Der Tanzboden als heiliger Ort

21 Jahre nach „Confessions On A Dancefloor“ veröffentlich Madonna ein weitgehend gelungenes, wenn auch nicht makelloses Sequel unter dem Titel „Confessions II“.

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7. Juli 2026

Madonna: Confessions II (Warner Music)

Vor rund 20 Jahren ging Madonna Louise Veronica Ciccone das letzte Mal als Lookalike der Frau, die wir als Madonna kannten, auf Tournee. Ihre damals aktuelle LP „Confessions On A Dance Floor“ firmiert heute als Markstein ihres Spätwerks.

Die Persona, die zwei Dekaden danach ein Sequel dieses Werks unter dem Titel „Confessions II“ in den Äther jagt, hat mit der von damals äußerlich kaum mehr etwas gemein.

Das x-fach operierte Gesicht ist zu einer Maske erstarrt, die keinerlei Emotionen mehr verrät als eiserne (Selbst-)Kontrolle und den Ehrgeiz, sich überall und jederzeit zu behaupten. Der Körper ist zum Anschauungsobjekt für die Wunder der Selbstoptimierung geworden.

Wenn Madonna in ihrer Selbstdarstellung mit welchen Mitteln und bei welchen Gelegenheiten auch immer heute noch an Sex anstreift, so wirkt das nicht mehr provokant, geschweige denn erregend – nicht einmal mehr fragwürdig, sondern als pflichtschuldig entrichteter Tribut an gängige Marketingcodes/-diktate.

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Wirklich herausfordernd ist bei alledem nur mehr eines: Madonna, 67, weiß um die Kritikwürdigkeit ihres öffentlichen Auftretens und gibt einen Scheiß drauf (die Kritikwürdigkeit wie auch das Wissen darum).

Altbewährter Partner Price als wichtigster Helfer

Im Unterschied zur öffentlichen Persona ist die Sängerin und Songschreiberin, die „Confessions II“ mit dem üblichen Materialaufwand, einem Dutzend Sound-Ingenieuren und ihrem langjährigen künstlerischen Partner Stuart Price als wichtigstem Produzenten und Co-Autor gefertigt hat, leicht als die uns vertraute Madonna wiederzuerkennen.

Was plastische Chirurgie an ihr äußerlich verwischt, nämlich Alterungsspuren, verrät ihre gut gereifte, etwas tiefer gewordene, sehr sporadisch leicht ausfransende Stimme; ansonsten klingt es, als würde Madonna verschiedene Stadien ihrer Karriere durchstreifen und abrufen, wobei der Fokus natur- und titelgemäß auf „Confessions On A Dance Floor“ liegt.

Madonna 2026 (© Rafael Pavarotti)

House-Beats legen, sporadisch gestützt von echten Drums und Gitarren, in verschiedenen Tempostufen von aufgedreht bis chillig die rhythmische Grundierung aus; Synthies wabern, zischen, zirpen durch das gelegentlich von Streichern aufgezuckerte Klangbild.

Konterkariert wird das Ganze durch Balladen, wie sie Madonna immer schon gut gekonnt hat, und einem echten Überraschungsmoment in Form eines sehr gelungenen Jazz-Arrangements mit cool gehauchter Trompete und gefühlvollem Piano im Song „Betrayal“.

Nostalgisch

Neu ist an „Confessions II“ nichts – so wenig wie 2005 die originalen „Confessions…“ neu gewesen sind.

Bei „Confessions II“ stellt sich, indem Madonna öfters auf die frühen Jahre ihrer Karriere zurückblickt, sogar eine dezidiert nostalgische Anmutung ein.

In „Danceteria“ huldigt sie dem gleichnamigen New Yorker Tanz-Tempel der frühen 80er-Jahre mit viel Namedropping – Jean-Michel Basquiat, Keith Haring, Kenny Scharf, David Byrne, Nile Rodgers, die Lounge Lizards, die B-52´s werden erwähnt bzw. wie Lou Reed paraphrasiert – im Stile des dazumalen angesagten Post-Disco-Grooves (der, grob vereinfacht, den Disco-Sound der späten 70er-Jahre verdichtet und um damals kontemporäre Einflüsse erweitert fortführte).

Zurückgeblickt wird auch in „Bizarre“, das über einem flirrenden, vom niederländischen DJ und Produzententen Martin Garrix kreierten und stark an den Eurythmics-Klassiker „Sweet Dreams“ erinnernden Electro-Pop-Groove (nutmaßlich)  Madonnas kurze, turbulente Ehe mit Schauspieler Sean Penn rekapituliert, und noch weiter in „L.E.S. Girl“*, wo sich die Künstlerin erinnert, wie sie mit ihrem Boyfriend in einem Appartment in der (seinerzeit alles andere als pittoresken) Lower East Side lebte und nicht wusste, wie sie die überfällige Miete aufstellen sollte.

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Es ist also keine wie immer geartete innovatorische Konnotation in den „Confessions“. Ihr frappierendes Element liegt vielmehr in ihrer im Titel programmatisch ausgerufenen Ideologie.

Denn die Confessions On An Dancefloor“ waren nicht nur Bekenntnisse auf dem, sondern vor allem auch zum Tanzboden. Mit „Confessions II“ werden sie auf eine noch höhere, an Spiritualität grenzende Ebene gehoben: Tanzmusik sei nicht so oberflächlich wie Leute denken, sagt Madonna an einer Stelle. Denn der Tanzboden sei nicht irgendein Platz, sondern eine Schwelle in eine rituelle Sphäre, wo Bewegung Sprache ersetze.

Selbst-Referenzen und „Botschaften“

Wir sind beim Punkt: Sage niemand, Madonnas Texte seien trivial! Oder sagen wir es so: Es gibt für Madonna keine trivialen Themen. Alle werden sie bei ihr verrührt und kommen, nicht selten geboostet durch willfährige mediale Verstärkung, mit Bedeutung beladen zurück in den Pop-Diskurs.

Wenn sie in ihrer Ur-Inkarnation als „Material Girl“ Spaß einfordert, tut sie das zum Wohle einer besser gelaunten Welt. Sie mahnt Offenheit ein, das Recht, zu reden worüber sie will, Vorschriften zu übergehen, die sie nicht gemacht hat; erörtert die Wichtigkeit und Nichtigkeit von Ruhm und Reichtum, stellt Moralvorstellungen der Kirche und des offiziellen Amerika zur Disposition.

© Rafael Pavarotti

Auch „Confessions II“ bleibt an Bekenntnissen und „Botschaften“ wenig schuldig: „I can be whoever I wanna be“. „I did it all for love“. „I looked for love / In unexpected places“. „Understand your violence and the trauma you’ve survivеd / Nobody’s free until they’re broken“. „People really think that there’s a beginning and ending / To this thing called life / But energy never dies / This is just a portal we’re going through“.

Dazu glänzt Madonna in Multilingualität (mit spanischen und französischen Passagen) sowie cineastischer und literarischer Bildung: „I’ve been a Belle Du Jour (…) / I’ve read Marquis De Sade“.
Man sieht: selbst Bildungsbürgern darf diese Frau empfohlen werden.

Ein paar Längen & ein paar exzellente Songs

Unterstützt haben Madonna bei den „Confessions II“ neben Stuart Price erlesene Hilfskräfte, die mit Ausnahme von Sabrina Carpenter, mit der sie sich im klassischen Dancefloor-Track „Bring Your Love“ duettiert, viel eher spezielle Stil-Segmente als den breiten Markt bedienen und wie der bereits erwähnte Martin Garrix mit ihren Einsätzen die jeweiligen Stücke  effektiv bereichern: Der belgische Musiker Stromae tritt auf „My Sins Are My Saviour“ mit samtiger französischer Sprechstimme in den Dialog mit der Protagonistin. Erstaunlich versöhnlich fällt wiederum deren hübsches Duett mit ihrer Tochter Lola Leon in „The Test“aus.

Bei aller produktionstechnischen Exzellenz haben diese „Confessions II“ vor allem um die Mitte hin ihre Längen. Mehr als entschädigen tun dafür im finalen Teil neben dem schon genannten „Betrayal“ das innige, Madonnas verstorbenem Bruder Christopher gewidmete „Fragile“ und die organische, Gitarren-betonte Ballade „L.E.S. Girl“, die sich ohne weiteres mit großen Madonna-Stücken wie „Don´t Tell Me“ oder „La Isla Bonita“ messen kann.

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Als brauchbare bis größerenteils gute, vereinzelt sehr gute Mischung aus Dance-Pop und klassischen Pop wäre also diese Platte ohne Ansehen von Geschichte und Status ihrer Macherin einzustufen.

Natürlich ist diese Art von Beurteilung bei einem Superstar wie Madonna völlig unmöglich. Das übrigens wäre eigentlich ergiebiges Futter für die oft ein wenig raunzigen Selbstreferenzen in Madonnas Inhalten: Warum, warum nur muss ich immer Madonna sein? Warum kann ich nicht ein ganz normaler Mensch sein (und als solcher beurteilt werden)?
Und da sehen wir, wie absurd normal sein kann.

* L.E.S. = Lower East Side, ein südöstlicher Teil Manhattans zwischen East River, Houston Street und Bowery.

Madonna: Confessions II (Warner Music)

Madonna glänzt mit Multilingualität sowie cineastischer und literarischer Bildung. Man sieht: selbst Bildungsbürgern darf diese Frau empfohlen werden.