Reise durch imaginative Hallräume
Andreas Spechtl liefert mit seinem neuen Bandprojekt Weird & Eerie und dessen Debütalbum „Folksongs From The WWW“ Musik aus uneingelösten Zukunftsversprechungen.

Weird & Eerie: Folksongs From The WWW (FITC)
Dezember 2016. Ein verzweifelter Hilfeanruf bei seinem Arzt, um dringend psychiatrische Hilfe zu erhalten, doch dieser kann seinem depressiven Patienten nur einen telefonischen Beratungstermin für eine mögliche Überweisung in eine Klinik anbieten. Das marode Gesundheitssystem in Großbritannien ist zwar kostenlos für alle Bürger, aber zugleich chronisch unterfinanziert. Das tötet Menschen. Im Jänner 2017 begeht der stark schwermütige Patient aus Felixstowe in East Anglia Selbstmord, im Alter von nur 48 Jahren.
Sein Name ist Mark Fisher, und er war einer der klügsten Köpfe seiner Generation. Aus dem Umfeld des Post-Punk kommend, war Fisher hervorgetreten durch seine kritischen Schriften im Bereich von Pop-Musik, Literatur und radikaler Politik. „Capitalist Realism: Is There No Alternative?“ (2009) avancierte zu einem Basistext marxistisch fundierter Kulturtheorie. Meisterhaft seziert Fischer darin an Beispielen aus Populärkultur, Arbeitswelt, Bildungs- und Gesundheitswesen, warum uns die Imagination einer anderen, besseren Ordnung der sozialen, politischen und kulturellen Dinge inzwischen völlig fremd geworden ist.
Untote Gespenster der Vergangenheit
Das Scheitern früherer Versprechen auf eine menschliche, menschengerechte Alternative, so zeigt Fisher in seinen Albumkritiken und Essays zur Gegenwartsmusik, kehrt heute wieder als Bewusstsein verlorener oder verhinderter Zukünfte. Die alte Sehnsucht nach einer besseren Welt, deren Zustandekommen vom Kapitalismus verhindert wurde, manifestiert sich in unserer Gegenwart, so Fisher in „Ghosts Of My Life“ (2014), im unheimlichen Gefühl einer Heimsuchung durch die untoten Gespenster der Vergangenheit. Hauntology hat er dieses Konzept genannt.
Der Musiker Andreas Spechtl (um nach dieser umfänglichen, aber unabdingbaren Vorrede zum Punkt zu kommen) fand für das Theoriedenken von Fisher die Formel DMD KIU LIDT, soll heißen: „Die Manifestation des Kapitalismus in unserem Leben ist die Traurigkeit“ – bekanntlich zugleich Titel des vierten Albums von Ja, Panik. Eine Band, die wie kaum eine andere aus dem deutschsprachigen Raum sich darauf versteht, Songs zu schreiben, die nicht allein gut, sondern zudem intellektuell tiefschürfend sind.
Spechtl hat freilich immer schon bestechende Soloalben unter wechselnden Projekttiteln veröffentlicht, die stärker noch als die Platten von Ja, Panik in musikalisch unerhörte Gefilde ausgreifen, ohne sich je in jenem Gedudel zu verlieren, das zu viele experimentelle Platten unhörbar macht.

Die Band Weird & Eerie um Andreas Spechtl (ganz links) © Fun in the Church
„The Weird and the Eerie“ lautet der Titel des kurz vor seinem Freitod erschienenen Buches von Mark Fisher – und nun auch der Name der neuen Band von Andreas Spechtl. Ihr Debütalbum „Folksongs From The WWW“ entstand mit dem vielfach preisgekrönten Dramatiker Thomas Köck sowie unter Mitwirkung der Schlagzeugerin Katharina Ernst und der Saxofonistin Annea Lounatvori, die beide auch mit Ja, Panik auf der Bühne stehen. Hervorgegangen ist „Folksongs From The WWW“ aus einer Produktion von Köck in Weimar im Jahr 2024, die eine Theateradaption von Fishers Buch unternahm, wozu Spechtl und Musikerinnen den gespenstischen Soundtrack lieferten.
Musikalisch umgesetzte „Hauntology“
Für Fisher repräsentieren die Kategorien des weird und eerie, also des seltsam Fremdartigen, bizarr Unpassenden wie des unheimlich Leeren oder gespenstisch Rätselhaften, zwei emanzipativ zu verwendende Wahrnehmungsweisen, die Realität als instabil zu erfahren, um einen Blick werfen zu können auf das verborgene Territorium, das jenseits der kapitalistischen Alltagswelt liegt. Und so wie beispielsweise die düsteren, gespenstisch leeren Klangwelten von Burial eine musikalische Umsetzung der Hauntology-Ästhetik sind, so darf „Folksongs From The WWW“ als kongeniale Hörbarmachung einer Erfahrung jenseits der gängigen Parameter von Pop-Musik gelten, in der die Kategorien weird und eerie den Ton angeben.
Nur etwas über 30 Minuten dauert das Album, doch in seinen zehn Tracks durchquert es ein weites Klangfeld, gebildet aus unterschiedlichen Strategien, das konventionelle Format eines Popmusiksongs zu dekonstruieren. Eine Brücke zum Werk von Ja, Panik bildet die Single „Windows 95“, die Textpartikel aus dem Song „1998“ vom Album „Die Gruppe“ (2021) zitiert, wo übrigens auch die Zeile „I was thinking about / the weird and eerie“ vorkommt. Hier nun öffnet sich ein imaginativer Hallraum, in dem Spechtl zur hypnotisch wiederholten Formel „we pass“ in einer langen Suada eine Traumwelt aus Erinnerungen und Wunschvorstellungen einer anderen Zukunft als der uns vorbestimmten konstruiert.
Folksong für ein artifizielles Zeitalter
Kurze Kompositionen, wie das weite Hallräume eröffnende „Left Right (Tampere)“ mit seinen von einem Frauenchor gesungenen Textzeilen in Finnisch oder das an Free Jazz erinnernde „Portal“ mit Saxofon- und Schlagzeug-Improvisationen treffen auf mehr songartige Klangstrukturen wie „Look at me“, auf dem eine artifizielle Stimme einen Folksong für unser artifizielles Zeitalter singt. Berückend und beglückend zugleich.
Das Album endet grandios mit dem passend betitelten „Finished“: Ein zunächst stiller, aber zunehmend eindringlicher Drone, in den hinein Spechtl sich in die Rolle der sogenannten Künstlichen Intelligenz versetzt, die gerade dabei ist, ihre Schöpfer abzuservieren: „I am finished / with humans / Finished with / flesh and bones“.
Ein Abgesang, der ein Album beendet, das für unsere traurigen Zeiten gemacht ist. „Folksongs From The WWW“ versammelt singuläre Musikstücke, die so wirken, als seien sie immer schon dagewesen, aber erst durch Weird & Eerie hörbar gemacht worden. Musik aus uneingelösten Zukunftsversprechungen.

Weird & Eerie: Folksongs From The WWW (FITC)
„Folksongs From The WWW“ darf als kongeniale Hörbarmachung einer Erfahrung jenseits der gängigen Parameter von Pop-Musik gelten, in der die Kategorien "weird" und "eerie" den Ton angeben.



