Indie-Slacker mit widerständigem Phlegma
Auf seinem neunten Soloalbum liefert der tiefenentspannte Langhaarträger Kurt Vile eine keineswegs unkritische Liebeserklärung an seine Heimatstadt Philadelphia und überzeugt mit Songs, die trotz aller Unaufgeregtheit eine große Suggestivität entwickeln.

Kurt Vile: Philadelphia´s Been Good To Me (Verve /Universal)
Spätestens nach seinen Alben „Smoke Ring For My Halo“ (2011) und „Wakin´ On A Pretty Daze” (2013) galt Kurt Vile, der Gitarrist und Sänger aus Philadelphia, als coolster Vertreter einer neuen Generation von Americana-Songwritern. Kurt Vile, einst Gründungsmitglied der Band The War On Drugs, zelebriert in seiner Musik Entschleunigung und Unaufgeregtheit auf höchstem Niveau, lässt jeden unnötigen Aufwand weg und entzieht sich so gekonnt dem Hamsterrad echauffierter Geschäftigkeit.
Ihm reichen wenige Akkorde pro Song, um einen hypnotisch-mäandernden Sound mit großer Suggestivität zu erzeugen. Seine originäre Songwriterkunst besteht aus Reduktion, Wiederholung und Verdichtung.
Seit vielen Jahren veredelt er Album für Album seinen unverwechselbaren Kurt-Vile-Sound. Über allem thront seine alles überstrahlende Lässigkeit, sein zurückgelehnter und tiefenentspannter Slacker-Habitus, der seiner Musik innewohnt. Seine Songs grooven auf so unverschämt leichtfüßige und geschmeidige Weise vor sich hin, dass man sich unweigerlich die Frage stellt, woher er seine unaufgeregte Souveränität nimmt und wie scheinbar mühelos dem Dude mit seiner Langhaarmatte all diese großartigen Songs zufliegen.
Obwohl sich Kurt Vile stets im weiten und unscharf gezeichneten Fach Americana / Folkrock bewegt, bewahrt ihn seine leicht verrückte Unberechenbarkeit davor, einfach kategorisiert zu werden.
Nach ein, zwei durchschnittlichen Alben meldet sich der Sänger, Gitarrist und Songwriter nun mit einem Doppelalbum zurück.
Laid-back-feeling und die Magie des Alltäglichen
Auf seinem zweiten Album bei einem Major-Label ist auch Viles langjährige Backingband The Violators wieder mit dabei und sorgt für einen entspannten, hypnotisch-mäandernden, stets psychedelisch angehauchten Sound. Kurt Vile indes gelingen ohne jedes Zeichen von Kraftaufwand, mit einfachen aber schönen Melodien, nasalem (Sprech)Gesang und seiner immer noch weltirritierten, leicht neben der Spur befindlichen Weltsicht, vor Schönheit funkelnde Songs. Sie gleichen nicht selten tastenden Meditationen über das Leben und das Menschsein an sich.
Wie Neil Young hat auch Kurt Vile einen Hang zum widerständigen Phlegma, was sich auf „Philadelphia´s Been Good To Me“ aufs Schönste zeigt. Und wie sein Musikerkollege kümmert sich Vile weder um musikalische Trends noch um Wünsche der Plattenfirmen und fällt damit ein wenig aus der Zeit. So passen die Songlängen von durchschnittlich fünf bis zu zehn Minuten ganz und gar nicht zum Streaming-Zeitalter. Die zwölf Songs auf dem Doppelalbum klingen zugleich lässig und authentisch, Viles Texte fließen wie ein Stream of Consciousness und es klingt aufrichtig, wenn Vile von den „old-time, lo-fi, DIY rock ´n´ roll nights“ singt.

Ein wenig aus der Zeit gefallen: Kurt {© Eleanor Petry / Universal)
Hypnotische Synthesizer-Klänge und eine Vielzahl unterschiedlicher Gitarren – E-Gitarren, Akustikgitarren, Steel Guitars) sorgen für ein hypnotisch-mäanderndes und kontemplativ-fließendes Soundfundament für Viles unverwechselbaren Sprechgesang. Zusammen ergibt das einen guten Vibe, mit mehr oder weniger Groove und Drive.
Es klingt sehr lässig, wie Vile über die Liebe zu seinen Töchtern, zur Heimatstadt Philadelphia und über die Coolness des Musikerdaseins singt. Die entschleunigende Wirkung seines Gitarrenspiels korreliert trefflich mit seinem hippiesken Credo, Dinge einfach zu akzeptieren, wenn sie nicht zu ändern sind. Beispielgebend dafür ist der Titelsong „Philly´s Been Good To Me“ mit den Textzeilen: „Philadelphia´s been good to me / let´s hope it don´t fall into the Schuylkill River / that´s the river that´s polluted as hell / but it runs through my town and I ain´t putting it down”. Weitere Anspieltipps: “Chance To Bleed”, “Rock o´Stone”, “Zoom 97”, “99BPM”, “99th Song” und “Avalanches Of Snow”.
Fazit: Kurt Viles Doppelalbum bietet coole Gitarrenmusik für junge Menschen, lässige Mucke für ältere Menschen und großartige Songs für alle.

Kurt Vile: Philadelphia´s Been Good To Me (Verve /Universal)
Es klingt sehr lässig, wie Vile über die Liebe zu seinen Töchtern, zur Heimatstadt Philadelphia und über die Coolness des Musikerdaseins singt.



