Verzauberung vom Immergleichen

Alt, aber gut: Auf diese simple Kurzformel kann man „Foreign Tongues“ und „Splat!“, die neuen Alben der Rolling Stones und von Deep Purple, bringen, wenn man das eine oder andere Auge zudrückt, die Ohren aber offen hält.

Von
12. Juli 2026
Rolling Stones, Deep Purple

Rolling Stones: Foreign Tongues (Polydor/Universal)

Der US-amerikanische Schriftsteller Dave Eggers hat in einem Interview mit der deutschen Wochenzeitung „Die Zeit“ kürzlich erklärt, warum er seine postmodernen Versuche früherer Jahre eingestellt hat – und zur traditionellen Erzählweise zurückgekehrt ist (wie etwa in seinem aktuellen Roman „Contrapposto“).
Sein Entschluss fußt auf der Erkenntnis, dass sich der Roman als vielleicht klassischste aller Kunstformen trotz aller Experimente nicht allzu groß verändert hat („er wurde eher konservativer in den vergangenen 30 Jahren“) – und auch weil sich die Erwartung der Leser nicht groß verändert hat: „Die Leser wollen sich von der Geschichte und den Figuren verzaubern lassen. Ich kam erst spät zu der harten Einsicht: Das ist der Grund, warum die meisten Menschen lesen. Dieses besondere Erlebnis, in die Welt der Figuren einzutauchen.“ Konzeptkunst hingegen berühre niemanden: „Weil das Konzept die Geschichte, Figuren, Gefühle erdrückt.“

Angst vor buchstäblich Unerhörtem

In der Pop- und Rockmusik ist das nicht viel anders. Auch da hält sich das Bewährte, das immer aufs Neue Wiederholte, Schematisierte vor allem deswegen so gut, weil die Publikumserwartung dem Gewohnten und Wiedererkennbaren den Vorzug gibt vor allem Neutönerischen und buchstäblich Unerhörten. Und damit sind wir schon bei den Rolling Stones – und der Frage, warum es diese Band nach über 60 Jahren noch immer gibt. Es gibt sie, weil noch immer eine unerhörte Nachfrage nach ihr besteht (was auch demografische Gründe hat).

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Und deswegen gibt es nun auch ein neues, das insgesamt 25. Album der Rolling Stones. Denn ein bisschen Neues muss von Altem – und Alten (so darf man die Herren Jagger, Richards und Wood – 82, 82, 79 – schon bezeichnen, ohne respektlos zu sein) gelegentlich schon auch kommen. Und die Abstände werden – aus lebenszeitlich nachvollziehbaren Gründen – knapper. Daher folgt knapp drei Jahre auf „Hackney Diamonds“ (2023) jetzt eben „Foreign Tongues“, wiederum produziert von Andrew Watt, der mit 35 Jahren locker als Enkel der Rock-Opas durchgeht.

Melodieseliger Refrain-Pop mit Paul McCartney

Das Erstaunlichste an diesem (& diesen) immer Wiederkehrenden ist freilich, wie gut das immer noch funktioniert. Denn „Foreign Tongues“ ist eine überraschend gute Platte geworden, die aus lauter bekannten Zutaten & Versatzstücken eine erfrischende & belebende musikalische Mixtur zaubert. Das stets Gleiche wird bei den Stones immer wieder kreativ neu grundiert und zusammengesetzt.
Es gibt räudigen Blues (gleich eingangs mit „Rough And Twisted“), es gibt Disco-Funk („Jealous Lover“), Country („Ringing Hollow“) und mit „Covered In You“ einen melodieseligen Refrain-Pop, wie man ihn – das bestätigt auch Mick Jagger in einem Interview für den „Rolling Stone“ – so von ihnen noch nie gehört hat.

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Mag sein, dass da auch das Mitwirken von Paul McCartney (auch so einem stetigen Wiedergänger, wie sein heuriges, übrigens ebenfalls von Andrew Watt produziertes Album „The Boys Of Dungeon Lane“ zeigt) eine Rolle gespielt hat, der jedenfalls einen wunderbar groovigen Bass beisteuert. Weitere prominente Mitstreiter auf dem Album sind u.a. Steve Winwood an diversen Pianos, Orgeln und Synthies (das einstige „Pop-Wunderkind“ ist mittlerweile auch schon 78), Robert Smith von The Cure und Bruno Mars, deren gesangliche Beiträge allerdings nicht wirklich erkennbar sind.

Keith Richards als Sänger – ein Höhepunkt!

Auch zwei Coverversionen gibt es auf „Foreign Tongues“: einerseits „You Know I’m No Good“ von Amy Winehouse, das Jagger tadellos performt, andererseits „Beautiful Delilah“ von Chuck Berry als reduzierten Blues-Shout, in den Keith Richards verschlurft-verschleppte Slideguitartöne einspeist. Und weil Richards sich aufgrund von Arthritis mit dem Gitarre spielen zunehmend schwer tut (weshalb eine weitere Stones-Tournee zurzeit eher unwahrscheinlich ist), darf er auch auf diesem Album wieder einmal singen. Und das ist der eigentliche Höhepunkt: Denn wie gefühlvoll der rundum Zerknautschte auf dem zarten Song „Some Of Us“ dahinschnurrt, das rührt schon sehr (und schwer) – und erinnert im Timbre an den großen, spät wiederentdeckten und 2025 verstorbenen britischen Sänger (und Pianisten) Bill Fay. Bitte künftig wieder mehr davon!

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Die große Ballade, die auf einem echten Stones-Album natürlich auch nicht fehlen darf, heißt hier „Back In Your Life“ – und sie hätte auch schon in den Siebzigern gute Figur gemacht. Mick Jagger bleibt auch in diesem Genre perfekt in Schuss, genauso wie Ronnie Wood, der – auf Jaggers ausdrückliche Aufforderung „Come on Ronnie“ – ein klassisches Gitarrensolo dazwischenzirpt.

Bleibt noch „Mr. Charm“ zu erwähnen – vor allem, weil der ansonsten eher diplomatisch zurückhaltende Jagger in diesem Song einmal explizit wird und gegen Autokraten und speziell Elon Musk stichelt. Das kann man natürlich, wie etwa die „Süddeutsche“, auch spöttisch betrachten, wenn „sich die drei reichen Männer über die noch schlimmeren Millionäre lustig machen…“

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Sonst gibt es allerdings nicht viel zu spötteln bei diesem Album – außer vielleicht, dass das „offizielle“ Video zu dem Song „In The Stars“ nicht – wie etwa der Albumtrailer (siehe oben) – die alten Herren bei der Arbeit, sondern jugendliche Avatare beim gelenkigen Spaßhaben und ekstatischen Herumhampeln zeigt. Das hätte nicht sein müssen.

Klangüppig und knochentrocken

Apropos Alter: Ian Gillan, Leadsänger von Deep Purple, ist mit bald 81 Jahren nur zwei Jahre jünger als Mick Jagger – und in stimmlich ähnlich guter Verfassung wie sein Landsmann. Das zeigt auch „Splat!“, das Anfang Juli neu erschienene (und insgesamt 23.) Studialbum der britischen Hardrock-Legenden, die sich durchaus in einigen Bereichen mit den Stones messen lassen können. Auch hier sind es drei in Würde gealterte Herren der einstigen Stammbesetzung (neben Gillan noch Bassist Roger Glover, 80, und Drummer Ian Paice, 78), die nach wie vor aktiv sind. Und auch sie haben noch Spaß an der Sache, die freilich stilistisch deutlich limitierter ist als bei Jagger, Richards & Wood. Bei Deep Purple wird nicht nur nichts neu erfunden, sondern auch nichts neu adaptiert oder zusammengesetzt: Da wird – in bester klangkonservativer Manier – munter drauflosgerockt, wie schon all die Jahrzehnte zuvor, aber eben mit Betonung auf munter.

Deep Purple: Splat! (earMusic / Edel)

Deswegen hat man sich auch keinen deutlich jüngeren Produzenten wie Andrew Watt geholt, sondern mit Bob Ezrin, 77, auf jenen gestandenen Gestalter gesetzt, der schon die vergangenen fünf Deep-Purple-Platten regeltechnisch betreut hat. Deutlich jünger ist nur Simon McBride, 47, der mittlerweile vierte DP-Gitarrist, der 2022 den hochvirtuosen Steve Morse abgelöst hat. Und er fügt sich, genauso wie der schon länger als Jon-Lord-Ersatz tätige Don Airey an den Keyboards, prächtig in den zwar klangüppigen, riff-technisch aber knochentrocken gebliebenen Gesamtsound der seit 1968 bestehenden Band.

Gecovert wird hier generell nichts, man holt sich Anregungen aus der eigenen Geschichte, weshalb Ian Gillan das Material des neuen Albums auch durchaus für kompatibel mit einstigen Hits wie „Highway Star“, „Smoke on the Water“ oder „Lazy“ hält, wie er auf der bandeigenen Website kundtut: „… the dynamics, the balance, and the fun of the music we made from ‘69 to ‘73.”

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Eine Nummer wie „Diablo“ mag, als pars pro toto, exemplarisch für das von Gillan ziemlich vollmundig Behauptete stehen. Und es ist fürwahr nicht der einzige der insgesamt 13 Songs von „Splat!“, die sich mit einstigen DP-Großtaten vergleichen lassen können („Arrogant Boy“, „Jessica’s Bra“ – mit einem verblüffend nach Jethro Tull klingenden Intro – und „The Only Horse In Town“ sind weitere empfehlenswerte Tracks auf dieser Platte).

Anders als die Stones sind Deep Purple auch heuer wieder auf Großtournee (dieser Tage spielen sie – zum bereits elften Mal – beim Jazz Festival in Montreux, mit welchem Ort sie dank „Smoke On The Water“ ja historisch innig verbunden sind), und am 5. Oktober machen sie in der Wiener Stadthalle Station.

Rolling Stones, Deep Purple

Rolling Stones: Foreign Tongues (Polydor/Universal)

„Foreign Tongues“ ist eine überraschend gute Platte geworden, die aus lauter bekannten Zutaten & Versatz- stücken eine erfrischende & belebende musikalische Mixtur zaubert. Das stets Gleiche wird bei den Stones immer wieder kreativ neu zusammengesetzt.