Ekstasen für Ausdauernde

Die New Yorker Radikal-Rock-Band Swans hat ein neues Album herausgebracht. Es heißt „Newly Sentient Being", hat eine Spielzeit von 2:40 Stunden und enthält fünf Songs, von denen drei über eine halbe Sunde und deren zwei „kürzere" jeweils knapp eine Viertelstunde lang sind. Manchmal sagen Zahlen mehr als 1000 Worte.

Von
4. Oktober 2026
Swans

Swans: Newly Sentient Being (Mute / Young God Records)

Wer das Vergnügen hatte, Swans auf ihrer letzten Tournee live zu sehen, kam in einen leicht irritierenden Genuss: Michael Gira, Frontmann der Band, war für seine Verhältnisse gut gelaunt und (relativ) frei von messianischem Eifer. Dazu passte es, dass der Song „The Merge“ vom letzten Studioalbum „Birthing“ (2025) zum tanzbarsten Stück (zumindest die ersten 15 Minuten) seit „The Sound“ (1996) geriet.
Vielleicht war Gira deshalb so entspannt, weil er sich vorgenommen hatte, Swans als ausuferndes Projekt mit stetig anschwellenden Soundwällen bis zur Grenze des Erträglichen nun endgültig zu beenden. Dies war die letzte Swans-Tour als Big Band, so hieß es.

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Das hatte sich Gira nach der Tour zu „The Glowing Man“ (2016) indes schon einmal vorgenommen, aber der Vorsatz währte nicht allzu lang. Das Album „Leaving Meaning“ (2019) wartete mit umfangreichem Gästeeinsatz auf (u.a. mit Anna von Hausswolff und Ben Frost) und spätestens mit „The Beggar“ (2023) und dem über 43 Minuten langen „The Beggar Lover (Three)“ hatte sich der Vorsatz erledigt.

Kompromisslos und brachial

Ende der 1970er-Jahre fanden sich Michael Gira und Jonathan Kane bei der Band Circus Mort zusammen und nahmen ein paar No Wave/Post-Punk-Stücke auf. Die Band löste sich nach kurzer Zeit wieder auf und Gira und Kane gründeten 1982 Swans.
Swans waren von Beginn an kompromisslos und brachial, mit einem Gira, der mehr schrie als sang, und dröhnendem, monotonem Schlagwerk.
Bei der folgenden Savage Blunder Tour, die Swans zusammen mit Sonic Youth unternahmen, war es, wie sich Thurston Moore, Gitarrist bei Sonic Youth, erinnerte, keine gute Idee, nach Swans aufzutreten, denn im Prinzip war der Abend dann gelaufen, so verstörend und überwältigend waren deren Auftritte.
Kanes Verbleib in der Band dauerte nur wenige Jahre. Gitarrist Norman Westberg, heute noch Teil der aktuellen Besetzung, stieß 1983 zur Band, 1985 Sängerin Jarboe, die immer noch als Solokünstlerin aktiv ist.

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Mit Jarboe wurden Swans etwas melodiöser und milder, ohne aber ihren Biss zu verlieren. Eine Ausnahme bildet das Album „The Burning World“ (1989), das mit Orchester auffuhr und sanfte Töne anschlug. Kristof Hahn, der ebenfalls zur aktuellen Besetzung gehört, spielte von 1989 bis 1992 einen Part im Swansuniversum wie auch bei Angels of Light, einer Neofolkband, die Gira 1998 gründete und die bis 2007 aktiv war.

Das vorläufige Ende von Swans markierten drei Alben: „Soundtracks for the Blind“ (1996), das zunächst nur in Deutschland veröffentlichte „Die Tür ist zu“ (1996) und das Live-Album „Swans Are Dead“ (1997). Damit waren Swans vorerst Geschichte.

Reanimation 2010

Gira widmete sich neben den Angels of Light Soloprojekten und einer Zusammenarbeit mit Dan Matz von der Band Windsor for the Derby.

2010 wurden Swans wiederbelebt. Seitdem gab es sieben Studio-Alben mit zum Teil ausufernden Längen und drei Live-Alben, denen mit „Newly Sentient Being“ nunmehr ein viertes hinzugefügt wurde.
Neben Westberg und Hahn sind hier Dana Schechter (seit 2020 am Bass und ein echter Gewinn), Phil Puleo, Chris Pravdica und Larry Mullins mit von der Partie.

Die aktuelle Besetzung, übersichtlich aufgefädelt (© Mac Janas)

Das neue Live-Album basiert auf einem Konzert, das am 28.11.2025 im Festsaal Kreuzberg in Berlin aufgezeichnet wurde. Die ursprüngliche Setlist der Tournee sah als vierten Song „Little Mind“ vor, doch nach dem Konzert in Mailand am 4. November hatte Gira Probleme mit seiner Stimme und der Song flog aus dem Programm. Auch „A Litttle God In My Hands“, fünfter Song der ursprünglichen Setlist, wurde für die Veröffentlichung nicht berücksichtigt.
Das Besondere von Swans-Konzerten besteht indes darin, dass sie eigentlich kaum Songs ihrer Alben wiedergeben und wenn, so auf umkomponierte, erweiterte Weise. Vielfach präsentieren sie jedoch neues Material. Insbesondere gilt dies für das neue Album: Gleich drei der fünf Songs („The End of Forgetting“, „Newly Sentient Being“ und „The End of Regretting“) sind neu. „The Merge“ findet sich zwar auf „Birthing“, aber nicht in dieser manischen Version und „Paradise Is Mine“ („The Beggar“) bekam eine Auffrischung.

Aufwärmen, wo andere bereits aufhören

„Newly Sentient Beeing“ ist nicht einfach ein Album. Es ist ein Biest. Allein der erste Song, „The End of Forgetting“, dauert knapp 40 Minuten, gefolgt von „The Merge“ mit ebenfalls knapp 40 Minuten. Wo andere Bands bereits aufhören bzw. auf die Zugabe zusteuern, da haben sich Swans gerade mal aufgewärmt. Die drei längeren Songs sind Monolithen, die für sich allein schon für ein Album genügt hätten. Zusammen genommen sind sie sicherlich eine Herausforderung. Dagegen fallen die anderen zwei Songs mit je etwa 14 Minuten vergleichsweise kurz aus.

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Man braucht bei den Soundekstasen Geduld und Ausdauer. Und natürlich ist alles voll Noise und hübsch monoton. Aber diese Live-Einspielung ist vielleicht dasjenige Werk der Band geworden, das einer Symphonie am nächsten kommt. (Und insofern ist es wiederum schlüssig, dass „A Litttle God In My Hands“ vernachlässigt wurde, weil der Song konzeptionell anders strukturiert ist als das übrige Material.) Der Titelsong „Newly Sentient Beeing“ erweist sich dann mit knapp 54 Minuten als Monster. Die Musik wirkt verwunschen und klingt beizeiten wie eine nächtliche Verfolgungsjagd in einem Wald von Untoten, die einen Hauch Pink Floyd inhaliert haben. Wunderbar kann man sich in dieser Musik verlieren.

Aber das Album ist auch eine Mogelpackung: Bei „Paradise Is Mine“ wurden die Stimmen von Laura Carbone und Lucy Kruger hinzugemischt, die an diesem Abend aber gar nicht auf der Bühne standen. Das wäre verzichtbar gewesen. Das Konzert endete, wie alle auf der Tour, mit „Newly Sentient Being“, nicht so das Album, bei dem erst nach „The End of Regretting“ Schluss ist. Damit bekommt das Album jedoch ein musikalisches Ende, das an Kompositionen von Arvo Pärt denken lässt, die auch gern mal in „Stille“ auslaufen.
Wer musikalische Herausforderungen mag, wird mit einem der besten „Live“-Alben der Bandgeschichte der Schwäne belohnt.

Swans

Swans: Newly Sentient Being (Mute / Young God Records)

Diese Live-Einspielung ist vielleicht dasjenige Werk der Band geworden, das einer Symphonie am nächsten kommt.