Songs vom modernen Leben

Ein bestechendes Solo-Debüt legt Ex-Grant-Sänger Dima Braune, stimmlich gewandter denn je und unterstützt von erlesenen Hilfskräften, mit „Glücklich in blau“ vor.

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26. April 2026

Dima Braune: Glücklich in Blau (Feber Wolle)

Bemerkenswert häufig ergibt sich bei Solo-Alben von Frontfiguren großer Bands der etwas irritierende Eindruck, dass sie grosso modo das Gleiche machen wie im Ensemble, nur einfach besser.
Solche Werke – „Wildweed“ von Gun Club-Häuptling Jeffrey Lee Pierce etwa, „Candleland“ von Echo And The Bunnymen-Sänger Ian McCulloch, das unbetitelte Album von Talk Talk-Kopf Mark Hollis oder nicht zuletzt „Beatitude“, der erste Alleingang von Ric Ocasek (The Cars), muten unterschwellig an, als habe der Künstler einen Schleier abgeworfen und sei nunmehr befähigt, seine Vision klar zu sehen und ihr auch tatsächlich folgen zu können.
Was mich angeht, offenbart sich dieses Phänomen auch bei Tom Verlaine, obwohl die Pop-Mythologie dessen Solo-Platten als nachrangig gegenüber dem mit seiner Band Television gefertigten sogenannten Jahrhundertalbum „Marquee Moon“ taxiert.

In einem Café auf der 8th Avenue in New York hatte ich im schweinekalten Februar 1993 Gelegenheit, Verlaine zum Unterschied zwischen Band-Arbeit und Solo-Arbeit zu befragen.
Bands haben mehr Limitationen“, erklärte der 2023 verstorbene Sänger, Songwriter und Ausnahmegitarrist. „Für Solo-Platten holst du dir einen speziellen Drummer für ein bestimmtes Stück. Wenn der Drummer in der Band bestimmte Limitationen hat, funktioniert eine bestimmte Art von Song nicht oder nicht so, wie sie mit jemandem anderen funktionieren könnte. Das selbe mit Gitarristen: wenn der Gitarrist nicht sechs Akkorden folgen kann, dann tendierst du zu drei Akkorden (Lachen). Du kannst nur so schnell sein, wie der langsamste ist.“

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Ungefähr das erklärt, warum Dima Braunes Solo-Album „Glücklich in Blau“ noch besser ist als seine ohnedies formidable Arbeit im Indie-Rock-Quintett Grant.
„Glücklich in Blau“ ist der tatsächlich glückliche Fall, dass an jedem neuralgischem Punkt der richtige Akteur* eingesetzt ist und, wie die Phrasologie so lieb sagt, Mehrwert generiert.

Ein Saxophon-Motiv für die Ewigkeit

Die famose Julia Reißner, Sängerin und schöpferische Kraft der Formation Das Schottische Prinzip, bereichert „Nichts Schönes sehen“ um ein Saxophon-Leitmotiv, das jenem von „Baker Street“ in nichts nachsteht, gibt im von ihr mitgeschriebenen „Swarovski Steine im Asphalt“ eine Art Schattenstimme und steuert zu „Safespace“ ein impressionistisches wie auch impressives Klavier bei.

Der Vorarlberger Indie-Newcomer Havarie ist als Co-Autor zweier Stücke angeführt, in denen er Braunes eher kantigen Gesang mit sonorer Hintergrundstimme austariert. Franz Hopfgartner von der niederösterreichischen Indie-Band NEPS gibt in „Zahl den Doktor“ einen Zeitgenossen, den man je nach Gutdünken für einen Psycho oder für eigentlich ganz normal halten kann.

Keinen Moment lang übrigens tut diese von Gitarren dominierte Musik, die sich vermutlich gerne an den Smiths und hin und wieder wohl auch an den Libertines orientiert, so als wolle sie die Geschichte der Rockmusik um- oder neu schreiben. Sie muss das gar nicht, denn ihre Klarheit, ihre zugespitzte Konzentration verleiht ihr eine Energie, die noch lange nach dem letzten Ton nachschwingt. Das ist wesentlicher als jegliche Chimäre von wegen „innovativ“ oder Ähnlichem.

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Und dabei wurde bis jetzt wurde noch gar nichts über die Texte gesagt!
Dima Braune gilt flächendeckend als einer der besten Texter dieses Landes. Als „Sprachkünstler“ bezeichnet ihn Paul Buschnegg, Frontmann von Pauls Jets.
Irgendwo trifft es dieser Terminus tatsächlich. Wer in gereimter Form eine völlig intelligible Geschichte wie in „Kulturadel“ erzählen kann, dem wurde bei der Vergabe von Sprachvermögen eindeutig nichts vorenthalten.
Du willst Geld machen mit Musik / Mach alles mit Musik außer Musik“ – so fängt eine gleichermaßen scharfsichtige wie -züngige Abrechnung mit ein paar Figuren des Pop-Business an: etwa den Promotern, aber auch unsereins, den Journalisten. Die sich nur gegen umfangreiche Gratis-Verköstigung herablassen, irgendwo zu erscheinen, in Fünf-Sterne-Hotels abzusteigen geruhen, sich als Kuratoren wichtig machen. Und die fuchtig werden, wenn Karrierewege von Musikern irgendwann abseits ihrer Einflusssphäre verlaufen: „Wird mal ein Act bekannt / Dann hast du´s immer schon erkannt / Schreibst frei und voller Wut / Der Act ist heute nicht mehr gut“.**

„Nichts Schönes sehen“ – ein superschöner Song, der schönste des Albums vermutlich – erkennt oder behauptet zumindest die Existenz von Wert selbst in banalsten Sphären / Ambiente / Produkten / Werken und sieht mit gewissem dialektischen Geschick das Gute im Trüben: „Wenn du niemanden hast / Lässt dich keiner im Stich.“

Paul Buschnegg nennt ihn einen „Sprachkünstler“ und „verquerten Chansonnier“: Dima Braune (© Lucy Animashaun)

In „Zahl den Doktor“ werden zeittypische Neurosen und Fehlleistungen, ihre (falschen) Diagnosen und (logisch ebenso falschen) medikamentösen Therapien behandelt.
Der Song handelt vom modernen Leben!“ schreibt Braune in jenem scheinnaiven Tonfall, der zum Beispiel auch das schriftliche Werk des Austrofred (Franz Adrian Wenzl) charakterisiert, und der noch einige Male auf seinem sehens- und vor allem auch lesenswerten Instagram-Account auftaucht.

Coole Lässigkeit

Und dann noch dieser Gesang!
Braune singt wie niemand anderer in Österreich (oder sonstwo). Das konnte bei Grant früher durchaus irritierende Momente erzeugen, wenn sich seine ungeniert provinzdialektale Artikulation mit ebenso ungeniert sophistischen Inhalten zu schlagen drohte.
Nicht dass Braune nun etwa dieser Art der Artikulation abgeschworen hätte. Aber er hat sie in einem Sog cooler Lässigkeit, durch den vielleicht ein paar zusätzliche Jahre Lebensweisheit wehen, kanalisiert.

„Kulturadel“ ist das vermutlich treffendste Beispiel, was dabei herauskommen kann: Der Vortrag bahnt sich so ungerührt seinen Weg durch das pulsierende, von einem pumpenden Bass getriebene Szenario von Widerlichkeiten, als gleite ein E-Boot von der Alten Donau ohne jedwede Erschütterung durch stürmische Meereswellen.

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Braune vermag auch tiefe Anteilnahme zu vermitteln, wie etwa „Nichts Schönes sehen“ eindrücklich vorführt, und in Songs wie „Glücklich in Blau“ und dem satten Rhythm and Blues-Hammerl „Du bist schuld“ sogar ein paar Momente von Rock-Hysterie zelebrieren.
Und wie Braune das Wort „Geeeeld“ betont und auseinanderzieht, wenn er in „Safespace“ singt, „Wenn du Geld brauchst / schau nicht so fertig aus“, klingt es, als sei schon der bloße Gedanke daran ein Affront gegen den guten Geschmack. Was für eine Platte!

Release-Konzert: 30.4., Rhiz, ab 19.00 Uhr

*Weibliche Form mitgemeint
**Es gibt solche Typen. Wenn auch nicht in unserem Soziotop.

 

 

Dima Braune: Glücklich in Blau (Feber Wolle)

Ihre Klarheit, ihre zugespitzte Konzentration verleiht der Musik eine Energie, die noch lange nach dem letzten Ton nachschwingt. Das ist wesentlicher als jegliche Chimäre von wegen „innovativ“ oder Ähnlichem.