Großes Kind & Hofnarr
Diese schlechte Welt macht Spaß (wenn auch keinen unendlichen): Carlo Karacho, der demnächst im B72 gastiert, führt das mit wendig-eklektischen Electro-Pop und originellen Texten auf seinem Album „Der letzte Ritt durchs Nadelöhr" vor.

Carlo Karacho: Der letzte Ritt durchs Nadelöhr (Bretford Records)
Selten macht Musik so viel Spaß wie hier: Intelligent, aber nicht im mindesten diskursiv; offensiv und entdeckungsfreudig, aber weit entfernt vom angestrengten und anstrengenden Habitus, der (wenigstens unterbewusst) mit dem Begriff „experimentell“ konnotiert wird.
Carlo Karacho ist Wahl-Berliner, heißt bürgerlich Carlo Vincent Metzger und ist dem optischen Anschein nach Mitte bis Ende 20.
Das klein wenig Information, das seinen Einträgen auf sozialen Medien zu entnehmen ist, suggeriert, dass Metzger in ökonomisch eher bescheidenen Verhältnissen leben dürfte und keinen Anschluss an chice Szenen sucht, sondern Zeitgenossen, mit denen er Spaß haben und auf den Putz hauen kann. Man kann davon ausgehen, dass ihn das Arbeitsmarktservice als „schwer vermittelbar“ einstufen dürfte.
„Die Magie, die ich suche, liegt in der Arbeit, die ich vermeide“ singt er vielsagend an einer Stelle.
Was sicher gesagt werden kann ist, dass er sehr fleißig Musik macht: In fünf Jahren hat Carlo Karacho neben zwei Singles fünf größere Songsammlungen gefertigt, die alle via Bandcamp angehört werden können.
Deren sechste, „Der letzte Ritt durchs Nadelöhr“, ist nun erstmals als Album bei einem richtigen Label (Bretford Records) erschienen.
Carlo Karachos Musik ist reichlich eklektisch. Zumeist wird sie als elektronisch und New-Wave-Ableger schubladisiert, macht aber Anleihen bei allem, was gerade des Weges kommt: Power-Pop, Reggae, Dub, Funk, Rock, Jazz, ab und an ein Hauch von TripHop.
In der frisch-frech-fröhlich-furchtlosen Art, in der er diese Vielfalt von Stilen aufgreift und verquirlt, erinnert Carlo Karacho ein wenig an Oliver Maurmann, den viel zu früh verstorbenen Kopf der Schweizer Rock-Band Die Aeronauten und die grandiosen, fantasievollen, eigenwilligen Solo-Alben, die dieser als GUZ herausgebracht hat. Hin und wieder ist sogar ein gewisse stimmliche Similarität zu bemerken.
Metzgers möglicherweise ähnlicher Zugang führt allerdings in eine deutlich andere Richtung, weil er klar Richtung Novelty Music geht und Repetition sein prononciertestes Stilmittel ist.
Organischer Appeal
„Der letzte Ritt durchs Nadelöhr“ ist die bislang vielseitigste und reichhaltigste Platte des Carlo Karacho und vermittelt – durch den sporadischen Einsatz von Gitarren, zusätzlicher Percussion und nicht zuletzt durch eine ziemlich üppige Produktion – einen organischeren Appeal als seine früheren Aufnahmen.
Der mitreißend funkige Quasi-Titelsong „Der erste Ritt durchs Nadelöhr“ weckt, freilich bereichert durch angeregtes spaciges Zischen und Wummern, glatt Erinnerungen an die große Zeit der Disco-Götter Chic.
Gleich darauf kommt mit „Unendlicher Strudel“ das musikalische Äquivalent eines solchen in Form einer (wenn auch nicht unendlichen) spiralförmig in sich selbst eindrehenden Keyboardschleife.
Dass sich Metzger gut auf das Verdichten von Dub und Reggae versteht, zeigt „Spiderman ist kein Pokemon“ und, mit viel stärkerem Spin Richtung Funk, auch in „Vom Fümwer“ (gemeint ist das Fünfer-Brettl vom Sprungturm im Schwimmbad).
Mit „Hostel“ und insbesondere dem schnellen „Weltschmerz“ hat die Platte auch zwei potentielle Pop-Hits.
Inhaltlich gibt sich Carlo Karacho als Mischung aus einem großen Kind, das die Eigentümlichkeiten der Welt bestaunt, und dem Hofnarren alter Sagen und Märchen, der Dinge sagen kann, die andere nicht aussprechen oder sich auszusprechen trauen.
Gerne verdreht er auch alte Sprichwörter, Stehsätze und Phrasen. Die Absichtserklärung „… will mal Kinder“ veralbert er zu „Micav will mal Hunde“.
Hinter dieser Fassade aus Naivität und Absurdität offenbart er aber eine abgefeimte Weltklugheit.
„An wen oder was denkst du wenn du tanzt / Bin es ich oder ist es das Finanzamt?“ räsonniert er in „Für immer“. „Die Welt tut weh / Doch Geld tut gut“, erkennt er in „Weltschmerz“, um am Ende die Antennen einzufahren und auf Tauchstation zu gehen: „Zwischen all der Verblödung und Zerstreuung (…) / Bin ich froh, dass die Zukunft noch nicht da war“.
Carlo Karacho tritt am 2. Mai im B72 auf.

Carlo Karacho: Der letzte Ritt durchs Nadelöhr (Bretford Records)
Zumeist wird Carlo Karachos Musik als elektronisch und New-Wave-Ableger schubladisiert, de facto ist sie aber reichlich eklektisch.



