Vom Loslassen und Weitermachen
Auf ihrem neuen Album „Sugar On Blackstone“ verknüpft Kristin Hersh bruchstückhafte Erinnerungen an Kindheit und Jugend mit einer reduziert-spröden Klangästhetik.

Kristin Hersh: Sugar on Blackstone (Fire Records / Cargo)
Mit ihren Bands Throwing Muses und 50 Foot Wave hat Kristin Hersh ab Anfang der 90er-Jahre den Alternative- und Indierock mitgeprägt und gilt heute unwidersprochen als Ikone der Independent Music-Szene. Daneben veröffentlicht sie seit 1994 regelmäßig Solo- Alben, die sehr oft selbstreferenziellen und selbsttherapeutischen Charakter haben.
Ihr neues, mittlerweile dreizehntes Soloalbum „Sugar On Blackstone“, das in Zusammenarbeit mit ihren langjährigen musikalischen Weggefährten Rob Ahlers und Pete Harvey entstand, setzt den Weg der sehr persönlichen und zum Teil auch schmerzhaften Selbstentäußerung konsequent fort. Der musikalische Rückblick mit prägenden Momenten ihrer Kindheit und Jugend fällt im Gegensatz zum vergangenen Album „Clear Pond Road“ weniger verklärt und versöhnlich, sondern dunkler, unmittelbarer und schmerzlicher aus.
Die Erinnerungen an Bruder, Vater, Freunde, Nachbarn, Straßen, Parks und Häuser, an dysfunktionale Beziehungen, familiäre Brüche und erste Verlusterfahrungen bleiben zwar bruchstückhaft, entwickeln aber in den bildhaften, gleichzeitig düsteren, melancholisch-versponnenen und irgendwie doch hoffnungsvollen Texten von Kristin Hersh eine ungeheure Wucht und Dringlichkeit.
Die elf Songs auf „Sugar On Blackstone“ klingen unbehauen, expressiv und gleichzeitig nahbar und einnehmend, was wohl nicht unwesentlich mit der reduziert-spröden Klangästhetik und der minimalistischen Instrumentierung zusammenhängt.
E-Gitarre, Schlagzeug und gelegentlich ein Cello genügen, um den ungeschliffen-erdigen Folkrockklängen, die Hersh gerne mit Grunge- und Psychedelic-Touch ausstattet, Wucht und Dringlichkeit zu verleihen.

Eine Ikone der Indie-Szene: Kristin Hersh (© Pete Mellekas)
Rob Ahlers von 50 Foot Wave besorgt die Schlagzeugarbeit, während Pete Harvey von den Throwing Muses für die prägnanten Cello-Klänge sorgt. Im Mittelpunkt steht aber Hershs charakteristische Stimme, die zwischen spröder Intimität und dringlicher Intensität changiert.
Die mittlerweile sechzig Jahre alte, in New Orleans lebende Kristin Hersh hat nichts von ihrer musikalischen Strahlkraft verloren und mit „Sugar On Blackstone“ ein tolles Soloalbum veröffentlicht, dem es gelingt, einen schonungslosen Rückblick auf Kindheit und Jugend mit einem hoffnungsvollen Blick in die Zukunft zu verknüpfen. Anspieltipps: „Dark Eyed Junco“, „Dom In Orange“, „Moths“ und „101 Run“.

Kristin Hersh: Sugar on Blackstone (Fire Records / Cargo)



