungsmäßig überwiegt eine Melancholie, die indes mit Spielfreude umgarnt und in dichtes Soundgewitter verwoben wird.
Wenig Hoffnung versprüht schon der Opener „My dog would fuck the air“, in dem die Zeilen „Every morning I am clueless/And everyone is the same” mantraartig wiederkehren. „New Jesus“ ist eine spöttische Abrechnung mit der Kirche, die sich auf einen jüngeren Fall aus dem Jahr 2024 beziehen dürfte, als die katholische Kirche Kanadas sich – reichlich spät – bereit erklärte, Hunderten Opfern sexuellen Missbrauchs im Erzbistum St. John Entschädigungszahlungen zu leisten.
Der musikalisch dekonstruktive Song „Your name, it’s walking“ ist eine Meditation über die Vergänglichkeit, die sich gleichzeitig als Protest gegen die Sterblichkeit präsentiert. Noch Tage nach dem ersten Hören hallt der Pessimismus aller Sperrigkeit zum Trotz nach.
Die Kombination aus kompositorischem Ideenreichtum, der sich insbesondere an einem klanglichen Nuancenreichtum und einer Affinität zu Melodiosität zeigt, und der Vielfalt der Stilmittel, etwa der Mix von Ballade, Metalreferenzen und Hardcoreattitüde („Compelled by Christy“) machen „The weathervane is my body“ zu einem Anwärter auf das Album des Jahres.

Truck Violence (© Matthew Van Dystadt-Aguiar)

Truck Violence: The weathervane is my body (The Flenser)



