Betörender Sinnesrausch

Auf ihrer bisher besten von drei gemeinsamen Alben verarbeiten Mick Harvey und die mexikanische Sängerin Amanda Acevedo unter dem Titel „Psychedelia in White“ erstmals hauptsächlich Eigenkompositionen, die mit surrealen Bildern und üppigen Arrangements auffahren.

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5. September 2026

Mick_Harvey & Amanda Acevedo: Psychedelia in White (Mute)

Es ist schwer, Musiker-Persönlichkeiten wie Mick Harvey angemessen zu würdigen. Weil ihn jeder, der an den Indie-Kosmos auch nur angestreift ist, kennt und weil auch seine Leistungen weithin anerkannt und geschätzt werden, kann er nicht spektakulär neu entdeckt oder bewertet werden.
Es ist ziemlich sicher, dass ohne seine musikalischen Beiträge und nicht zuletzt seine  organisatorische Übersicht in den Bands The Birthday Party und The Bad Seeds aus Nick Cave nicht das geworden wäre, was er heute ist. Auch am Werden & Gedeihen von Crime & The City Solution hat der vor 68 Jahren im australischen Bundesstaat Victoria geborene Multiinstrumentalist, Produzent, Sänger und Songschreiber maßgeblichen Anteil; vielleicht noch stärker – als Co-Produzent, stimmlicher und instrumentaler Helfer – an der großen Karriere der ikonischen Sängerin und Songschreiberin PJ Harvey.

Es würde nicht wirklich passen, Mick Harvey als Hintergrundfigur zu sehen. Frontfigur, geschweige denn Rampensau, passt allerdings genausowenig.
Harveys Arbeit scheint – ob im Studio oder auf der Bühne – immer stark in Diensten anderer zu stehen. Ein sehr beträchtlicher Teil seiner Platten unter eigenem Namen huldigt speziellen Charakteren der Populärmusik wie dem französischen Enfant terrible Serge Gainsbourg oder dem amerikanischen Folk-Sänger Jackson C. Frank, darüberhinaus speziellen Größen aus der Nomenklatura des Indie-Rock und seiner Ahnenschaft, von seinem australischen Landsmann David McComb über Tim Buckley, Lee Hazelwood, PJ Harvey bis zu Jeffrey Lee Pierce.

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Darüber hinaus ist Harvey einer, der gerne die Bühne teilt. So verfolgt er nun schon seit Jahren eine musikalische Partnerschaft mit der mexikanischen Sängerin Amanda Acevedo.

Zwei LPs hat Harvey bereits mit Acevedo aufgenommen: 2023 das Album „Phantasmagoria in Blue“, auf dem die beiden neben ein paar eigenen Stücken größerenteils Songs von Autoren wie Tim Buckley, Leonard Cohen, Silvio Rodríguez  oder Jackson C. Frank interpretierten.
Ganz im Zeichen des unglücklichen, im Alter von 56 Jahren verstorbenen Frank und dessen einziger, unbetitelter und übrigens von Paul Simon produzierter LP aus dem Jahr 1965 stand dann 2025 die zweite Kooperation mit dem Titel „Golden Mirrors: The Uncovered Sessions Vol. 1“.

Mick Harvey & Amanda Acevedo (c) Alex Hallag

Ein drittes gemeinsames Album erscheint dieser Tage, enthält – neben einer Version von PJ Harveys „Slow-Motion-Movie-Star“ und zwei ins Englische übertragenen Songs von Silvio Rodríguez und José Maria Cano – sieben eigene, gemeinsam verfasste Songs und trägt den Titel „Psychedelia in White“.

Mythisch durchwirkt

Dieser Titel ist nicht nur schön, sondern auch wunderbar stimmig: „Psychedelia in White“ ist verbal wie auch musikalisch ein Sinnesrausch mit gleichermaßen surrealen wie doch anrührenden Bildern und üppigen Sounds. Tanzende Elefanten, Seeungeheuer, Geister und antike Gestalten, ein Einhorn und andere Kreaturen aus anderen Welten huschen durch die oft erkennbar von Mythen inspirierten Szenarien, die musikalisch mit treibenden Gitarren, hübschen Piano-Parts und dicken Streicherteppichen beladen sind.

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Wie es Harveys zuvorkommende Art ist, überlässt er das Zentrum der Aufmerksamkeit seiner Partnerin Amanda Acevedo, von der der Großteil der Texte stammt und deren Stimme – voll, sinnlich, inbrünstig, beschwörend, (ver)lockend – ein Naturwunder ist. Harvey tritt hin und wieder in den Dialog mit ihr, und leistet natürlich auch die gerade in ihrer Vielseitigkeit wunderbar ausgewogene Instrumentalarbeit, der die Songs ihre unterschiedlichen Dynamiken zwischen melancholisch, nocturn und treibend verdanken.
Der mitreißende Opener „The Elephants“, das von drohenden Gitarren zugedröhnte „Perfect Storm“ und „Song for Autora“, eine von Harvey gesungene, clever aus T. Rex-Titeln gebaute Hommage an Marc Bolan, repräsentieren die zupackenden Momente der LP am offensichtlichsten, aber ein unterschwelliger Offensivdrang ist auch in den meisten anderen Tracks auszumachen. Lediglich im romantischen „Atlantis“, das mit den Zeilen „I know there is a place for us / I’ll find it in between your thighs“ beginnt, wird dem Sentiment hemmungslos nachgegeben.

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Mick_Harvey & Amanda Acevedo: Psychedelia in White (Mute)

Tanzende Elefanten, Seeungeheuer und andere Kreaturen aus anderen Welten huschen durch lustvoll opulent arrangierte Szenarien.