Vier Fäuste für ein Wiederhören
Die vier noch aktiven Original-Mitglieder von Faust legen auf vier solo kuratierten Alben ihren individuellen Zugang zur Musik der epochalen Krautrock-Band dar.

FAUST im Uhrzeigersinn: Werner „Zappi" Diermaier, Gunther Wüsthoff, Hans-Joachim Irmler, Jean-Hervé Péron (© Geboren Wustmann)
Die Alliierten bezeichneten die deutschen Soldaten im zweiten Weltkrieg ob ihres vitaminreichen Sauerkrautverzehrs als „Krauts“. Auf dem Debut „Psychedelic Underground“ von 1969 der aus München stammenden Band Amon Düül gab es einen Song mit dem Titel „Mama Düül und ihre Sauerkrautband spielt auf“. Und 1973 eröffnete die Gruppe Faust ihr Album „Faust IV“ mit dem 12minütigen Titel „Krautrock“.
Der ursprünglich abwertend gemeinte Name, mit dem insbesondere die britische Musikpresse die experimentelle deutsche Rockmusik der frühen 70er-Jahre verunglimpfte, ist im Laufe der Zeit zu einem anerkannten Genre geworden.
Wesentlich geprägt hat es der Toningenieur Conny Plank, der 1970 den „Kraut“-Musikverlag gründete und u.a. Bands wie Neu!, Kraftwerk und eben Faust produzierte und abmischte.
Gesucht war: Eine deutsche Band à la Beatles
Im Gegensatz zu den anderen großen Krautrock-Bands Neu! und Can gibt es Faust immer noch. Der Journalist und Schriftsteller Uwe Nettelbeck hatte vom Label Polydor Ende der 1960er Jahre den Auftrag erhalten, eine deutsche Band à la Beatles zusammenzustellen.
Er wurde fündig: Faust wurde 1970 aus der Vereinigung der Bands Nukleus (Jean-Hervé Péron, Rudolf Sosna, Gunther Wüsthoff) und Campylognatus Citelli (Werner „Zappi“ Diermaier, Hans-Joachim Irmler und Arnulf Meifert) geschmiedet.
Mit den Beatles hatte die Formation freilich nichts gemein. So wurde das erste in einem umgebauten Schulhaus in Wümme eingespielte, selbstbetitelte Album eine in Facetten dadaistische, an den Fluxus angelehnte musikalische Impression.
Es folgte bei Polydor noch das etwas zugänglichere „So Far“, dann zog es Faust nach England, wo die Band für Virgin Records zwei Alben aufnahm.
Das fünfte Album („Punkt“) entstand in München, sollte allerdings erst 2022 erscheinen, da Virgin-Chef Richard Branson 1975 nicht bereit war, für die Rechnung des Tonstudios aufzukommen.
Damit hatte es sich vorerst ausgefaustet, auch wenn Faust schon damals Bands wie Swell Maps beeinflusste und als Mitbegründer des Industrial gelten darf.
Reunion in den 90ern
Anfang der 1990er Jahren kamen Péron, Diermaier und Irmler für ein Konzert in der Prinzenbar in Hamburg wieder zusammen. Eine Tournee in den USA folgte 1994, ebenso wie das Album „Rien“, produziert von Jim O’Rourke. Meifert war bereits in den 1970ern wegen musikalischer Differenzen ausgestiegen. Sosna fand Anfang der 1990er Jahre kurz zur Band zurück, war aber wegen seines Alkoholismus nicht in der Lage, wieder voll einzusteigen. Er starb 1996.

Die Urfaust: Werner „Zappi“ Diermaier, Jean-Hervé Péron, der verstorbene Rudolf Sosna, Gunter Wüsthoff, Hans Joachim Irmler, Arnulf Arnulf Meifert; vorne am Pult: Ihr Entdecker und kurzeitiger Produzent Uwe Nettelbeck und sein Studio-Gehilfe Kurt Graupner (© Wikipedia)
Aber Faust arbeitete von nun an mehr als Konzeptband mit wechselnden Musikern und Kernkompetenzen. So war Péron bei „Ravvivando“ (1999) nicht dabei, „Faust Is Last“ (2010) war ein Projekt von Irmler – ohne Diermaier oder Péron – und 2014 erschien „j US t“ (lies: „just us“) unter der Ägide von Péron und Diermeier. Zuletzt arbeiteten Wüsthoff und Diermeier bei den Alben „Daumenbruch“ und „Blickwinkel“ zusammen.
Somit dürfen die vier Neuerscheinungen, jeweils kuratiert von einem der vier Gründungsmitglieder, auch als vier individuelle Interpretationen des Faustoversums gelten.
Diermaier: Psychedelische Reise
Da wäre zunächst das Album „Gugaruz“ von Diermaier, was im oberösterreichischen Dialekt – Diermaier stammt aus dem im Mühlviertel gelegenen Gutau – den Mais bezeichnet.
Stilistisch hätte es indes gut in die „Armenia“-Phase der Einstürzenden Neubauten gepasst, so sehr vermischen sich hier experimenteller Noise und psychotische Klänge. Gleich im Anschluss erinnert „Big Field“ an die ausufernden Kompositionen der Swans der letzten Jahre, wobei Diermaier mehr auf Tanzbarkeit denn auf Lärm setzt.
Diermaier hat, wie auch bei „Blickwinkel“, wieder mit Elke Drapatz (monobeat original) und Dirk Desselhaus (Schneider TM) zusammengearbeitet. Das Album entstand innerhalb von eineinhalb Tagen im ZONE Studio in Berlin mit Desselhaus am Bass, Diermaier an den (improvisierten) Percussions. Drapatz war für die Drumeffekte und Trigger-Module zuständig. Overdubs der Experimental-Musiker Uwe Bastiansen und Ilpo Väisänen sowie Fieldrecordings ergänzen die Instrumente.
Das Ergebnis ist eine vom Schlagzeug getriebene, in Teilen psychedelische Reise, die sich weite Landschaften zum Vorbild nahm, um die Instrumente in Resonanzräume zu versetzen.
Péron: Nachdenklich, zuweilen auch humorvoll
Einen anderen Ansatz wählte Péron. „MOI“, das zunächst einmal so verstanden werden könnte, als werde das Ich ins Zentrum gerückt, betont im Gegenteil die Kollaboration. Mehr als zwanzig Musiker beteiligten sich bei diesem Projekt, das innerhalb von zwei Wochen eingespielt wurde.
„MOI“, das auch „Maybe of interest“ heißen kann, enthält einige von Pérons Ideen, die er über einen längeren Zeitraum entwickelte. „Are You ready to dance?“ heißt es in „Diabolus in Musica”, einem irrwitzigen, an Musicals erinnerndem Dramolett.
Péron mixt nach Belieben Collage, Spoken Word, Gedichte, Chanson, Ballade, Jazz, Fragmentarisches und rhythmische Elemente in französischer, englischer und deutscher Sprache: „Energie fließt von Kopf bis Fuß“ („Splash!“).
Politisch wird es gegen Ende in „Writing On The Wall“: „Wie soll ich mich auf ein Thema konzentrieren, während die Außengrenzen meines privilegierten weißen Arsches immer mehr zur Todeszone werden?“, heißt es in einem Text gegen Abschiebungen und Zwangsidentitäten.
Pérons FaUSt-Interpretation steht, nachdenklich, zuweilen träumerisch wie auch humorvoll, ganz im Zeichen der Kollaboration. Daher ist auf dem Cover im Bandnamen das „US“ – „wir“ – auch groß geschrieben.
Irmler: Kompromissloser Experimentierraum
Irmlers „Ungebunden“ wirkt von Beginn an wie ein tonales, von Synthesizern dominiertes Ausforschen. Diametral dem Ansatz Pérons entgegengesetzt hat Irmler über einen Zeitraum von drei Wochen alles allein eingespielt.
Die Titel „Gefallen“, „Zerfallen Teil 1“, „Zerfallen Teil 2“ und „Auseinanderfallen“ legen eine disruptive Motivlage nahe.
„Gefallen“ entwickelt einen Strudel tänzelnder Töne – unterbrochen von Schlagzeugeinbrüchen, Noisegeräuschen und Klaviersequenzen. Klanglich überwiegen Orgeltöne, die der Szenerie etwas Sakrales und zugleich Gespenstisches verleihen.
„Zerfallen Teil 1“ setzt den Aufprall mit einem Erwachen aus einem benommenen Zustand fort, mal harmonisch heilend, mal schmerzhaft desorientiert. „Zerfallen Teil 2“ gipfelt dann in einem disparaten, verspielten Gewusel aus elektronischen Tönen, die wie eine Vertonung von mikroorganischen Bewegungen klingen. Und in „Auseinanderfallen“ präsentiert sich Musik wie ein Wabern und kosmisches Rauschen, das bleibt, wenn die Musik zwar noch nicht fort ist, sich aber auf den Weg zu einer langen Reise begibt.
„Ungebunden“ repräsentiert Faust als kompromisslosen Experimentierraum.
Wüsthoff: Kaleidoskop stilistischer Vielfalt
Wüsthoffs faustische Begehung „Fliegen lernen“ beginnt tänzelnd und ähnelt in Ansätzen der Berliner Band Mutter („Hörst du die Schritte“). Wie Diermaier setzt er auf ein Bandformat, in dem Onnen Bock und Gunther Buskies (Gründer von Tapete Records und Bureau B) zentrale Rollen zukommen.
Überhaupt überwiegt das Verspielte und Leichte in ihren Kompositionen, die überraschenderweise auch Poppiges nicht scheuen („Down, Down And Come To Me“).
Klassisch faustisch wird es dann bei der Meditation zu „Sandra tanzt“. Auch hier darf zwar Rhythmisches den Takt angeben, aber Musik wird mehr als Klangwolke zelebriert. Der zweite Teil des Albums kokettiert mit Minimalismen, in denen Wiederholungen und Schleifen dominieren („Sendepause“, „Erstbesteigung“). Zum Schluss wird es dann aber mit „Ganz gut, oder?“ noch einmal schwungvoll.
„Fliegen lernen“ verortet Faust als Kaleidoskop stilistischer Vielfalt.
Was letztlich auch programmatisch für ein Konzept steht, das vielfältige facettenreiche Zugänge zur Musik offeriert, mal in einem Ensemble dargeboten, mal als einsame Meditation, mal von Distorsion gekennzeichnet, mal treibend und tanzbar. Jeder/Jede kann sich seinen/ihren Faust aussuchen – oder auch Faust im Plural: Ohne Fäuste wäre weniger Welt.

FAUST im Uhrzeigersinn: Werner „Zappi" Diermaier, Gunther Wüsthoff, Hans-Joachim Irmler, Jean-Hervé Péron (© Geboren Wustmann)
Faust können legitim als Wegbereiter des Industrial eingestuft werden und haben Bands wie Swell Maps maßgeblich beeinflusst.



