Messe für ein unbekanntes Genie

Im Zeichen des unglücklichen US-Songwriters Jackson C. Frank stehen zwei Österreich-Auftritte des hochkarätigen Duetts Mick Harvey & Amanda Acevedo.

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21. April 2026

Mick Harvey & Amanda Acevedo: Golden Mirrors: The Uncovered Sessions Vol. 1 (Mute)

Obwohl er im allerengsten Sinn lediglich Sidekick von Gottheiten des abgründigen Rock – Nick Cave, PJ Harvey oder auch Simon Bonney – war, ist Mick Harvey eine Legende von eigenen Gnaden. Werke der Genannten wären – egal ob als Solo-Arbeiten oder im Namen von Ensembles wie The Birthday Party, The Bad Seeds oder Crime & The City Solution verkauft – ohne die Beiträge des vor 67 Jahren im australischen Rochester geborenen Multiinstrumentalisten, Sängers und Songwriters nicht das geworden, was sie sind.

Harvey ist hat mehr Preise und Ehrungen bekommen als Harald Mahrer Ämter kumuliert, er hat für unzählige andere Künstler produziert, etwa für seine Landsleute The Cruel Sea, Robert Forster, Roland S. Howard und natürlich für PJ Harvey, und er bringt es auch auf einen imposanten Werkkatalog unter eigenem Namen.

Dieser weist ihn zum einen als fähigen Komponisten und Sänger mit Instinkt für Klangfarben und atmosphärische Arrangements aus; zum anderen aber auch als rührigen Wurzelforscher: So hat er etwa beträchtliche Teile des Werks des französischen Komponisten und Chansonniers Serge Gainsbourg ins Englische übertragen, aber immer wieder auch den Fundus hauptsächlich amerikanischer Songwriter/innen wie Tim Buckley, Lee Hazelwood, Emmylou Harris oder Jeffrey Lee Pierce angezapft.

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2023 hat er sich für so ein Wurzelprojekt erstmals zu einem Duett mit der mexikanischen Sängerin und Filmemacherin Amanda Acevedo zusammengetan: Auf „Phantasmagoria in Blue“ interpretieren Harvey und Acevedo Songs von u.a. Tim Buckley, Pat Benatar und Jackson C. Frank.

Ganz im Zeichen des unglücklichen Frank, der als Kind durch einen Unfall an seiner Schule nicht nur körperlich schwere Verletzungen davontrug, der Depression verfiel und 1999 im Alter von 56 Jahren starb, stand 2025 eine weitere Kooperation des Duos: Auf „Golden Mirrors: The Uncovered Sessions Vol. 1“  interpretieren die beiden die Songs von Franks einziger je veröffentlichter, unbetitelter LP von 1965.

Cover von Jackson C. Franks einziger LP (© Wikipedia)

Wie hoch Frank, der nie größeren kommerziellen Erfolg hatte, von namhaften Kollegen eingeschätzt wurde, zeigte sich etwa darin, dass Paul Simon seine Platte produzierte und u.a. Simon and Garfunkel, die Counting Crows, Mark Lanegan, Sandy Denny und Nick Drake Songs davon interpretiert haben.

Harvey & Acevedo, die übrigens entfernt an Margo Timmins (Cowboy Junkies) erinnert, werden der düsteren Klasse des Materials mit ergreifenden Duett-, bisweilen auch Dialoggesängen, gelassenen Gitarren, voluminös-feierlichen Orgeln und akzentuierenden Hintergrundstimmen gerecht. Wie eine Messe für ein verkanntes, besser gesagt: unbekanntes Genie mutet das an – wunderschön und ziemlich erschöpfend.
Zwei Gelegenheiten, mitzuzelebrieren, gibt es demnächst in Österreich: In Wien im Theater Akzent, der schönsten intimen Konzertlocation der Stadt, am 23.4., und am 24.4. im Kino Ebensee. Auch Material aus „Phantasmagoria in Blue“ sowie aus Harveys Soloalbum „Five Ways to Say Goodbye“ (2024) wird zur Aufführung kommen.

Stilgefühl: Acevedo & Harvey (© Matthew Elllery)

PS: Das soll´s für Mick Harvey und Amanda Acevedo noch nicht gewesen sein mit der Zusammenarbeit: Sowohl sollen die „Uncovered Sessions“ im Zeichen anderer Songwriter weitergehen wie auch bereits heuer ein gemeinsames Album mit eigenen Songs erscheinen.