Das letzte Wort in Harmonie ist nie

Richard Carpenter ist 80. Seine Schwester Karen wurde nur 32. Über einen Jubilar, der unbedingt gewürdigt gehört – und eine viel zu früh Verstorbene, die dabei nicht vergessen werden darf.

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15. Oktober 2026

Karen & Richard Carpenter (A&M Records, Public domain, via Wikimedia Commons)

Nun ist er also 80. Er, Richard Carpenter. Geboren am 15. Oktober 1946 in New Haven, Connecticut, New England, USA. Er, der um vier Jahre ältere Bruder von Karen Carpenter, die 2030 keinen runden Geburtstag feiern kann, weil sie nur 32 wurde. Gemeinsam waren sie The Carpenters und als solche in den 1970ern durch ihren Easy-Pop, die perfekten Arrangements von Richard und Karens gebirgsbachklare Stimme eine Kategorie für sich.

Nun ist es nicht so, dass, wer Richard sagt, auch Karen sagen muss – aber eigentlich doch.

Schließlich geht die Faszination der Carpenters vom Zusammenspiel der beiden aus. Musikalisch wie visuell wie im Grunde nicht völlig zu erklären – wie bei allen Larger-than-Life-Dingen.

Guilty Pleasures?

Und faszinierend waren und sind sie ungebrochen weiterhin, die Carpenters. Das lässt sich in Zahlen belegen. Über 100 Millionen weltweit verkaufter Platten machen sie zu einem der größten kommerziellen Acts aller Zeiten. Gleichzeitig stand bei ihnen das auf die Spitze getriebene Pure, das fast schon trumanshowhafte Saubermännchen- und Sauberfrau-Lächeln einer ganz anderen Würdigung nicht im Weg. Im Gegenteil. Als 1994 mit „If I Were A Carpenter“ ein Tribut-Sampler für das immer freundliche, brav frisierte Geschwisterduo erschien, fanden sich darauf Namen wie Babes in Toyland, American Music Club, Cracker, Redd Kross und Sonic Youth. Leidenschaftliche Krachmacher und differenzierte Alternative-Bands waten ins vermeintlich Seichte? War das ironisch gemeint? Das Eingestehen von Guilty Pleasures? Mitnichten – und von wegen seicht. Das war nichts anderes als eine Verbeugung vor großartiger, ja, himmlischer Musik; vor Songs, mit denen wohl jede und jeder der Beteiligten aufgewachsen ist.

Radio ohne The Carpenters war lange Zeit schlicht undenkbar. „Yesterday Once More“, „Top Of The World“ – nur zwei der Songs, die in den 1970ern gefühlt auf Dauerschleife liefen. Dass sich für den Sampler ausgerechnet das trashige japanische Rumpeltrio Shonen Knife der größten Songperle der Carpenters – „Top Of The World“ – annahm, ist popkulturell interessant, musikalisch aber nicht. Nach 20 Sekunden ist es genug, die Idee dahinter klar und man kehrt gerne wieder zum Original zurück.

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In „Top Of The World“ eskalieren The Carpenters. Es ist ein Countrypopsong für das Adult Radio. Mühelos turnt Karens Stimme die Komposition entlang, erreicht mit Freude und Leichtigkeit alle von Richard vorgegebenen Höhen, ist von einer Klarheit, die einem nicht egal ist. So wie auch schwarze Soulmusik funktioniert, nur ganz anders.

Pop of the World

Als die Familie Carpenter in den frühen 1960ern von der Ostküste an die Westküste zog, hin zur Entertainmentindustrie, war das auch dem Talent von Richard geschuldet. Der Weg in das Musikbusiness war da schon vorgezeichnet. Bei A&M Records, dem Label von Herb Alpert und Jerry Moss, sollten die Carpenters 1969 landen. Alpert war als Trompeter mit The Tijuana Brass zu der Zeit bereits Dauergast in den Charts und der Rooster von A&M ein Kosmos für sich. Chris Montez, Burt Bacharach, Sergio Mendes & Brasil 66, Flying Burrito Brothers, Phil Ochs – dazu The Carpenters und und und. Man kann Jahre zubringen, die Platten von A&M aus den 1960ern und 1970ern zu sammeln und zu hören, ohne dass es langweilig wird. Ein eigenes Bild der kalifornischen Zusammenhänge in der Musikszene entsteht dabei, ein Dschungel an Namen, ein durch Plattencovers und Sounds erstelltes Moodboard der Sixties und Seventies des vorigen Jahrhunderts.

Ein Name, der dabei nicht fehlen darf: Roger Nichols. Das Album „Roger Nichols & A Small Circle Of Friends“ aus 1968 ist eine der seltenen A&M-Platten. Und ein fantastisches Album für sich. Wichtiger ist aber, dass Nichols die Musik für „We’ve Only Just Begun“ geschrieben hat, einen der größten Hits der Carpenters. Zu den von Richard Carpenter erzählten Bonmots gehört die Anekdote, Nichols habe ihm gesagt, er habe seine Songs geglättet. Im Sinne von vollendet. Nicht um Kanten zu schleifen, sondern um für absolute Harmonie zu sorgen.

So viel zum Hellen, zum Perlenden, zum alles Überstrahlendem der Carpenters.
Kommen wir nun zum Dunklen.

Denn wer Richard sagt, muss auch Karen sagen

Die Faszination der Carpenters hat ganz stark mit ihr zu tun – und das nicht nur wegen ihrer Stimme. So wie Richard am Klavier, war sie am Schlagzeug eine begnadete Musikerin. Eines ihrer Vorbilder: Buddy Rich. Anders als ihr hölzern wirkender Bruder hatte sie durchaus Pop-Appeal. Hinter dem Lächeln, dem Erfolg und dem Image der Carpenters sah es aber offenbar anders aus. Der Druck des Showbusiness, ein als nicht einfach beschriebenes Verhältnis zu ihren Eltern, speziell ihrer Mutter, das Leben in der Öffentlichkeit und anhaltende Essstörungen lasteten sichtlich an ihr. Als sie 1983 an den Folgen ihrer jahrelangen Magersucht starb, wog sie 49 kg bei 1,63 m Körpergröße. Zwischenzeitlich waren es sogar nur 35 kg gewesen. Wer sich heute Live-Auftritte der Carpenters auf Youtube anschaut, sieht eine oft hagere Frau, deren ursächliches Leiden im harten Kontrast zu den fröhlich vorgetragenen Songs steht.

Die Carpenters 1972 im Greek Theatre in Los Angeles (Kathleen Ballard, Los Angeles Times, CC BY 4.0 )

Die dahinterstehenden Probleme werden in der Geschichtsschreibung der Carpenters immer auch mit dem Scheitern ihres Soloalbums in Zusammenhang gebracht. Ende der 1970er, als Richard gerade wegen stressbedingter Tablettensucht auf Rehab war – auch er nicht frei von Druck –, nutzte Karen die Zeit, um mit dem Produzenten Phil Ramone eigene Songs aufzunehmen. Nicht im Stil der Carpenters. In anderen Stimmlagen. Dem Discofieber zugewandt. Aus Sicht von Bruder Richard und der restlichen Familie laut Überlieferung eine Art „Markenrechtsverletzung“.

Dem Vernehmen nach muss sich Richard Carpenter über die Songs, den Einsatz von Karens Stimme und die Produktion im Frühjahr 1980 folgenreich ausgelassen haben. A&M nahm daraufhin Abstand, das Album zu veröffentlichen. Was – so die Legende weiter – Karens Konstitution zusätzlich zusetzte. Der musikalisch Harmoniesüchtige traf scheinbar als Kritiker die Zwischentöne nicht. Ob das alles so stimmt? Fest steht, dass mit Karens Tod auch Richards musikalische Karriere aus dem Takt kam. Drei Soloalben im Zeitraum von 1987 bis 2022 sind ein bescheidener Output. Immerhin erreichte er mit der Single „Somehing In Your Eyes“ 1987 noch einmal Platz zwölf in den US-Charts. Den Gesangspart hatte dabei Dusty Springfield über.

Diesen Sommer gab es auf dem via Spotify hörbaren Podcast Downtown with Rich Kimball in den Folgen 82 und 83 ein zweiteiliges Interview mit Richard Carpenter. Mit einer überraschend alten Stimme – im Gegensatz zur ewigen Jugend auf Youtube – erzählt Carpenter dort aus seinem Leben. Das sei an dieser Stelle genauso empfohlen wie die auf Youtube zu sehende Live-Version von „Top Of The World“ am 1. Mai 1973 im Weißen Haus. Anlass war ein Staatsbesuch von Willy Brandt, Gastgeber: Richard Nixon. Karen Carpenter spielt Schlagzeug und singt. Auch ihr ewiges „Yiha!“ im Intro des Songs lässt sie dabei hören.

 

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Freuen wir uns mit Richard Carpenter, dass er nun 80 geworden ist. Freuen wir uns über das Helle, seine vielen großartigen Songs. Aber vergessen wir dabei Karen nicht, ohne die das Wunderbare in der Musik der Carpenters nicht passiert wäre. Was die beiden in „Yesterday Once More“ besungen haben – die Erinnerung an magische Momente des Musikhörens –, könnte passender kaum sein.

Karen & Richard Carpenter (A&M Records, Public domain, via Wikimedia Commons)

Every Sha-la-la-la/
Every Wo-o-wo-o/
Still shines/
Every shing-a-ling-a-ling/
That they're startin' to sing's/
So fine.